Migräne Welche Medikamente helfen – und was „Migräne-Spritzen“ bringen

Migräne - Welche Medikamente helfen – und was „Migräne-Spritzen“ bringen
„Mir hilft es gegen Migräne, viel draußen an der frischen Luft spazieren zu gehen. Das macht den Kopf frei.“, Walter Kracheel, lang­jähriger Patient © Pablo Castagnola

Ungefähr jeder siebte Deutsche leidet an Migräne. Schmerz­mittel und spezielle Migräne-Medikamente, sogenannte Triptane, können im Akutfall Linderung bringen. Vorbeugend verordnen Ärzte verschiedene rezept­pflichtige Wirk­stoffe. Unser Test zeigt, welche Medikamente unsere Experten als geeignet einstufen, welche Verhaltens­tipps Patienten helfen und was vom neuen Hoff­nungs­träger, der „Migräne-Spritze“, zu halten ist.

Inhalt

Das bietet der Migräne­mittel-Test der Stiftung Warentest

Arznei­mittel­bewertungen.
Unsere Tabellen zeigen Bewertungen unserer Arznei­mittel­experten für rezept­freie und rezept­pflichtige Medikamente gegen Migräne – darunter vorbeugende Medikamente sowie Mittel für den Akutfall, unter anderem gegen Übel­keit. Außerdem geben wir erst­mals unsere Einschät­zung zu den neu auf den Markt gekommenen „Migräne-Spritzen“.
Preis­vergleich.
Rezept­freie Präparate sind meist selbst zu zahlen. Wir nennen die preisgüns­tigsten empfohlenen Mittel.
Hintergrund und Tipps.
Wir erklären, wie Migräne-Atta­cken ablaufen und wie die Krankheit behandelt werden kann. Und wir sagen anhand von Fall­beispielen, mit welchen Verhaltens­regeln Betroffene ihr Leiden lindern können.
Heft­artikel.
Wenn Sie das Thema frei­schalten, erhalten Sie Zugriff auf das PDF zum Testbe­richt aus test 2/2019.

Migräne: Belächelte Volks­krankheit

Migräne ist ein Biest. Ein wichtiger Termin? Der lang­ersehnte Urlaub? Egal. Sie kommt, wie sie kommt. Und äußert sich mit heftigen, pochend-pulsierenden Kopf­schmerzen sowie weiteren Symptomen wie Übel­keit, Schwindel, Licht-, Lärm- und Geruchs­empfindlich­keit. Nicht-Betroffene wie Freunde, Nach­barn, Kollegen oder der Chef können das Leiden schwer nach­empfinden. Von „über­empfindlich“ bis „Drückeberger“ kursiert so manches Klischee über Patienten – was viele zusätzlich enorm belastet. Migräne plagt ungefähr 10 bis 15 Prozent der Menschen in Deutsch­land und zählt zu den Volks­krankheiten.

Was man Migränepatienten nicht sagen sollte

„Das sind doch nur Kopf­schmerzen.“
Von wegen. Migräne verläuft meist weit­aus heftiger als „gewöhnliche“ Kopf­schmerzen. Und sie erzeugt weitere Symptome wie Übel­keit, Schwindel, Licht- und Lärm­über­empfindlich­keit. Das Gesamt­paket quält enorm.
„Du bleibst ganz schön oft zu Hause.“
Das machen sich Betroffene selbst zum Vorwurf – und würden wahn­sinnig gern arbeiten statt mal wieder zu Hause im Bett die Hölle zu durch­leben.
„Geh doch mal raus an die frische Luft.“
Ja, ein Spaziergang an der frischen Luft tut Betroffenen gut – in der schmerz­freien Phase. Während einer Migräneattacke ist für viele hingegen schon die kleinste Bewegung der reinste Horror. Da ist an Spazieren­gehen nicht zu denken.
„Du siehst aber gut aus – gar nicht krank.“
Migräne macht sich zwischen den Atta­cken äußerlich nicht bemerk­bar. Ganz anders allerdings ist die Lage während der Anfälle.
„Du nimmst ja viele Medikamente.“
Das ist nicht verwerf­lich. Viele Patienten brauchen täglich Arzneien, um Atta­cken vorzubeugen. Und im Akutfall zählt oft schnellst­möglich ein Akutmedikament.

Was bringen die „Migräne-Spritzen“?

Verschiedene Medikamente können das Leiden lindern – akut oder vorbeugend. Als neue Hoff­nungs­träger gelten spezielle vorbeugende Wirk­stoffe zum Spritzen. Sie blockieren die Auswirkungen eines Stoffs, der im Nerven­system gebildet wird und beim Entstehen der Erkrankung eine große Rolle spielt: Calcitonin Gene-Related Peptide, kurz CGRP. Mehrere Pharmafirmen forschen an dem Prinzip. Das erste Präparat ist seit November 2018 in deutschen Apotheken verfügbar. Es heißt Aimovig und enthält den Wirk­stoff Erenumab. Patienten spritzen es sich normaler­weise alle vier Wochen selber. Die Arznei­mittel-Experten der Stiftung Warentest sagen, was von diesen neuen „Migräne-Spritzen“ zu halten ist.

Nicht alle gängigen Arznei­mittel sind geeignet

Zu den üblichen vorbeugenden Migräne-Mitteln zählen etwa rezept­pflichtige Beta­blocker. Im Akutfall wiederum kommen vor allem Schmerz­mittel und sogenannte Triptane zum Einsatz. Viele – aber nicht alle – Migräne-Medikamente sind laut Bewertung unserer Arznei­mittel­experten geeignet. Die Auswahl richtet sich nach Schwere und Häufig­keit sowie Begleit­erkrankungen und Besonderheiten, etwa bei Kindern oder Schwangeren. Daher ist die Abklärung beim Arzt wichtig. Erster Ansprech­partner bei verdächtigen Symptomen ist der Haus­arzt, der gegebenenfalls an Neurologen oder Schmerzmediziner verweisen kann.

Auch Verhaltens­änderungen können helfen

Viele Patienten können ihr Leiden auch lindern, indem sie bestimmte Verhaltens­regeln befolgen. Sport, Entspannungs­übungen und ein geregelter Tages­ablauf beispiels­weise können helfen. Auch kann es etwas bringen, nach Auslösefaktoren zu suchen und sie fortan möglichst zu meiden. Denn inzwischen ist bekannt, dass diverse „Trigger“ Atta­cken begüns­tigen können. Welche Maßnahmen Migräne-Anfällen vorbeugen, ist von Patient zu Patient höchst unterschiedlich. Hier kann etwa ein Kopf­schmerz-Tage­buch helfen.

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9 Kommentare Diskutieren Sie mit

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Nutzer­kommentare können sich auf einen früheren Stand oder einen älteren Test beziehen.

gänseblümchen77 am 19.02.2019 um 17:42 Uhr
@B.Klaas

Googeln Sie mal nach Hemikranie. Eigentlich wird Indometacin eingesetzt, um das zu diagnostizieren und zu behandeln. Das ist noch etwas anderes, wie Migräne.

imma am 05.02.2019 um 16:03 Uhr
Candesartan bietet Schutz vor Migräne-Attacken

29.08.2013
Von: Dr. Anja Braunwarth
Bei Migräne werden gerne Beta-Blocker eingesetzt. Wie jetzt eine Studie ergab, könnte das Arsenal der Therapeutika durch Candesartan bald erweitert werden.
Der Angiotensin-Rezeptorantagonist Candesarten vermag Migräneattacken ebenso effektiv zu verhindern wie Propranolol, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Norwegische Kollegen behandelten 72 Patienten mit episodischer oder chronischer Migräne über drei 12-Wochen-Perioden jeweils mit Candesartan (16 mg), Propranolol (80 mg retard) oder Placebo.
Migräneprophylaxe - Candesartan vs. Propanolol
Beide Verumsubstanzen wirkten besser als Placebo und Candesartan zeigte sich gegenüber Propranolol nicht unterlegen. Insgesamt verzeichnete man pro Monat 2,95 Kopfschmerztage unter Candesartan, 2,91 Tage unter Pro​pranolol und 3,53 Tage unter Placebo.

bella440 am 29.01.2019 um 21:01 Uhr
Nehme Sumatriptan

Was habe ich mir seit meinem 16. Lebensjahr alles schon anhören müssen, denn seitdem habe ich meine Migräne mit Aura, welche ihre Daseinsform alle paar Jahre stark ändert wie ein Chamäleon. "Du musst ruhiger werden"; "wenn Sie so oft fehlen, spielen Sie mit Ihrem Job etc. etc. Nach der Wende war ich froh, dass mir meine Hausärztin endlich ein Triptan verschrieben hat, denn die Neurologin hatte von mir verlangt, bei jedem Anfall vorbei zukommen und mich dann an einen Tropf gelegt. Das brachte Nichts. Ich habe mir vor Sumatriptan während eines Anfalls oft gewünscht, tot zu sein, so schlimm waren die Anfälle. Da hat auch keine Nadeltherapie geholfen, ebenfalls kein autogenes Training. Ich bin froh, dass es Triptane gibt, ich nehme wegen Herzrythmusstörungen nur eine halbe Tablette und es hilft in 98 von 100 %.
Und meine 40jährige Migräneerfahrung ist, dass mein Heißhunger auf Süßes und regelrechte Fressattacken nicht die Trigger sondern der Beginn des Anfalls sind.

bella440 am 29.01.2019 um 20:56 Uhr

Kommentar vom Autor gelöscht.

LaudineK am 29.01.2019 um 17:37 Uhr
Doppelte Dosis

Der Ärztin, die hier einen Kommentar hinterlassen hat, kann ich nur einen Rat geben: versuchen Sie es mal mit der doppelten Dosis, also mit 140 mg Aimovig. Vielleicht klappt es ja dann! Habe auch zwei Monate lang jeweils 70 mg bekommen - Erfolg gleich Null. Ich hatte sogar 20 Migränetage innerhalb von 30 Tagen. Vor gut zwei Wochen bekam ich dann die doppelte Dosis gespritzt. Erfolg? Unbedingt! Habe seither erst 3 Migränetage innerhalb von 15 Tagen!