Über­ziehungs­zins beim Giro­konto Test

Noch immer sind die Dispozinsen für das Über­ziehen des Giro­kontos viel zu hoch. Kein Wunder, dass etliche Banken ihren Zins lieber nicht klar angeben. Die Tester von Finanztest haben sich durch die deutschen Dispozinsen gekämpft. Ihre Unter­suchung zeigt, welche Banken bei den Zinsen immer noch ordentlich zulangen und welche Banken fair sind.

Die Banken bleiben zugeknöpft

Man glaubt es kaum. Immer noch hüten viele Banken die Höhe des Dispozinses, den sie für die Über­ziehung des privaten Giro­kontos kassieren, wie ein Staats­geheimnis. Sie ignorieren Appelle von Politik und Banken­verbänden, die genaue Höhe des Dispozinses in der Filiale und auf ihrer Internetseite zu veröffent­lichen. Wie zugeknöpft Banken auf die simple Frage nach der Höhe des Dispozinses reagieren, zeigt unser neuester Test. Nur 424 von 1 472 befragten Kredit­instituten teilten uns die Höhe des Dispozinses mit. Gut zwei Drittel verweigerten eine Auskunft.

In Lengerich ist man besonders stur

Besonders stur ist die Stadt­sparkasse Lengerich in Nord­rhein-West­falen. Sie erhielt nach unserem Test im Jahr 2014 sogar Post von der Bundes­anstalt für Finanz­dienst­leistungs­aufsicht (Bafin). Trans­parenter ist die Sparkasse dennoch nicht geworden. „Ich werde (wieder) nicht antworten. Mal sehen, ob uns die Bafin wieder schreibt …“, erklärt ein Mitarbeiter in einer Mail an einen Kollegen, die er uns versehentlich schickte.

Tester zu Verweigerern geschickt

Geholfen hat die Weigerung der Sparkasse nicht. Nachdem wir auch im Internet keine Angaben zur Zins­höhe fanden, schickten wir unsere Tester los. Sie ermittelten in der Filiale, dass der Dispozins der Stadt­sparkasse 12,25 Prozent beträgt. Das ist aus Sicht von Finanztest zu viel. In Zeiten, in denen Banken Sparern kaum Zinsen zahlen und sich selbst zu Nied­rigst­zinsen Geld beschaffen können, muss ein fairer Zins deutlich unter 10 Prozent liegen. Auch die Ausfall­quote beim Dispo gibt Banken keine Recht­fertigung für ihre hohen Zins­sätze. Sie beträgt nur gut 1 Prozent. Das heißt, die Banken bekommen das Geld fast immer zurück.

Die Banken verdienen prächtig

26 Prozent der Verbraucher in Deutsch­land über­ziehen ihr Konto wenige Male pro Jahr. Rund 17 Prozent tun es regel­mäßig. Im Schnitt sind 30 Prozent der Über­ziehungen höher als 500 Euro im Monat. Das ergab eine von der Bank ING-Diba beim Markt­forschungs­institut Ipsos in Auftrag gegebene Umfrage im Februar 2015. Banken verdienen also prächtig am Dispo. Das Volumen für Über­ziehungs­kredite in Deutsch­land beträgt laut Bundes­bank­bericht vom Juli 2015 gut 34,5 Milliarden Euro. Jeder Prozent­punkt mehr spült – grob über alle Institute gerechnet – 345 Millionen Euro in die Kassen der Banken. Auch in diesem Jahr wollten uns zehn der elf teuersten Banken, die einen unver­schämt hohen Dispozins von 13 Prozent und mehr kassieren, ihren Zins­satz nicht nennen (Daten­bank: Banken mit unverschämt hohem Dispo).

Dispozinsen der über­egionalen Banken mit den meisten Giro­konten

Über­ziehungs­zins beim Giro­konto Test

Bis zu 16 Prozent Dispozins

Die genauen Konditionen dieser Institute mussten Tester für uns fast immer in der Filiale ermitteln. Dabei schoss die Raiff­eisen­bank Trost­berg-Traunreut mit einem Dispozins von bis zu 16 Prozent den Vogel ab. Am Ende blieben drei Banken übrig, deren Zins­sätze unsere Tester auch in der Filiale nicht heraus­finden konnten (siehe Grafik). Bei der Raiff­eisen­bank Gammes­feld, der kleinsten Bank Deutsch­lands, hat unser Tester keinen Preis­aushang gefunden. Bei der Stadt- und Kreissparkasse Moosburg an der Isar blieb unklar, welcher Zins­satz gilt. Bei der Raiff­eisen-Volks­bank Saale-Orla waren drei Test­besuche nötig. Erst beim dritten Besuch fand der Tester den Preis­aushang in einem Ordner in der Schalterhalle. Er durfte ihn abschreiben, aber nicht fotografieren. Das ist für uns keine gesicherte Dokumentation des Dispozinses.

So haben sich die Finanztester durch­gearbeitet

Über­ziehungs­zins beim Giro­konto Test

Es gibt auch gute Banken

Es geht aber auch anders. 424 Banken fürchten sich nicht vor Trans­parenz. Sie nannten uns ohne Umschweife ihre Dispozinsen. Testsieger ist – wie in den Vorjahren – auch dieses Mal wieder die Deutsche Skat­bank. Die Direkt­bank nimmt von allen Kunden nur einen Dispozins von 4,49 Prozent für ihr online geführtes Konto. Bei ihrem zweiten Konto­modell verzichtet die Deutsche Skat­bank sogar komplett auf Zinsen, wenn Kunden ihr Giro­konto über­ziehen. Allerdings kostet das Konto mehr als 7 Euro im Monat und ist deshalb nicht in der Tabelle der güns­tigsten Banken aufgeführt. Welche Institute einen güns­tigen Dispozins haben, können Sie in unserer Datenbank Dispozinsen leicht heraus­filtern. Wenn Sie nur einen kurzen Über­blick bekommen wollen, welche Banken maximal 8,5 Prozent verlangen bei einem monatlichen Konto­preis von höchs­tens 7 Euro: Im kostenlosen PDF zu diesem Artikel finden Sie eine entsprechende Tabelle.

Tipp: Wenn Sie oft „im Dispo“ sind, denken Sie über eine Umschuldung nach. Sie finden auf test.de eine Datenbank mit günstigen Ratenkrediten.

Unsere Hartnä­ckig­keit zahlt sich aus

Insgesamt sind die Dispozinsen im Schnitt gegen­über 2014 um 0,4 Prozent­punkte gesunken. Auch die Zahl der Banken, die unver­schämte 13 Prozent und mehr kassieren, sank von 35 auf 11 Banken. Ein Fort­schritt ist auch, dass die Hälfte aller Kredit­institute ihre unanständig hohen Zinsen für Kunden, die auch noch den Rahmen für den Dispokredit über­ziehen, abge­schafft haben. Offen­bar hat unsere jahre­lange hartnä­ckige Kritik gewirkt und einen Groß­teil der teuren Banken zum Umdenken gebracht.

Faule Ausreden der Banken

Über­ziehungs­zins beim Giro­konto Test

„Mehr Trans­parenz wird es Banken schwerer machen, in Nied­rigzins­phasen noch so hohe Dispozinsen zu verlangen.“ Heiko Maas, Bundes­minister für Justiz und Verbraucher­schutz.

Ärgerlich ist allerdings weiter die mangelnde Trans­parenz. Vielleicht hoffen Banken und Sparkassen, die den Zins­satz nicht nennen oder verschleiern, dass Kunden auf der Suche nach einem Giro­konto nur die Höhe der Konto­führungs­gebühren berück­sichtigen – nicht aber auf die Höhe des Dispozinses achten. Das legen jedenfalls die faulen Ausreden nahe, die unsere anonym auftretenden Tester in den Filialen zu hören bekamen. „Ohne Vorlage des Personal­ausweises darf ich Ihnen nach dem Geld­wäschegesetz keine Auskunft geben“, erklärte ein Mitarbeiter der Raiff­eisen­bank Bechhofen. Das ist natürlich Unsinn! Die Hütten­berger Bank verwies unseren Test­kunden, der keinen Ausweis vorlegen wollte, auf die etwa 300 Meter entfernt liegende Volks­bank Mittel­hessen. „Die hat vergleich­bare Konditionen“, hieß es. Auch das stimmt nicht, wie wir im Rahmen unseres Tests fest­stellten: Bei der Volks­bank Mittel­hessen beträgt der Dispozins nur 8,47 Prozent. Er ist damit knapp 2,5 Prozent­punkte nied­riger als bei der Hütten­berger Bank.

Gesetz soll für Trans­parenz sorgen

Die Beispiele zeigen, wie schwer es für Verbraucher bei vielen Banken ist, die Höhe des Dispozinses heraus­zufinden. Finanztest fordert deshalb seit Jahren, dass Banken die Dispozins­sätze auf ihren frei zugäng­lichen Internet­seiten veröffent­lichen. Ein von Bundes­justiz­minister Heiko Maas auf den Weg gebrachtes Gesetz soll Banken jetzt dazu zwingen. Maas hofft, dass mehr Trans­parenz mehr Wett­bewerb schafft. Wenn Verbraucher die Zins­sätze schnell und einfach vergleichen können, würden Banken unter dem Druck der Konkurrenz ihre Dispozinsen senken. Eine Deckelung für den Über­ziehungs­zins, wie ihn viele Verbraucherschützer seit langem fordern, ist im Gesetz, das nächstes Jahr in Kraft treten soll, nicht vorgesehen.

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