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Herzmittel: Nitrate

Wirkungsweise

Nitrate werden im Körper zu Stickoxid umgebaut, das auf die willentlich nicht steuerbare Muskulatur im Körper entspannend wirkt. Nitrate helfen bei Angina Pectoris, da sie erweiternd auf die Herzkranzgefäße wirken und das Herz so mit mehr Sauerstoff versorgen. Im Vordergrund steht jedoch die entspannende Wirkung auf die Muskelfasern der Venen, die das Blut zum Herzen zurückbefördern. Das Blut sammelt sich dadurch verstärkt in den Körpervenen, was bedeutet, dass es langsamer und in geringerer Menge zum Herzen zurückfließt. Dadurch muss das Herz weniger Blut in den Kreislauf pumpen, braucht weniger Sauerstoff und wird so entlastet (Vorlastsenkung). Der Angina-Pectoris-Anfall lässt nach, bei Dauerbehandlung nimmt die Anzahl der Anfälle ab. Die Vorlastsenkung lässt sich auch bei Herzschwäche nutzen.

Nicht steuerbare Muskulatur gibt es nicht nur in Blutgefäßen sondern auch in Gallenwegen und Harnleitern, weshalb die schnellwirkenden Nitrate auch bei Gallen- und Nierensteinkoliken eingesetzt werden.

Zu den Nitraten gehören vier verschiedene Substanzen, die sich in der Anzahl der Nitratanteile unterscheiden (Mono-, Di-, Tri- und Tetranitrate mit jeweils einem, zwei, drei oder vier Nitratanteilen in der chemischen Struktur). Erwünschte und unerwünschte Wirkungen sind weitgehend gleich. Die einzelnen Substanzen wirken jedoch unterschiedlich schnell und lange, daraus ergibt sich ihr Einsatzgebiet. Glyceroltrinitrat (= Nitroglyzerin) und Isosorbiddinitrat wirken sehr schnell. In einer schnell freisetzenden Darreichungsform (Spray, Sublingualtabletten) sind sie Mittel der Wahl bei akuten Angina-Pectoris-Anfällen. Isosorbidmononitrat und Pentaerithrityltetranitrat wirken langsamer und länger. Sie werden – ebenso wie Präparate mit verzögerter Wirkstofffreisetzung von Isosorbiddinitrat – in der langfristigen vorbeugenden Behandlung bei Angina Pectoris und koronarer Herzerkrankung eingesetzt, um die Krankheitssymptome abzumildern.

Schnellwirkende Nitrate sind bei Angina Pectoris im aktuen Anfall geeignet, um die dabei auftretenden Beschwerden zu lindern, sowie vor belastenden Situationen, um einem Anfall vorzubeugen. Bei stabiler Angina Pectoris sollten Sie stets ein schnell wirkendes Nitrat zur Hand haben, um einem Anfall abzumildern oder zu verkürzen.

Langwirkende oder verzögert freigesetzte Nitrate wie Isosorbidmono- und dinitrat sind bei Angina Pectoris geeignet, um die dabei auftretenden Beschwerden zu lindern und um weiteren Anfällen vorzubeugen. Sie können entweder als alleinige Mittel eingesetzt werden, wenn Betablocker nicht eingenommen werden dürfen, oder in Kombination mit diesen, wenn Betablocker alleine die Symptome nicht ausreichend lindern. Im Unterschied zu Betablockern ist für Nitrate nicht nachgewiesen, dass sich durch die Behandlung auch Herzinfarkten vorbeugen lässt.

Pentaerythrityltetranitrat ist nur "mit Einschränkung geeignet". Das Mittel wird zwar schon seit Langem angewendet, der therapeutische Stellenwert des Mittels sollte aber noch besser belegt werden. In einer aktuellen Studie verbesserten sich die bei körperlicher Belastung auftretenden Symptome im Allgemeinen nicht, wenn die Patienten drei Monate lang täglich Pentaerythrityltetranitrat einnahmen. Nur bei Patienten mit sehr schweren Formen von Angina Pectoris gab es Hinweise auf eine günstige Wirkung.

Anwendung

Alle Nitrate senken den Blutdruck, weil sie die Blutgefäße im ganzen Körper weiten. Manchmal sinkt der Blutdruck so sehr ab, dass Ihnen schwindlig wird oder Sie kurzzeitig ohnmächtig werden. Wenn Sie Nitropräparate das erste Mal anwenden, sollten Sie dies im Sitzen oder Liegen tun.

Hat der Arzt Ihnen einen Spray verordnet, sprühen Sie die Flüssigkeit ein- bis zweimal in die Mundhöhle und atmen dabei nicht ein, sonst gelangt der Wirkstoff in die Luftröhre statt auf die Mundschleimhaut. Das schadet zwar nicht, aber die Wirkung verpufft. Zwischen dem ersten und zweiten Sprühstoß müssen etwa 30 Sekunden Abstand liegen.

Glyceroltrinitrat wird rasch über die Mundschleimhaut direkt ins Blut aufgenommen. Sie müssen den Spray so lange wie möglich im Mund behalten.

Die Schmerzen und das Engegefühl in der Brust lassen sofort nach, spätestens jedoch nach ein bis drei Minuten. Wenn nicht, können Sie die Mittel nach fünf Minuten erneut anwenden. Bessern sich die Beschwerden jedoch nach drei aufeinander folgenden Anwendungen nicht innerhalb von 15 Minuten, sollte unverzüglich der Notarzt (Telefon 112) gerufen werden, weil es sein kann, dass ein Herzinfarkt aufgetreten ist.

Wenn Sie wissen, dass eine belastende Situation unmittelbar bevorsteht, können Sie das Mittel auch fünf bis zehn Minuten vorher anwenden.

Wenn Sie bereits vorbeugend Nitrate einnehmen, müssen Sie die Dosis im akuten Anfall eventuell erhöhen, weil sich Ihr Körper an die Wirkstoffe gewöhnt hat. Näheres unter Auf die Pause kommt es an.

Isosorbiddinitrat (ISDN) Sublingualtabletten lassen Sie unter der Zunge oder in der Wangentasche zergehen.

Diese Sublingualtabletten können Sie auch vorbeugend anwenden, wenn eine belastende Situation bevorsteht.

Tabletten in Retardform eignen sich zur Vorbeugung und Langzeitbehandlung, nicht jedoch zur Behandlung eines akuten Angina-Pectoris-Anfalls. Der Arzt sollte die Behandlung mit einer niedrigen Dosis beginnen und diese schrittweise über mehrere Tage erhöhen, bis eine Wirkung erkennbar ist.

Wollen Sie die Behandlung beenden, dürfen Sie die Nitrattabletten nicht abrupt weglassen, weil die Angina-Pectoris-Anfälle dann heftiger und zahlreicher auftreten (Rebound-Phänomen). Sie müssen die Dosis der Mittel über mehrere Tage langsam verringern.

Isosorbidmononitrat (ISMN) nehmen Sie am besten morgens und abends nach dem Essen. Wenn nötig, kann der Arzt die Dosis schrittweise erhöhen. Von Retardpräparaten nehmen Sie höchstens zweimal 40 Milligramm täglich.

Bei Pentaerythrityltetranitrat (PETN) wird die Dosis vom Arzt entsprechend Ihrer Beschwerden festgelegt. Üblich sind 100 bis 150 Milligramm PETN über den Tag verteilt.

Achtung

Einige Mittel enthalten Alkohol (siehe Tabelle). Personen mit Alkoholproblemen dürfen sie nicht einnehmen. Auch Leberkranke und Menschen mit Anfallleiden sollten den Alkoholgehalt berücksichtigen. Darüber hinaus kann Alkohol die Wirkung vieler Arzneimittel (z. B. Schlaf- und Beruhigungsmittel, Psychopharmaka, starke Schmerzmittel, einige Mittel bei hohem Blutdruck) verstärken.

Gegenanzeigen

Unter folgenden Bedingungen dürfen Sie keine Nitrate anwenden:

  • Sie reagieren überempfindlich auf Nitroverbindungen.
  • Sie haben einen ausgeprägt niedrigen Blutdruck, bei dem der erste (systolische) Wert bei 90 mmHg oder tiefer liegt.
  • Sie nehmen die Wirkstoffe Sildenafil oder Tadalafil bei Lungenhochdruck oder gegen Erketionsstörungen ein. Das gilt auch für das Potenzmittel mit dem Wirkstoff Vardenafil.

Unter folgenden Bedingungen muss der Arzt Nutzen und Risiken der Mittel besonders sorgfältig abwägen:

  • Ihr Herzmuskel ist so stark vergrößert, dass er das Blut nicht mehr in ausreichender Menge in den Kreislauf befördern kann (hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie).
  • Die Funktion der linken Herzkammer ist deutlich eingeschränkt.
  • Der Herzbeutel ist entzündet und hat Kalk eingelagert (konstriktive Perikarditis, "Panzerherz").
  • Eine Ihrer Herzklappen ist nicht intakt und kann sich nicht richtig öffnen (Aorten- oder Mitralklappenstenose).
  • Sie neigen zu Kreislaufstörungen mit starkem Blutdruckabfall und Ohnmacht.

Wechselwirkungen

Wechselwirkungen mit Medikamenten

Wenn Sie Nitrate nur bei Bedarf anwenden, kommen die meisten Wechselwirkungen nicht zum Tragen (Ausnahme: die gefährliche Wechselwirkung mit Potenzmitteln). Sie machen sich vor allem dann bemerkbar, wenn Sie die Mittel langfristig und vorbeugend einnehmen.

Dann kann die blutdrucksenkende Wirkung von Mitteln, die ebenfalls bei koronarer Herzkrankheit oder bei Bluthochdruck angewendet werden, verstärkt werden. Dies gilt beispielsweise bei der gemeinsamen Anwendung mit Betablockern wie Metoprolol, Calciumantagonisten wie Amlodipin oder Verapamil, Diuretika wie Furosemid oder ACE-Hemmern wie Ramipril. Die zusätzliche Blutdrucksenkung kann mitunter auch erwünscht sein.

Werden Nitrate allerdings gemeinsam mit Mitteln eingesetzt, die neben ihrer erwünschten Wirkung zusätzlich als unerwünschte Wirkung den Blutdruck absinken lassen, kann dies ungewollt zu Schwindel, Kopfschmerzen oder Schwarzsehen führen. Dies ist beispielsweise bei Wirkstoffen wie Haloperidol (bei Psychosen, Schizophrenie) oder Amitriptylin (bei Depressionen) der Fall.

Unbedingt beachten

Sie dürfen nicht gleichzeitig Mittel mit dem Wirkstoff Sildenafil (Viagra), Tadalafil (Cialis) – bei Erektionsstörungen und Lungenhochdruck – und Vardenafil (Levitra, bei Erektionsstörungen) einnehmen, weil dann der Blutdruck so stark abfallen kann, dass der Kreislauf zusammenbricht, oder die Durchblutung in den Herzkranzgefäßen so stark nachlässt, dass sich ein – oft tödlicher – Herzinfarkt ereignet.

Wechselwirkungen mit Speisen und Getränken

Alkohol verstärkt die blutdrucksenkende Wirkung der Nitrate.

Nebenwirkungen

Wenn Sie Nitrate nur bei Bedarf anwenden, verlieren die meisten unerwünschten Wirkungen an Bedeutung. Sie machen sich vor allem bemerkbar, wenn Sie die Mittel langfristig und vorbeugend einnehmen.

Keine Maßnahmen erforderlich

Vor allem zu Beginn einer Nitratbehandlung treten oft Kopfschmerzen auf (bei mehr als 10 von 100 Behandelten), gelegentlich (bei 1 bis 10 von 1 000) auch Hitzewallungen mit Hautrötung (Flush). Das beruht darauf, dass die Mittel alle Blutgefäße im Körper weiten, auch die im Gehirn. Sie können diesen Effekt mildern, wenn Sie die Mittel anfangs besonders niedrig dosieren und dann langsam steigern, bis Sie die vom Arzt empfohlene Dosis erreicht haben. Bei weiterer Anwendung lassen die Symptome nach und verschwinden dann meist ganz.

Gelegentlich (bei 1 bis 10 von 1 000) kommt es zu Übelkeit und Erbrechen.

Muss beobachtet werden

Häufig (bei 1 bis 10 von 100 Behandelten) sinkt der Blutdruck zu Beginn der Behandlung oder bei einer Erhöhung der Dosis stark ab, sodass Ihnen schwindlig oder schwarz vor Augen werden kann, insbesondere wenn Sie sich aus dem Liegen rasch aufrichten oder schnell aufstehen. Wenn solche Beschwerden sehr beeinträchtigend sind, sollten Sie mit dem Arzt darüber sprechen.

Fällt der Blutdruck zu schnell und zu stark ab, erhält der Herzmuskel zu wenig Sauerstoff und es kann erneut ein Angina-Pectoris-Anfall einsetzen. Wenn diese unerwünschte Wirkung wiederholt auftritt, müssen Sie den Arzt informieren, damit er die Dosis besser einstellen kann.

Wenn die Haut sich verstärkt rötet und juckt, reagieren Sie vermutlich allergisch auf das Mittel. Bei solchen Hauterscheinungen sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Sofort zum Arzt

Verstärkt sich der juckende Hautausschlag und treten zusätzlich Herzrasen, Atemnot, Schwäche und Schwindel auf, müssen Sie unverzüglich den Notarzt (Telefon 112) rufen, weil es sich um eine lebensbedrohliche Allergie handeln kann.

Wenn der Blutdruck so stark absinkt, dass Sie ohnmächtig geworden sind, müssen Sie sofort ärztlich behandelt werden.

Besondere Hinweise

Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren

Für die Behandlung von Kindern liegen keine ausreichenden Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit der Mittel vor.

Bedenken Sie, dass einige Mittel Alkohol enthalten (siehe Tabelle). Zur Behandlung von Kindern sollten Sie alkoholfreie Mittel vorziehen.

Für Schwangerschaft und Stillzeit

Nitrate können in Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden, wenn der Arzt Nutzen und Risiken sorgfältig bedacht hat.

Bedenken Sie, dass einige Mittel Alkohol enthalten (siehe Tabelle). Alkoholfreie Präparate sind vorzuziehen.

Zur Verkehrstüchtigkeit

Als unerwünschte Wirkung kann Schwindel vor allem zu Beginn einer Behandlung mit Nitraten auftreten und auch wenn während der Behandlung die Dosis erhöht oder auf ein anderes Nitrat umgestellt wird. Wenn Sie mit Nitraten behandelt werden, sollten Sie so lange nicht aktiv am Verkehr teilnehmen, keine Maschinen bedienen und keine Arbeiten ohne sicheren Halt verrichten, bis klar ist, dass Sie das Mittel vertragen, ohne dass Ihnen schwindelig oder schwarz vor Augen wird.

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