Medikamente im Test

Atomoxetin

Wirkungsweise

Atomoxetin verändert die Konzentration von Nervenbotenstoffen im Gehirn, insbesondere von Noradrenalin. Man geht davon aus, dass sein Einfluss auf ADHS auf diesem Effekt beruht. Anders als Methylphenidat gehört Atomoxetin nicht zu den anregenden und euphorisierenden Substanzen.

Die therapeutische Wirksamkeit von Atomoxetin wurde im Vergleich zu einer Scheinbehandlung zwar in klinischen Studien nachgewiesen, ob es jedoch Vorteile gegenüber Methylphenidat hat, ist zweifelhaft. Es gibt im Gegenteil Hinweise, dass Atomoxetin die ADHS-Symptomatik weniger gut beeinflusst als Methylphenidat. Atomoxetin kann also allenfalls eine Behandlungsoption sein, wenn Methylphenidat nicht angewendet werden kann. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn das Kind unter Tics oder Angststörungen leidet oder die Gefahr besteht, dass Methylphenidat missbräuchlich angewendet wird. Zudem ist noch nicht hinreichend geklärt, wie sich die Anwendung von Atomoxetin über lange Zeit auf Körper und Psyche auswirkt. Derzeit bestehen Bedenken hinsichtlich Nebenwirkungen wie Leberschäden und Selbsttötungsgedanken. Die Bewertung – unter den für dieses Anwendungsgebiet gegebenen Voraussetzungen – lautet daher "mit Einschränkung geeignet".

Die gleiche Beurteilung erhält Atomoxetin für den Einsatz bei Erwachsenen. Für sie liegen noch weniger Erfahrungen mit dem Mittel vor als bei Kindern. Hinzu kommt, dass es offenbar etwas weniger wirksam ist als Methylphenidat.

Anwendung

Die Dosierung von Atomoxetin orientiert sich bei Kindern an ihrem Gewicht. Die Behandlung beginnt mit einer geringen Dosis (z. B. 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht). Nach jeweils einer Woche kann die Wirkstoffmenge gesteigert werden, wenn es erforderlich ist. Die empfohlene Tageshöchstdosis liegt bei 100 Milligramm Atomoxetin, die auf einmal, gegebenenfalls auch in zwei Portionen eingenommen wird.

Auch Erwachsene beginnen zunächst mit einer geringen Dosis Atomoxetin und steigern diese langsam bis zur wirksamen Menge. Die Anfangsdosis liegt bei 40 Milligramm am Tag, die empfohlene Erhaltungsdosis zwischen 80 und 100 Milligramm pro Tag.

ADHS-Betroffene mit einer Leberfunktionsstörung kommen mit einer geringeren Dosierung aus.

Frühestens nach vier Wochen Atomoxetineinnahme ist mit einer spürbaren Wirkung zu rechnen. Die volle Wirksamkeit entfaltet sich erst nach sechs bis acht Wochen.

Die Behandlungsdauer hängt davon ab, wie die Patienten auf das Medikament ansprechen und ob negative Einflüsse auf das Herz erkennbar werden, z. B. ein Anstieg des Blutdrucks oder der Herzfrequenz. Dosierung und Einnahmenotwendigkeit sollten von einer Fachperson für Verhaltensstörungen mindestens einmal im Jahr überprüft werden. Außerdem sollte das Medikament immer wieder längere Zeit, z. B. in den Schulferien oder in der Urlaubszeit, abgesetzt werden. So lässt sich auch feststellen, ob es überhaupt noch notwendig ist.

Bei Kindern, die diese Mittel einnehmen, sind geringfügige Wachstumsverzögerungen aufgefallen. Darum sollte der Arzt regelmäßig die Körpergröße des Kindes bestimmen und sein Wachstum mit der Kurve vergleichen, wie sie im Untersuchungsheft für Kinder abgedruckt ist (Somatogramm). Besonders wichtig ist das für Kinder, die ohnehin zu den Kleinen ihres Alters gehören.

Vor Beginn der Behandlung und jedes Mal, wenn die Medikamentendosierung erhöht wird, müssen Herzfunktion (EKG), Blutdruck und Puls gemessen und in eine Kurve eingetragen werden. Während der Behandlung sind diese Kontrollen halbjährlich notwendig. Durch das Vergleichen der Werte wird sichergestellt, dass eventuelle Einflüsse von Atomoxetin auf das Herz rechtzeitig erkannt werden.

Gegenanzeigen

Unter folgenden Bedingungen darf Atomoxetin nicht eingesetzt werden:

  • Es wird gleichzeitig eine Therapie mit einem MAO-Hemmer wie Tranylcypromin (bei Depressionen) durchgeführt.
  • Es liegt ein Engwinkelglaukom (grüner Star) vor.
  • Es besteht eine Herz-Kreislauf-Erkrankung wie schwere Herzschwäche oder ein angeborener Herzfehler, bei der es ein Gesundheitsrisiko wäre, wenn Blutdruck oder Puls ansteigen würden.
  • Der zu Behandelnde hatte bereits einmal einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Unter folgenden Bedingungen sollte der Arzt Nutzen und Risiken der Behandlung mit Atomoxetin besonders sorgfältig abwägen:

  • Es besteht ein Bluthochdruck, eine Herzerkrankung mit schnellem Herzschlag oder eine Gefäßerkrankung.
  • Der Blutdruck ist zu niedrig.
  • Es besteht eine Epilepsie oder es gibt Krampfanfälle aus anderem Grund.

Wechselwirkungen

Wechselwirkungen mit Medikamenten

Wenn noch andere Medikamente eingenommen werden, ist zu beachten, dass Atomoxetin durch Medikamente wie Fluoxetin und Paroxetin (bei Depressionen) stärker wirken kann. Möglicherweise muss seine Dosierung angepasst werden. Zudem sollte seine Dosierung zu Beginn der Behandlung langsamer als sonst gesteigert werden.

Unbedingt beachten

MAO-Hemmer wie Tranylcypromin (bei Depressionen) lassen in Kombination mit Atomoxetin den Blutdruck gefährlich stark ansteigen und erhöhen das Risiko für innere Blutungen und Organschäden. Deshalb müssen MAO-Hemmer seit zwei Wochen abgesetzt sein, bevor Atomoxetin angewendet werden darf. Umgekehrt darf mindestens zwei Wochen lang kein Atomoxetin eingenommen worden sein, bevor die Behandlung mit einem MAO-Hemmer beginnt.

Atomoxetin kann möglicherweise in Kombination mit Mitteln bei Herzrhythmusstörungen wie Amiodaron oder Flecainid, Mefloquin (zur Malariavorbeugung), Neuroleptika wie Pimozid und Thioridazin (bei Schizophrenien und anderen Psychosen), trizyklischen Antidepressiva wie Clomipramin und Imipramin (bei Depressionen, Bettnässen), Lithium (bei Depressionen), Antibiotika aus der Gruppe der Makrolide wie Erythromycin oder der Chinolone wie Moxifloxacin (bei bakteriellen Infektionen) zu Herzrhythmusstörungen vom Typ Torsade de pointes führen. Näheres hierzu finden Sie unter Mittel bei Herzrhythmusstörungen: verstärkte Wirkung.

Nebenwirkungen

Die Behandlung mit Atomoxetin kann zu depressiver Verstimmung führen, in deren Folge sich Selbsttötungsgedanken einstellen können. Wenn Sie bei jemandem, der mit Atomoxetin behandelt wird, typische Depressionssymptome wie Schlafstörungen, Lustlosigkeit, Antriebsmangel, das Empfinden einer inneren Leere, Interesselosigkeit und Schuldgefühle bemerken, sollten Sie das umgehend einem Arzt mitteilen. Dann kann im Gespräch mit ihm über das weitere Vorgehen beraten werden.

Keine Maßnahmen erforderlich

Vor allem zu Beginn der Behandlung treten bei mehr als 10 von 100 Behandelten Übelkeit, Bauchschmerzen und Erbrechen sowie verminderter Appetit auf. Manchmal führt das zu einer Gewichtsabnahme. Auch Kopfschmerzen kommen häufig vor. In aller Regel lassen diese Symptome im Laufe der Behandlung nach.

Mehr als 1 von 100 Kindern werden müde. Erwachsene leiden dagegen eher unter Schlaflosigkeit (mehr als 10 von 100). Bei mehr als 10 von 100 Erwachsenen fühlt sich der Mund trocken an. Bei Männern kann die Potenz oder die Blasenentleerung beeinträchtigt sein; bei Frauen können Menstruationsstörungen auftreten.

Muss beobachtet werden

Bei mehr als 1 von 10 Behandelten kann der Blutdruck ansteigen, bei einigen sogar deutlich. Auch die Herzfrequenz kann zunehmen. Bei 1 bis 10 von 1 000 Kindern und Erwachsenen führt dies zu Herzrasen.

Wenn die Haut sich verstärkt rötet und juckt, ist dies vermutlich eine allergische Reaktion auf Atomoxetin. Bei solchen Hauterscheinungen sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Das Mittel kann die Leber schädigen. Treten Übelkeit und Erbrechen sowie dunkel gefärbter Urin auf und ist der Stuhl auffallend hell, sollten Sie sich an einen Arzt wenden.

Manche Menschen reagieren bei der Behandlung mit Atomoxetin aggressiv und feindselig, manche depressiv oder sie entwickeln Tics (unwillkürliche Zuckungen oder Handlungen) oder eine Psychose. Bei deutlichen Schwankungen der Gefühlslage, zunehmender Aggressivität und Erregung sollten Sie ärztliche Hilfe suchen. Gegebenenfalls sollte Atomoxetin abgesetzt werden.

Sofort zum Arzt

Das Mittel kann die Leber auch schwer schädigen. Wenn sich die Haut gelb färbt – möglicherweise begleitet von starkem Juckreiz am ganzen Körper –, sollten Sie sofort einen Arzt aufsuchen.

Es können Krampfanfälle auftreten. Sie sind allerdings selten und treffen vornehmlich diejenigen, die schon früher welche hatten.

Das Unterhautfettgewebe vor allem im Bereich des Gesichts, der Lippen oder der Zunge kann anschwellen, begleitet von Atemnot und Erstickungsanfällen (Quincke-Ödem oder angioneurotisches Ödem). Dann müssen Sie die Anwendung sofort abbrechen und unverzüglich den Notarzt (Telefon 112) rufen. Es kann sich um eine lebensbedrohliche Allergie handeln.

Vereinzelt sind bei Jungen langanhaltende, schmerzhafte Erektionen (Priapismus) aufgetreten. Bei einer Dauererektion muss sofort ein Arzt aufgesucht werden.

Brustschmerzen und Atemnot bei Belastung oder eine kurzzeitige Ohnmacht können durch einen Herzinfarkt oder schwerwiegende Herzrhythmusstörungen bedingt sein. Das muss umgehend ärztlich abgeklärt werden.

Besondere Hinweise

Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren

Kinder unter sechs Jahren dürfen mit Atomoxetin nicht behandelt werden.

Für Schwangerschaft und Stillzeit

Mit der Anwendung von Atomoxetin in Schwangerschaft und Stillzeit liegen keine ausreichenden Erfahrungen vor. Das Mittel sollte daher nicht eingenommen werden.

Zur Verkehrstüchtigkeit

Atomoxetin kann müde und schläfrig machen. Auch Schwindel kann auftreten. Beides kann die Fähigkeit beeinträchtigen, ein Fahrzeug zu lenken, Maschinen zu bedienen und Arbeiten ohne sicheren Halt zu verrichten. Diese Tätigkeiten sollten Sie erst dann wieder aufnehmen, wenn Sie sicher sind, dass Ihre Leistungsfähigkeit durch die Einnahme von Atomoxetin nicht beeinträchtigt wird.

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Anwendungsgebiete dieses Wirkstoffs