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Antidepressivum: Mirtazapin

Wirkungsweise

Mirtazapin wirkt antidepressiv und zusätzlich ausgeprägt dämpfend. Es wird bevorzugt bei einer Depression eingesetzt, bei der Unruhe und Schlafstörungen im Vordergrund stehen.

Der Name der Wirkstoffgruppe, zu der Mirtazapin zählt, lautet tetrazyklische Antidepressiva und kennzeichnet seinen chemischen Aufbau. Das Molekül besteht aus vier (griechisch: tetra) Ringen (griechisch: zyklus). Mit dieser Bezeichnung wird die Substanz zugleich in Beziehung gesetzt zu den "klassischen", den trizyklischen Antidepressiva, deren Molekül aus drei Ringen besteht. Bei anderen auf die Psyche wirkenden Mitteln deutet der Gruppenname auf den Wirkmechanismus hin, beispielsweise bei den selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI). Würde man die Gruppe der tetrazyklischen Antidepressiva nach dem Wirkmechanismus benennen, würden sie "noradrenerge und spezifisch serotonerge Antidepressiva" heißen (engl. noradrenergic and specific serotonergic antidepressants; NASSA). Die Vertreter dieser Wirkstoffgruppe sorgen für eine vermehrte Freisetzung von Noradrenalin und Serotonin aus den Nervenzellen.

Mirtazapin wird als "geeignet" bewertet, um Depressionen zu behandeln, insbesondere wenn Unruhe und Schlafstörungen das Krankheitsbild prägen und gegenüber anderen mit "geeignet" bewerteten Mitteln Vorteile zu erwarten sind. Es gibt jedoch keinen Beleg, dass Mirtazapin – etwa aufgrund seiner dämpfenden Eigenschaften – das Sterberisiko von Patienten mit Selbsttötungsideen verringert.

Bei Mirtazapin treten schwere Blutbildungsstörungen, wie sie bei der chemisch ähnlichen Substanz Mianserin als bedeutsame Nebenwirkung bekannt sind, nur in Einzelfällen auf. Ein weiterer Vorteil von Mirtazapin ist, dass bei diesem Wirkstoff eine Reihe von Nebenwirkungen deutlich schwächer ausgeprägt ist als bei den sonst häufig eingesetzten Antidepressiva, so treten beispielsweise Sexualstörungen bei diesem Mittel selten auf. Nachteilig bei der Behandlung mit Mirtazapin kann eine unter Umständen erhebliche Gewichtszunahme sein. Für diabetische Patienten dürfte es deshalb keine gute Wahl darstellen. Insbesondere bei älteren Patienten konnte in einer schwedischen Untersuchung zudem ein erhöhtes Sterberisiko aufgrund von unerwünschten Wirkungen am Herzen beobachtet werden.

Anwendung

Die Behandlung mit Antidepressiva beginnt mit einer niedrigen Dosis, die im Abstand von Tagen oder Wochen langsam gesteigert wird. Auf diese Weise gewöhnt sich der Körper an das Medikament und die anfangs oft störenden unerwünschten Wirkungen sind weniger belastend.

Die tägliche Dosis von Mirtazapin liegt zwischen 15 und 45 Milligramm und wird einmal täglich eingenommen.

Mirtazapin macht sehr müde. Daher empfiehlt sich seine Einnahme am Abend.

Bereits nach einer Woche können Aktivität und Antriebskraft wiederkehren und der Schlaf kann sich bessern. Die stimmungsaufhellende Wirkung wird nach ein bis drei Wochen spürbar. Nach vier bis sechs Wochen sollten die depressiven Symptome deutlich gemildert sein. Die Behandlung dauert in der Regel ein halbes Jahr. Um sie zu beenden, wird die Medikamentendosis langsam reduziert. Um wie viel und über welchen Zeitraum hinweg, richtet sich danach, ob der depressionsfreie Zustand stabil bleibt. Werden die Wirkstoffe entgegen dieser Empfehlung abrupt abgesetzt, können sich typische Entzugserscheinungen entwickeln: Übelkeit, Erbrechen, Schmerzen, Schlaflosigkeit, Nervosität, Kopfschmerzen, Erregtheit, Angst. Mehr dazu unter Was Sie beachten müssen, wenn Sie die Behandlung mit Antidepressiva beenden.

Ist die Tätigkeit Ihrer Nieren oder der Leber eingeschränkt, sollte der Arzt die Dosierung des Antidepressivums entsprechend verringern.

Achtung

Es gibt Hinweise, dass Depressionsmittel die Bereitschaft, sich Schaden zuzufügen oder sich das Leben zu nehmen, verstärken können. Näheres hierzu lesen Sie unter Antidepressiva und Selbsttötung.

Gegenanzeigen

Sie dürfen dieses Antidepressivum nicht anwenden, wenn Sie einen MAO-Hemmer (z. B. Tranylcypromin bei Depressionen) einnehmen oder das in den vergangenen 14 Tagen getan haben.

Bei schweren Lebererkrankungen gibt es keine Erfahrungen zur Anwendung.

Unter folgenden Bedingungen muss der Arzt Nutzen und Risiken besonders sorgfältig abwägen:

  • Bei Ihnen kommen Krampfanfälle vor.
  • Sie haben eine Herzerkrankung, bei der die Steuerung des Herzschlags gestört ist.
  • Ihre Prostata ist vergrößert.
  • Sie haben ein Engwinkelglaukom (grüner Star).
  • Bei Ihnen liegt eine Psychose oder eine Manie vor.

Wechselwirkungen

Wechselwirkungen mit Medikamenten

Wenn Sie noch andere Medikamente nehmen, ist zu beachten:

Zusammen mit Ketoconazol (innerlich bei Pilzerkrankungen), Makrolidantibiotika wie Erythromycin (bei bakteriellen Infektionen) sowie HIV-Mitteln wie Ritonavir kann Mirtazapin verstärkt wirken. Die Dosierung muss gegebenenfalls angepasst werden. Werden die genannten Wirkstoffe abgesetzt, muss Mirtazapin wieder höher dosiert werden. Umgekehrt kann Mirtazapin zusammen mit Carbamazepin oder Phenytoin (bei Epilepsien) sowie Rifampicin (bei Tuberkulose) schwächer wirken. Auch hier sind zu Beginn und zum Ende der gemeinsamen Behandlung Dosisanpassungen erforderlich.

Mirtazapin kann die dämpfende Wirkung von Benzodiazepinen (bei Angst-, Zwangs- und Schlafstörungen), müdemachenden Antihistaminika (bei Allergie), Neuroleptika (bei Schizophrenien und anderen Psychosen) und Opioiden (bei starken Schmerzen) verstärken.

Unbedingt beachten

Bei gleichzeitiger Anwendung mit MAO-Hemmern (z. B. Tranylcypromin bei Depressionen), SSRI wie Fluoxetin (bei Depressionen, Zwangsstörungen), Triptanen (bei Migräne), Tramadol und Fentanyl (bei starken Schmerzen), Linezolid (bei bakteriellen Infektionen), Venlafaxin, Lithium und Präparaten mit Johanniskraut (alle bei Depressionen) kann es zu dem potenziell lebensbedrohlichen Serotonin-Syndrom mit Erregungszuständen, Bewusstseinstrübung, Muskelzittern und -zucken sowie Blutdruckabfall kommen. Die Behandlung mit einem MAO-Hemmer muss vor mindestens 14 Tagen beendet worden sein, bevor Mirtazapin eingesetzt werden darf.

Wechselwirkungen mit Speisen und Getränken

Alkohol und dieses Antidepressivum verstärken gegenseitig ihre dämpfende Wirkung.

Nebenwirkungen

Keine Maßnahmen erforderlich

Bei Mirtazapin ist bei mehr als 10 von 100 Behandelten der Mund trocken. Sie fühlen sich müde und schläfrig. Bei einigen Menschen kann sich das auch in Gedächtnis- oder Erinnerungslücken äußern. Während der Behandlung können zudem Schwindel und Erbrechen auftreten.

Bei etwa 1 von 100 sinkt der Blutdruck ab. Wer dann zu schnell aufsteht, dem kann schwarz vor Augen werden.

Mehr als 10 von 100 Behandelten können einen gesteigerten Appetit entwickeln, in dessen Folge sie deutlich an Gewicht zunehmen. Menschen, die dafür eine Veranlagung haben, können dann infolge des Übergewichts Typ-2-Diabetes bekommen. Das Gewicht kann auch ansteigen, weil vermehrt Wasser in den Beinen eingelagert wird.

Muss beobachtet werden

Der Blutdruck kann auch deutlich ansteigen statt abzusinken. Händezittern, Herzrasen und Schwitzen können infolge vorkommen. Von diesen Beschwerden sollten Sie dem Arzt beim nächsten Besuch berichten; eventuell macht er dann ein EKG.

Bei Rücken- und Muskelschmerzen und Gelenkbeschwerden sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Das gilt auch, wenn Sie unwillkürliche Muskelzuckungen und Muskelzittern feststellen.

Wenn die Haut sich verstärkt rötet und juckt, reagieren Sie möglicherweise allergisch auf das Mittel. Bei solchen Hauterscheinungen sollten Sie einen Arzt aufsuchen, um zu klären, ob es sich tatsächlich um eine allergische Hautreaktion handelt, Sie das Mittel ersatzlos absetzen können oder ein Alternativmedikament benötigen.

Es können sich psychische Veränderungen einstellen. Sie äußern sich durch verstärkte innere Unruhe, Bewegungsdrang, sprunghafte Gedanken und erhöhte Risikobereitschaft. Wenn dies bedenkliche Formen annimmt, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Die Leberfunktion kann so gestört sein, dass sich die Gallenflüssigkeit staut (cholestatische Hepatose). Treten Übelkeit, Erbrechen und/oder dunkel gefärbter Urin auf und ist der Stuhl auffallend hell, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Sofort zum Arzt

Wenn Sie grippeartige Beschwerden haben, sich längere Zeit abgeschlagen und müde fühlen und Halsschmerzen und Fieber auftreten, kann es sich um eine Blutbildungsstörung handeln. Diese treten bei einer Behandlung mit Mirtazapin nur in Einzelfällen auf. In aller Regel zeigt sich eine Blutbildungsstörung in den ersten acht Behandlungswochen. Sie normalisiert sich wieder, wenn das Medikament abgesetzt wird. Da die Störung aber bedrohlich werden kann, müssen Sie bei den oben genannten Beschwerden umgehend einen Arzt aufsuchen und das Blutbild kontrollieren lassen.

Menschen, die zu Krampfanfällen neigen, können bei der Behandlung mit Mirtazapin einen epileptischen Anfall bekommen. Dann sollte sofort ein Arzt gerufen werden.

Die oben beschriebenen Hauterscheinungen können in sehr seltenen Fällen auch erste Anzeichen für andere sehr schwerwiegende Reaktionen auf das Arzneimittel sein. Meist entwickeln diese sich während der Anwendung des Mittels nach Tagen bis Wochen. Typischerweise dehnen sich die Hautrötungen aus, und es bilden sich Blasen ("Syndrom der verbrühten Haut"). Auch die Schleimhäute des gesamten Körpers können betroffen und das Allgemeinbefinden wie bei einer fiebrigen Grippe beeinträchtigt sein. Bereits in diesem Stadium sollten Sie sich sofort an einen Arzt wenden, denn diese Hautreaktionen können sich rasch lebensbedrohlich verschlimmern.

Besondere Hinweise

Für Schwangerschaft und Stillzeit

Wenn Sie schwanger sind und eine Depression medikamentös behandelt werden muss, sind unter den SSRI Citalopram und Sertralin und unter den trizyklischen Antidepressiva Amitriptylin und Imipramin die Mittel der Wahl. Mit ihnen liegen die meisten Erfahrungen vor.

Haben Sie jedoch schon vor der Schwangerschaft Mirtazapin eingenommen, können Sie dabei bleiben. Sie sollten aber mit dem Gynäkologen besprechen, ob Sie die Entwicklung des Kindes mit einer speziellen Ultraschalluntersuchung kontrollieren lassen.

Für eine Depressionsbehandlung während der Stillzeit sind SSRIs (außer Fluoxetin) die Mittel der Wahl. Mirtazapin ist akzeptabel, wenn der Säugling aufmerksam beobachtet wird.

Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren

Das Mittel war in zwei Studien an Kindern nicht wirksamer als ein Scheinmedikament und über die Risiken einer Anwendung bei Kindern gibt es keine Erkenntnisse. Sie sollten mit Mirtazapin nicht behandelt werden.

Für ältere Menschen

Die unerwünschten Wirkungen vieler Antidepressiva belasten ältere Menschen häufiger und stärker als jüngere. Da Mirtazapin in dieser Hinsicht günstige Eigenschaften hat, kann es eine Alternative sein, wenn ältere Menschen mit einem Mittel bei Depressionen behandelt werden sollen, das auch dämpfend wirkt.

Allerdings sollte dennoch sehr sorgfältig geprüft werden, ob vermehrt unerwünschte Wirkungen auftreten oder sich verstärken, wenn die Dosis von Mirtazapin erhöht wird.

Zur Verkehrstüchtigkeit

Aufgrund der beschriebenen unerwünschten Wirkungen kann Mirtazapin die Reaktionsfähigkeit deutlich beeinträchtigen. Sie sollten deshalb nicht aktiv am Verkehr teilnehmen, keine Maschinen bedienen und keine Arbeiten ohne sicheren Halt verrichten.

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Anwendungsgebiete dieses Wirkstoffs