Medikamente im Test

Übelkeit, Erbrechen, Reisekrankheit

Allgemeines

Übelkeit selbst ist keine Krankheit, sondern ein Warnsignal des Körpers. Er zeigt damit an, dass er beispielsweise etwas nicht verträgt oder auf Gerüche oder Gleichgewichtsschwankungen zu stark reagiert.

Übelkeit und ebenso das meist nachfolgende Erbrechen werden von einer speziellen Region im Hirnstamm, dem Brechzentrum, gesteuert. Dieses wird unmittelbar über Reize aus dem Magen oder über Signale aus dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr stimuliert.

Anzeichen und Beschwerden

Ein flaues Gefühl im Magen ist das typische Anzeichen von Übelkeit. Häufig bricht gleichzeitig kalter Schweiß aus und ein Schwindelgefühl setzt ein, weil der Blutdruck abfällt. Das Gesicht ist auffallend blass. Müdigkeit, Kopfschmerzen und Angstgefühle können hinzukommen. Erbrechen verschafft dann häufig Erleichterung, insbesondere wenn die Übelkeit durch Nahrungsmittel verursacht ist.

Typisch für die Reisekrankheit ist, dass sie sich durch Erbrechen nicht bessert. Erst wenn wieder fester Boden erreicht ist, legt sich die Übelkeit langsam.

Bei Kindern

Bei vier- bis zehnjährigen Kindern treten häufig gleichzeitig mit der Übelkeit krampfartige Leibschmerzen (Nabelkoliken) und Durchfall auf, die dem Erbrechen vorausgehen.

Eine Sonderform des Erbrechens (ketonämisches Erbrechen) kommt vor allem im Kindesalter vor, und zwar zwischen dem zweiten und zehnten Lebensjahr. Typisch dafür ist, dass das Kind häufig hintereinander und sehr heftig erbricht. Das Kind hat Bauchschmerzen und ist sehr durstig, erbricht aber Getrunkenes rasch wieder. Häufig verströmt das Kind einen ausgeprägten Geruch nach Obst, der entsteht, weil es mit dem Urin und über die Atemluft Azeton ausscheidet.

Ursachen

Verdorbene Nahrungsmittel oder Giftstoffe (z. B. aus Pilzen oder E. coli-Bakterien), eine Virusinfektion oder auch ein Übermaß an Fett im Essen sind die häufigsten Auslöser für Übelkeit und Erbrechen.

Auch Schlafmangel, Hunger, abgestandene Luft, ekelerregende Gerüche, ein Widerwillen gegen bestimmte Speisen, niedriger Blutdruck, Erkrankungen des Innenohrs, die mit einem dauerhaften Schwindelgefühl einhergehen (Menière-Krankheit), Nervosität sowie ein Magengeschwür, eine Magenschleimhaut- oder Blinddarmentzündung können Übelkeit auslösen. Sie ist zudem oft das erste Anzeichen für einen Migräneanfall.

Morgendliche Übelkeit bei Frauen ist eine häufige Begleiterscheinung in den ersten drei Monaten einer Schwangerschaft. Wenn der vierte Monat erreicht ist, legt sich das meistens wieder.

Wenn Kummer "auf den Magen schlägt" oder ein Schock noch nicht "verdaut" ist, kann beides anhaltende Übelkeit verursachen. Sie hält meist so lange an, bis das Problem gelöst ist.

Manche Menschen reagieren nach Operationen und endoskopischen Eingriffen mit Übelkeit und Erbrechen.

Außerdem können viele Medikamente (z. B. Mittel bei Husten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Pilz- und Harnwegsinfektionen, starken Schmerzen) sowie die Pille Übelkeit hervorrufen.

Übelkeit ist oft auch Vorbote eines Herzinfarkts. Vor allem bei Frauen stehen unklare Beschwerden wie Übelkeit bis hin zum Erbrechen, Schmerzen im oberen Bauchraum, Atemnot und Erschöpfung im Vordergrund, während bei Männern bis in die Arme ausstrahlende Schmerzen im Brustkorb, Schwindel und Schwächegefühl als zusätzliche typische Warnsignale eines Herzinfarktes gelten. In beiden Fällen müssen Sie unverzüglich den Notarzt (Telefon 112) rufen.

Auch für die Reisekrankheit sind Übelkeit und Erbrechen typische Symptome. Dabei wird das Gleichgewichtsorgan im Innenohr stark gereizt, zum Beispiel durch Wellengang auf dem Schiff, Turbulenzen im Flugzeug oder Kurven bei Autofahrten. Der schwankende und sich ständig verändernde Untergrund vermittelt dem Gleichgewichtssinn im Innenohr keine einheitlichen Informationen. Wenn die gesamte Umgebung in Bewegung ist, haben auch die Augen keinen Fixpunkt mehr. Die Reize, die dann im Nervensystem ankommen und weitergeleitet werden, können das Brechzentrum aktivieren und Übelkeit auslösen.

Übelkeit und Erbrechen treten darüber hinaus auch im Rahmen von Chemotherapie oder Bestrahlungen bei  einer Krebsbehandlung auf, und zwar häufig gerade dann, wenn früher bereits eine Reisekrankheit  bestand. Hierbei sind drei Formen zu unterscheiden:

  • Akutes Erbrechen, das eine bis vier Stunden nach der Gabe des Zytostatikums auftritt und einige Stunden, manchmal auch mehrere Tage lang anhalten kann.
  • Verzögert einsetzendes Erbrechen, das erst etwa 24 Stunden nach der Chemotherapie beginnt und drei bis fünf Tage lang anhalten kann.
  • Erbrechen, das schon im Voraus einsetzt, bevor ein Medikament es überhaupt auslösen kann (antizipatorisches Erbrechen). Meist beruht es auf negativen Erfahrungen beim vorangegangenen Zyklus der Chemotherapie, wenn dabei das Erbrechen nicht ausreichend gut unterbunden wurde.

Wie lange das Erbrechen anhält und welche Form auftritt, hängt von dem jeweiligen Zytostatikum ab. Manche verursachen kaum oder nur wenig, andere sehr starke Übelkeit. Zu so gut wie gar nicht Übelkeit auslösenden (minimal emetogenen) Mitteln gehören zum Beispiel Bevacizumab, Fludarabin, Vinblastin, Vincristin und Vinorelbin. Bei diesen Wirkstoffen müssen 1 bis 10 von 100 Behandelten erbrechen. 5-Fluorouracil, Docetaxel, Etoposid, Mitoxantron, Paclitaxel und Topotecan lösen bei 10 bis 30 von 100 Behandelten Übelkeit und Erbrechen aus und gehören somit zu den niedrig emetogenen Zytostatika; als mittelgradig emetogen (30 bis 90 von 100 Behandelten wird schlecht) gelten die Wirkstoffe Carboplatin, Ifosfamid und niedrig dosiertes Cyclophosphamid. Wirkstoffe wie Cisplatin, Carmustin sowie Cyclophosphamid in hoher Dosierung lösen so gut wie immer (bei mehr als 90 von 100 Behandelten) starke Übelkeit und Erbrechen aus und gelten deshalb als hoch emetogen. Darüber hinaus verursacht eine fortgeschrittene Krebserkrankung häufig selbst Übelkeit, Völlegefühl und Erbrechen, vor allem bei Frauen und jungen Menschen oder bei bestimmten Krebsformen wie Brust-, Pankreas- oder Magenkrebs

Bei Kindern

Übelkeit und Erbrechen sind bei Kindern am häufigsten eine Reaktion auf eine akute Infektion des Magen-Darm-Trakts.

Säuglinge im ersten Lebenshalbjahr können nicht reisekrank werden, weil sie sich noch nicht mit den Augen im Raum orientieren können. Bei älteren Kindern besteht nach einem Magen-Darm-Infekt noch etwa vier Wochen lang eine erhöhte Bereitschaft für Reisekrankheit.

Ursache des ketonämischen Erbrechens ist eine Stoffwechselstörung, bei der der Blutzuckerhaushalt aus dem Gleichgewicht kommt und sich verstärkt Ketonkörper (Azeton, Azetessigsäure) bilden. Sie werden mit dem Urin und über die Atemluft ausgeschieden, wobei das Kind einen obstähnlichen Geruch verströmt. Auslöser für die Stoffwechselstörung sind Infekte (z. B. Grippe, Erkältung), sehr fettes Essen, seelische Konflikte (Heimweh, Trennungsängste, Schulprobleme) oder zu wenig Schlaf. Bei einigen Kindern tritt diese Stoffwechselstörung immer wieder auf.

Vorbeugung

Einer Reisekrankheit können Sie vorbeugen, indem Sie auf die Platzwahl achten. Im Flugzeug liegen die ruhigsten Zonen über den Tragflächen, auf dem Schiff in der Mitte, im Bus unmittelbar hinter der Vorderachse, im Auto ist es der Beifahrersitz. Wenn Sie vor Reiseantritt eine Kleinigkeit essen, vertragen Sie die Fahrt meist besser als mit leerem Magen.

Während einer Bus- oder Autofahrt sollten Sie nicht lesen oder spielen, sondern nach vorne aus dem Fenster schauen.

Bei Kindern

Unterbrechen Sie lange Autofahrten regelmäßig, damit sich die Kinder an der frischen Luft bewegen können.

Wenn Kindern im Auto oder Flugzeug leicht übel wird, sind beispielsweise Bahnfahrten eine Alternative.

Allgemeine Maßnahmen

Rührt die Übelkeit vom Magen her, haben Sie meist keinen Appetit. Folgen Sie diesem Impuls und essen Sie nur das, worauf Sie Lust haben, aber nichts Fettreiches. Leicht verdaulich und bekömmlich sind Haferflockensuppe, Kartoffelbrei und fettarme Brühe. Magenschonende Getränke sind stilles Mineralwasser und Kräutertee.

Wenn Ihnen auf einem Schiff übel ist, sollten Sie aufs Oberdeck an die frische Luft gehen und den Horizont ins Auge fassen. Ist der Wellengang zu stark, legen Sie sich in der Kabine flach hin oder suchen Sie sich einen Platz in der Mitte des Schiffs. Dann empfinden Sie die Schaukelbewegungen nicht ganz so heftig. Sie können auch probieren, ob es Ihnen bei einer Reisekrankheit hilft, Bonbons zu lutschen, etwas zu essen oder zu trinken.

Bei Kindern

Bei ketonämischem Erbrechen sollten Sie dem Kind Flüssigkeit nur löffelweise zu trinken geben, damit es nicht alles sofort wieder ausspuckt. Ratsam sind salzig-zuckrige Getränke ohne Kohlensäure (Kräuter- oder bei älteren Kindern auch dünner schwarzer Tee mit zwei Teelöffeln Traubenzucker und einer Messerspitze Salz). Feste Nahrung sollte das Kind erst essen, wenn sich das Erbrechen gelegt hat. Magenschonend sind trockene Brötchen ohne Butter oder Margarine, eventuell mit wenig Gelee oder Honig bestrichen, wässriger Haferschleim mit Traubenzucker oder Kartoffelbrei ohne Butter oder Öl.

Wann zum Arzt?

Wenn der Verdacht auf eine Vergiftung oder Blinddarmentzündung besteht, müssen Sie sofort einen Arzt aufsuchen. Eine Vergiftung kann vorliegen, wenn zusätzlich zu heftiger Übelkeit und Erbrechen auch Schüttelfrost oder Verwirrtheitszustände bis hin zur Bewusstlosigkeit auftreten. Ein Verdacht auf eine akute Blinddarmentzündung besteht, wenn Übelkeit und Erbrechen mit Schmerzen einhergehen, die anfänglich im Bereich des Bauchnabels oder der oberen Bauchhälfte auftreten und dann in die untere rechte Bauchhälfte wandern. Die Beschwerden können sich so verstärken, dass Gehen oder jeglicher Druck von außen auf den Bauch sehr schmerzhaft ist. Appetitlosigkeit und Fieber können ebenfalls noch hinzukommen.

Hält eine vom Magen ausgehende Übelkeit länger als zwei bis drei Tage an und bessert sie sich durch Erbrechen nicht wesentlich, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Auch sehr heftiges Schwangerschaftserbrechen, bei dem der Magen kaum noch Speisen und Getränke verträgt, müssen Sie ärztlich behandeln lassen.

Bei Kindern

Wenn nicht klar ist, was die Übelkeit bedingt, erbricht das Kind grünlich gefärbte Galle oder tritt Fieber über 38,5 °C auf, sollten Sie das Kind einem Arzt vorstellen. Brechdurchfall bei Säuglingen sollten Sie ebenfalls nicht selbst behandeln, ebenso wenig das unstillbare ketonämische Erbrechen bei älteren Kindern.

Behandlung mit Medikamenten

Die Behandlung von Übelkeit und Erbrechen richtet sich nach den Ursachen. Bei einem verdorbenen Magen sind keine speziellen Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen erforderlich. Im Gegenteil – Erbrechen ist sogar sinnvoll, weil sich der Körper damit der verdorbenen Nahrungsmittel oder der aufgenommenen Giftstoffe rasch und effektiv entledigt. Unterdrückt man das Erbrechen, verlängert sich der Krankheitsverlauf. Insbesondere wenn gleichzeitig Durchfall auftritt, müssen aber Wasser und Mineralsalze ersetzt werden.

Rezeptfreie Mittel

Zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen – ob vom Magen ausgehend oder durch Reisekrankheit bedingt – ist Diphenhydramin aus der Gruppe der Antihistaminika geeignet. Der Wirkstoff Dimenhydrinat ist nur mit Einschränkung geeignet, weil er eine Verbindung aus Diphenhydramin und 8-Chlortheophyllin darstellt. 8-Chlortheophyllin trägt zur Wirkung des Antihistaminikums nichts bei, kann aber das Risiko für unerwünschte Wirkungen erhöhen.

Präparate mit Ingwer sind bei Reisekrankheit mit Einschränkung geeignet. Ihre therapeutische Wirksamkeit sollte noch besser belegt werden.

Bei Kindern

Aufgrund des anhaltenden Brechreizes geht ketonämisches Erbrechen mit einem starken Flüssigkeitsverlust einher. Die löffelweise Zufuhr von Flüssigkeit gegebenenfalls mit Traubenzucker kann dem entgegenwirken. Kinder, die aufgrund von unstillbarem Erbrechen keine Flüssigkeit bei sich behalten können, sollten mit einem geeigneten brechreizstillenden Mittel, beispielsweise dem Wirkstoff Diphenhydramin behandelt werden, um zu vermeiden, dass der Organismus bedrohlich austrocknet. In jedem Fall ist hierfür der Arzt zu Rate zu ziehen.

Rezeptpflichtige Mittel

Um einer Reisekrankheit vorzubeugen, ist der rezeptpflichtige Wirkstoff Scopolamin geeignet. Dabei wird fünf bis sechs Stunden vor Reiseantritt ein wirkstoffhaltiges Pflaster hinter das Ohr geklebt.

Übelkeit im Frühstadium einer Migräne kann am ehesten mit motilitätssteigernden Mitteln mit Metoclopramid unterbunden werden. Sie regen die Magenbewegungen an, sodass der Mageninhalt rasch in den Zwölffingerdarm befördert und nicht mehr erbrochen wird.

Bei Brechreiz, der im Rahmen einer Krebsbehandlung durch Zellgifte (Zytostatika) oder Bestrahlungen ausgelöst wird, kommt es darauf an, wie stark das Zellgift beziehungsweise wie groß die bestrahlten Körperfelder sind und wie intensiv die Bestrahlung ist. Ziel einer medikamentösen Behandlung sollte sein, das akute Erbrechen ebenso wie die längerfristig anhaltende Übelkeit möglichst vollständig zu unterbinden. Bei Zytostatika, die nur minimale bis schwache Übelkeit auslösen, oder bei Bestrahlungen an begrenzten Körperarealen, sind cortisonhaltige Mittel (Glucocorticoide) zum Einnehmen in niedriger Dosierung oder motilitätssteigernden Mitteln wie Metoclopramid, Domperidon oder Alizaprid geeignet, um dem Brechreiz vorzubeugen. Letztere sollten wegen der möglichen unerwünschten Wirkungen jedoch nur dann gegeben werden, wenn bei früheren Zytostatika-Anwendungen bereits Brechreiz aufgetreten ist. Werden die Zytostatika sonst gut vertragen, sind auch keine Medikamente gegen Übelkeit erforderlich.

Bei Zytostatika, die mittelgradigen Brechreiz auslösen, sowie bei Bestrahlungen, die den halben Körper betreffen, sind die wirksameren Serotonin(5-HT3)-Antagonisten Granisetron, Ondasetron oder Palonosetron geeignet. Welcher der hier besprochenen Wirkstoffe gewählt wird, ist unerheblich – sie wirken alle vergleichbar gut und sicher. Diese Mittel werden zusammen mit Glucocorticoiden zum Einnehmen, z. B. Dexamethason, eingesetzt. Soll verzögert einsetzendes Erbrechen verhindert werden, reicht meist Dexamethason allein.

Bei noch stärkere Übelkeit auslösenden Zytostatika oder bei Ganzkörperbestrahlungen werden Serotonin(5-HT3)-Antagonisten mit Dexamethason und einem Neurokininantagonisten wie Aprepitant bzw. Fosaprepitant kombiniert, um das akute Erbrechen möglichst sicher zu vermeiden. Die zusätzliche Gabe von Aprepitant bzw. Fosaprepitant ist auch sinnvoll, wenn verzögert einsetzendes Erbrechen nach der Anwendung von stark Übelkeit verursachenden Zytostatika verhindert werden soll. Für diese beiden Einsatzgebiete sind die Mittel geeignet. Die festgelegte Kombination aus den Wirkstoffen Netupitant + Palonosetron ist "auch geeignet". Netupitant ist als neuer Vertreter aus der Wirkstoffgruppe der Neurokininantagonisten noch wenig erprobt.

Bei weniger Übelkeit auslösenden Zytostatika dagegen lässt sich der Stellenwert der Neurokinin-Antagonisten als zusätzliche Medikamente noch nicht festlegen, weil verschiedene Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Für die Anwendung bei diesen Zytostatika sind die Mittel deshalb mit Einschränkung geeignet. Der Effekt ist bei Zellgiften, die starke Übelkeit verursachen, vermutlich stärker.