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Spastisch bedingte Muskelverspannungen

Allgemeines

Wenn Muskeln verspannt oder verkrampft sind, können Schmerzen auftreten. Andererseits können Schmerzen Muskelverspannungen an unterschiedlichen Körperstellen hervorrufen. Dabei müssen einfache Muskelverspannungen, die beispielsweise durch Fehlhaltungen oder körperliche Belastungen verursacht sind, von spastischen Muskelverspannungen unterschieden werden. Bei Letzteren sind die Muskeln aufgrund schwerer Erkrankungen oder Verletzungen des Nervensystems, beispielsweise nach einem Schlaganfall oder nach einem schweren Unfall mit Schädel-Hirn-Trauma oder mit einer Rückenmarksverletzung, dauerhaft angespannt.

Anzeichen und Beschwerden

Spastisch bedingte Muskelverspannungen führen dazu, dass komplexe, koordinierte Bewegungen erschwert oder unmöglich sind. Die verkrampften Muskeln „wehren“ sich gegen eine willentliche Bewegung. Selbst einfache Bewegungsabläufe können höchste Anstrengung und Konzentration erfordern und der Versuch, einzelne Gelenke zu bewegen, kann eine Verkrampfung größerer Bereiche verursachen. Häufig verursacht die Verkrampfung auch Schmerzen. Die Haltung kann schief sein und der Gang unsicher. Die Betroffenen können dadurch in eine Lage geraten, in der sie für ihre alltäglichen Verrichtungen Hilfe von anderen benötigen. Es können auch unwillkürliche Muskelkrämpfe in Armen oder Beinen auftreten. Nachts kann dadurch der Schlaf gestört sein. Manchmal sind nur bestimmte Muskelgruppen betroffen, dann hängt z. B. das Augenlid oder ein Mundwinkel herab.

Ursachen

Ursache für spastisch bedingte Muskelverspannungen sind meist Schäden in bestimmten Bereichen des zentralen Nervensystems. Diese führen zu einer Störung der Steuerung zwischen Nerven und Muskeln. Bei spastischen Muskelverspannungen ist die hemmende Regulierung, die von Gehirn oder Rückenmark ausgeht, unterbrochen. Dadurch sind die Nerven, die die Muskeln steuern, "übererregt". Das führt dazu, dass die Muskeln an einer Stelle oder in einem größeren Bereich ständig das Signal bekommen, sich anzuspannen. Derartige Ausfälle können sich akut nach schweren Gehirn- oder Rückenmarksverletzungen, nach einem Schlaganfall oder auch im Verlauf von bestimmten Erkrankungen entwickeln. Beispielsweise tritt dies bei einer fortschreitenden multiplen Sklerose bei über der Hälfte der Betroffenen auf.

Bei Kindern

Auch Spastik im Kindesalter hat unterschiedliche Gründe. Sie kann etwa durch eine Schädigung des Gehirns im Mutterleib bedingt sein (z. B. wenn die Mutter während der Schwangerschaft viel Alkohol getrunken hat), aber auch durch einen Sauerstoffmangel während der Geburt oder wenn ein Kind deutlich zu früh geboren wird.

Allgemeine Maßnahmen

Inwieweit nichtmedikamentöse Verfahren bei spastischen Muskelverspannungen spürbare Effekte bringen, ist bei vielen Methoden noch nicht ausreichend nachgewiesen. Wenn Studien vorliegen, wurde ein Nutzen überwiegend bei Schlaganfall-Patienten nachgewiesen. Demnach kann eine individuell abgestimmte physiotherapeutische Behandlung mit bestimmten Trainingsformen die passive und aktive Motorik positiv beeinflussen. Zu diesen Methoden gehören ein Arm-Basis-Training bei Patienten nach einem Schlaganfall, die „constraint-induced movement therapy“ oder ein Gangtraining. Auch geräteunterstütztes passives Bewegen von betroffenen Armen und Beinen, spezielle Muskeldehnungen und regelmäßige Strecklagerungen von Rumpf und Extremitäten haben Effekte.

Zudem gibt es verschiedene neuere Behandlungsmethoden, deren Nutzen für die Patienten noch nicht ausreichend nachgewiesen sind. Dazu gehören transkranielle Magnetstimulation, neuromuskuläre Elektrostimulation, wiederholte periphere Magnetstimulation, extrakorporale Stoßwellentherapie und Ganzkörpervibration.

Wann zum Arzt?

Die Behandlung spastisch bedingter Muskelverspannungen gehört immer in die Hand eines Arztes. Eine medikamentöse Selbstbehandlung dieser Beschwerden ist nicht möglich.

Behandlung mit Medikamenten

Rezeptpflichtige Mittel

Muskelentspannende Mittel (Muskelrelaxanzien) können helfen, wenn eine dauerhafte Verspannung darauf beruht, dass die Steuerung zwischen Nerven und Muskeln gestört ist. Wenn die Grundkrankheit nicht ausreichend behandelt werden kann, sind sie eine Möglichkeit, die Starre und Schmerzen der Muskeln zu mildern. Geeignet sind bei solchen spastisch bedingten Muskelverspannungen Baclofen und TizanidinÜberblick zu den Testergebnissen Medikamente bei Spastik.

Bleiben die Muskelkrämpfe auf eine bestimmte Region begrenzt, wie das Augenlid oder den Hals, oder handelt es sich um Verkrampfungen infolge eines Schlaganfalls, wird auch Clostridium-botulinum-Toxin als "geeignet" bewertet. Dieser Wirkstoff wird in niedriger Dosierung in den betroffenen Muskel gespritzt.

Bessert sich bei multipler Sklerose eine mittelschwere bis schwere Spastik mit Mitteln wie Baclofen oder Tizanidin nicht ausreichend, kann zusätzlich ein cannabishaltiges Mittel, das die Wirkstoffkombination Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) im Verhältnis 1:1 enthält, verschrieben werden. Das Mittel wird in die Mundhöhle gesprüht. Der nachgewiesene Nutzen ist allerdings allenfalls moderat. Bei jedem Patienten muss daher vier Wochen nach Behandlungsbeginn sowie im weiteren Verlauf regelmäßig überprüft werden, ob die erzielten Verbesserungen die unerwünschten Wirkungen (z. B. schmerzhafte Mundschleimhaut, hartnäckige Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Sehstörungen, Durchfall oder vermindertes Balancegefühl) aufwiegen. Das Mittel ist „mit Einschränkung geeignet“. Es liegen noch keine ausreichenden Erkenntnisse vor, um seinen therapeutischen Stellenwert für die MS-Behandlung zu bestimmen.

Dantrolen gilt bei spastisch bedingten Muskelverspannungen ebenfalls als "mit Einschränkung geeignet". Zum einen sollte die therapeutische Wirksamkeit des Wirkstoffs noch besser belegt werden, zum anderen kann er schwerwiegende unerwünschte Wirkungen haben. Dantrolen sollte nur eingesetzt werden, wenn geeignete Mittel nicht ausreichend wirksam waren.

Für Pridinol und Tolperison ist die therapeutische Wirksamkeit bei spastischen Verspannungen im Bewegungssystem nicht ausreichend nachgewiesen. Das Urteil für diese beiden Wirkstoffe lautet "wenig geeignet".