Medikamente im Test

Gicht

Allgemeines

Gicht ist eine Stoffwechselstörung, bei der der Harnsäuregehalt im Blut über das Normalmaß ansteigt. In der Folge können sich in bestimmten Körpergeweben Harnsäurekristalle ablagern. Diese können vor allem in den Gelenken äußerst schmerzhafte Entzündungen verursachen.

Häufig tritt Gicht zusammen mit Arteriosklerose, Diabetes und hohem Blutdruck auf.

Bis etwa zum 65. Lebensjahr sind Männer von Gicht viermal häufiger betroffen als Frauen. In jüngeren Jahren profitieren die Frauen davon, dass Östrogen (weibliches Sexualhormon) die Harnsäureausscheidung der Nieren steigert. Erst nach dem 65. Lebensjahr nähert sich die Gichthäufigkeit beider Geschlechter an.

Anzeichen und Beschwerden

Der Grenzwert für die Menge an Harnsäure im Blut wird für Frauen mit 6,2 mg/dl (6,2 Milligramm pro 100 Milliliter), für Männer mit 7,4 mg/dl angegeben. Erhöhte Harnsäurewerte (Hyperurikämie) bereiten nicht unbedingt Beschwerden. Manchmal wird bei einer Blutuntersuchung der erhöhte Harnsäurespiegel zufällig festgestellt.

Ab einer bestimmten Harnsäurekonzentration wird es immer wahrscheinlicher, dass sich die Gicht als Krankheit zeigt und sich ein akuter Gichtanfall ereignet. Die erste Attacke tritt typischerweise nachts oder frühmorgens auf. Innerhalb weniger Stunden schwillt das Grundgelenk eines großen Zehs, des Daumens oder – seltener – ein Sprunggelenk an. Die Haut darüber wird rot und heiß. Das Gelenk schmerzt unerträglich. Auch andere Gelenke können gerötet, geschwollen und heiß sein. Fieber kann hinzukommen. Ohne Behandlung dauert es einige Tage bis Wochen, bis sich das wieder normalisiert.

Bis etwa 8,5 Milligramm Harnsäure pro Deziliter Blut ist keine medikamentöse Behandlung notwendig, solange keine Beschwerden bestehen. Es sollte aber versucht werden, die Harnsäurewerte durch eine entsprechend gestaltete Ernährung zu normalisieren.

Steigt die Harnsäurekonzentration im Blut über 8,5 mg/dl oder bestehen bei einem Harnsäurewert von mehr als 7 mg/dl Gelenkbeschwerden, sollte behandelt werden. Geschieht das nicht, kann die Gicht chronisch werden. Die Schmerzattacken können dann in kürzeren Abständen auftreten, die Gelenke unbeweglich werden und sich verformen. Darüber hinaus können Nierenfunktionsstörungen und Nierensteine auftreten.

Bei chronischer Gicht können Harnsäureablagerungen als Gichtknoten (Tophi) an den Ohrmuscheln, an Fingern, Zehen und Ellenbogengelenken sichtbar sein.

Ursachen

Harnsäure entsteht, wenn der Körper Purine abbaut. Purine sind Bausteine des genetischen Materials im Zellkern. Sie gelangen mit der Nahrung, vor allem durch eiweißreiche Produkte wie Fleisch und Fisch, in den Körper. Auch wenn krankheitsbedingt in kurzer Zeit sehr viele Zellen zerfallen (z. B. bei Leukämie oder einer Krebs-Chemotherapie), werden im Körper übermäßig viele Purine frei. Ähnliches findet bei anstrengendem körperlichem Training statt. Wird einen Tag danach der Harnsäurespiegel gemessen, kann er erhöht sein, ohne dass das behandlungsbedürftig wäre.

Normalerweise baut der Körper nur so viele Purine ab, dass er die anfallende Harnsäure über die Nieren und den Darm ausscheiden kann. Im Blut löst sich nur relativ wenig Harnsäure. Ist mehr vorhanden, kristallisiert sie aus. Die Kristalle lagern sich vornehmlich in den Geweben ab, deren Stoffwechsel sehr langsam abläuft und die leicht sauer reagieren, denn in saurem Milieu löst sich Harnsäure noch schlechter als in neutral reagierendem. Betroffen sind vor allem die Gelenke und bestimmte Hautareale wie die Ohrmuscheln, aber auch Nieren und Lunge. In diesen Geweben aktivieren die Harnsäurekristalle dann Fresszellen und lösen so Entzündungen und Fremdkörperreaktionen aus.

Manche Menschen haben eine erbliche Anlage dafür, viel Harnsäure zu produzieren oder zu wenig auszuscheiden und dadurch Harnsäure im Organismus anzusammeln. Gicht entsteht, wenn die Ernährungsgewohnheiten diesen ohnehin beeinträchtigten Stoffwechsel überfordern, der Körper aufgrund von Krankheiten mehr Purine abbauen muss oder wenn eine Nierenfunktionsstörung vorliegt. Auch eine nur geringe Flüssigkeitszufuhr begünstigt die Entstehung einer Gicht.

Auch bestimmte Medikamente können den Harnsäurespiegel erhöhen, beispielsweise Mittel zur Entwässerung (Diuretika, bei hohem Blutdruck) und ASS (bei arteriellen Durchblutungsstörungen).

Allgemeine Maßnahmen

Die Basisbehandlung der Gicht besteht aus Maßnahmen, die Sie selbst ergreifen müssen. Mit einer purinarmen Ernährung lässt sich der Harnsäurespiegel oft in akzeptablen Grenzen halten. Das bedeutet vor allem, den Fleisch- und Fischkonsum auf 150 Gramm pro Tag zu beschränken und Innereien, Ölsardinen, Sardellen sowie Hering ganz vom Speisezettel zu streichen. Eine Ernährung, in deren Mittelpunkt pflanzliche Produkte stehen und die mit Eiern und Milchprodukten angereichert wird, ist ideal für Gichtkranke.

Auf Alkohol, vor allem auf Bier, sollten Sie bei erhöhtem Harnsäurespiegel möglichst verzichten. Größere Mengen Alkohol können die Harnsäureproduktion in der Leber erhöhen und die Ausscheidung über die Nieren hemmen. Dadurch steigt die Harnsäurekonzentration im Blut. Auch Fruchtzucker (Fruktose) z. B. in Müsliriegeln, Fruchtjoghurt, Eis und Süßigkeiten sowie fruchtzuckerhaltige Getränke (Softdrinks, Fruchtsäfte) lassen den Harnsäurespiegel ansteigen. Kaffee und Tee beeinflussen den Harnsäurespiegel hingegen nicht.

Übergewicht sollte abgebaut werden, allerdings nicht mit einer Fastenkur. Durch die beim Fasten veränderten Stoffwechselprozesse scheiden die Nieren weniger Harnsäure aus und sie kristallisiert noch leichter aus dem Blut aus.

Wichtig ist, so viel zu trinken, dass im Laufe des Tages mindestens zwei Liter Urin ausgeschieden werden.

Auch die Einnahme von täglich mehr als 250 Milligramm Vitamin C kann ein lohnender Versuch sein, den Harnsäurespiegel niedrig zu halten. Studien, in denen die Teilnehmenden zwischen 250 und 1 500 Milligramm oder sogar noch mehr Vitamin C am Tag einnahmen, weisen darauf hin, dass dadurch das Risiko für eine Gicht sinkt.

Bei einem akuten Gichtanfall sollten Sie das betroffene Gelenk hochlagern und mit Eis- oder anderen Kühlkompressen kühlen.

Wann zum Arzt?

Bei einem Gichtanfall sollten Sie unbedingt ärztlichen Rat suche. Die Behandlung der Gicht besteht neben den allgemeinen Maßnahmen häufig aus einer lebenslangen Therapie mit verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Behandlung mit Medikamenten

Rezeptpflichtige Mittel

Die Gichtbehandlung ist auf zwei Ziele ausgerichtet. Bei einem akuten Gichtanfall müssen vornehmlich die Schmerzen gelindert und die Entzündung gestoppt werden. Die Langzeitbehandlung der Gicht zielt darauf ab, bestehende Harnsäurekristalle aufzulösen und zu verhindern, dass sich neue bilden. Um das zu erreichen, muss der Harnsäurespiegel im Blut dauerhaft unter 6 mg/dl liegen.

Akuter Gichtanfall

Um die starken Schmerzen beim Gichtanfall und die akute Gelenkentzündung zu bekämpfen, eignen sich nichtsteroidale Antirheumatika, allen voran Diclofenac, Etoricoxib, Ibuprofen, Indometacin und Naproxen. Acemetacin, Ketoprofen und Meloxicam gelten ebenfalls als "geeignet".

Zur Behandlung von gichtbedingten Schmerzen müssen diese Mittel zu Anfang vergleichsweise hoch dosiert werden. So beträgt beispielsweise die Anfangsdosis von Diclofenac 200 bis 250 Milligramm pro Tag, im weiteren Verlauf genügen dann 100 Milligramm. Bei Ibuprofen sind es zu Beginn 2 400 Milligramm am Tag und im weiteren Verlauf 1 200 Milligramm. Etoricoxib wird nur einmal am Tag in einer Dosierung von 120 Milligramm eingenommen. Allerdings dürfen Menschen, die schon mehrmals ein Magengeschwür gehabt haben, diese Medikamente nicht einnehmen. Diclofenac und Etoricoxib dürfen außerdem bei Herzschwäche, koronarer Herzerkrankung, arteriellen Durchblutungsstörungen und nach einem Schlaganfall nicht eingesetzt werden. Auch diejenigen, deren Blutdruck dauerhaft über 140/90 mmHg liegt, dürfen kein Etoricoxib einnehmen. Wegen der relativ hohen Dosierung, die beim akuten Gichtanfall anfänglich notwendig ist, sollte bei Verwendern dieser Schmerzmittel der Blutdruck häufiger kontrolliert werden, um auf Herzprobleme frühzeitig aufmerksam zu werden. Die genannten Arzneistoffe werden besonders häufig bei Arthrose und Gelenkbeschwerden eingesetzt.

Lassen sich bei einem sehr schweren Gichtanfall die Schmerzen mit diesen Medikamenten nicht stillen oder dürfen sie nicht eingenommen werden, kann für kurze Zeit das Glucocorticoid Prednisolon eingesetzt werden. Klinische Studien zeigen, dass bei einem akuten Gichtanfall Glucocorticoidtabletten oder -injektionen der Anwendung von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) ebenbürtig sind. In ein aufgrund eines akuten Gichtanfalls geschwollenes Gelenk kann das Glucocorticoid auch direkt hineingespritzt werden. Näheres hierzu unter Glucocorticoide.

Das Medikament mit der längsten Tradition zur Behandlung eines akuten Gichtanfalls ist Colchicin, ein Inhaltsstoff aus den Samen oder Blüten der Herbstzeitlose. Es unterbricht den Anfall zuverlässig. Allerdings kann Colchicin bereits in der Dosierung, die bei Gichtanfällen erforderlich ist, schwere Durchfälle verursachen. Eine zu hohe Dosierung kann lebensgefährlich werden. Aus diesen Gründen wird Colchicin als "mit Einschränkung geeignet" bewertet. Es soll nur angewendet werden, wenn geeignete Mittel nicht infrage kommen oder nicht ausreichend wirken.

Ein weiteres Mittel mit der Bewertung "mit Einschränkung geeignet" beim akuten Gichtanfall ist das NSAR Phenylbutazon. Mit ihm verbindet sich ein erhebliches Risiko für unerwünschte Wirkungen, das umso stärker ins Gewicht fällt, als es aus der Gruppe der NSAR Substanzen gibt, die zuverlässig wirken und weniger risikobehaftet sind.

Langzeitbehandlung (Anfallvorbeugung)

Gelingt es bei Beschwerden mit einer entsprechenden Ernährung, dem Verzicht auf Alkohol und fruktosehaltige Produkte und eventuell einer Gewichtsabnahme nicht, die Harnsäurewerte dauerhaft im Normalbereich zu halten, ist es ratsam, sie mit Medikamenten zu senken. In erster Linie greift man dann zu einem Hemmstoff der Harnsäurebildung, allen voran Allopurinol. Es wird als "geeignet" bewertet.

Der zweite Stoff dieser Gruppe, Febuxostat, wirkt ähnlich. Allerdings ist er noch wenig erprobt. In Studien war Febuxostat in den ersten Behandlungsmonaten wirksamer als 300 Milligramm Allopurinol am Tag. Später verliert sich diese Überlegenheit. Ob Febuxostat Gichtanfälle und Folgeerkrankungen der Gicht besser verhindern kann als Allopurinol, ist nicht nachgewiesen. Auch über seine Langzeitverträglichkeit ist noch wenig bekannt. Daher soll Febuxostat erst eingesetzt werden, wenn Allopurinol nicht ausreichend wirkt oder nicht eingesetzt werden kann. Febuxostat wird als "mit Einschränkung geeignet" bewertet.

Benzbromaron gilt zur Senkung der Harnsäurewerte im Blut ebenfalls als "mit Einschränkung geeignet". Es kann eingesetzt werden, wenn weder nicht medikamentöse Maßnahmen noch Allopurinol oder Febuxostat den erwünschten Effekt erzielt haben. Eine weitere Voraussetzung ist, dass mit dem Urin nur wenig Harnsäure ausgeschieden wird.

Wenn in den ersten vier bis sechs Monaten einer Langzeitbehandlung noch Gichtanfälle auftreten, ist Colchicin als Begleitbehandlung zu Allopurinol oder Febuxostat geeignet. Da es bei dieser Anwendung sehr niedrig dosiert wird, treffen die oben angeführten Bedenken in geringerem Umfang zu.

Die festgelegte Kombination aus Allopurinol + Benzbromaron wird als "wenig geeignet" eingestuft. Beide Substanzen gemeinsam anzuwenden, ist nur selten notwendig. Wenn es doch einmal erforderlich ist, sollten die Arzneistoffe besser einzeln – angepasst an die individuellen Erfordernisse – eingesetzt werden.

Die medikamentöse Behandlung der Gicht ist meist eine lebenslange Therapie.

Neue Medikamente

Canakinumab (Ilaris) ist ein gentechnisch hergestellter monoklonaler Antikörper. Das Mittel muss unter die Haut gespritzt werden. Bei Gicht ist es als Mittel der letzten Reserve vorgesehen. Es darf nur angewendet werden, wenn sich häufige Gichtanfälle durch andere Medikamente nicht verhindern lassen oder diese nicht angewendet werden dürfen.