Medikamente im Test
  • Über 9 000 Medikamente
  • Geprüft durch unabhängige Experten
  • Ständig aktualisiert

Demenz­erkrankungen, Hirnleistungs­störungen

Allgemeines

Demenzerkrankungen treten meist im höheren Lebensalter auf und sind die am häufigsten altersbedingten Veränderungen im Gehirn. Dabei nehmen die geistigen Fähigkeiten schrittweise ab, bis sie im Endstadium der Erkrankung gänzlich verlorengehen.

Es werden zahlreiche Demenzerkrankungen unterschieden. Den größten Anteil stellen die Alzheimer-Demenz, die vaskuläre Demenz und die Demenz mit Lewy-Körperchen. Die Alzheimer-Demenz ist nach dem Arzt Alois Alzheimer benannt, der sie als Erster beschrieben hat. Der Zusatz "vaskulär" bei der zweiten Form weist darauf hin, dass sie auf einer gestörten Blutversorgung beruht. Die dritte Art ist durch bestimmte Ablagerungen im Hirngewebe, die sich anfärben lassen – die Lewy-Körperchen –, charakterisiert.

Oft geht der Demenzerkrankung eine leichte Störung der Denkleistung voraus (engl. mild cognitive impairment – MCI).

Mit dem Begriff "Hirnleistungsstörungen" werden die Symptome zusammengefasst, wie sie unter "Anzeichen und Beschwerden" beschrieben sind, ohne auf eine klare Ursache Bezug zu nehmen.

Anzeichen und Beschwerden

Bei den verschiedenen Demenzformen lassen Gedächtnis und Denkvermögen nach. Betroffene können ihre Aufmerksamkeit nicht mehr längere Zeit einem Thema oder einer Aufgabe zuwenden, nehmen die Realität verzerrt wahr, haben Schwierigkeiten, sich zu orientieren und erscheinen oft verwirrt. Viele Betroffene zeigen veränderte Gefühlsäußerungen. Der Schlaf-Wach-Rhythmus kann gestört sein.

Die Alzheimer-Demenz setzt schleichend ein und schreitet mit steigendem Alter unaufhaltsam fort. Demgegenüber beginnt die vaskuläre Demenz manchmal plötzlich und bessert sich in der Folge wieder. Allerdings erreicht die geistige Leistungsfähigkeit nicht wieder das frühere Niveau. Bevor sich eine vaskuläre Demenz entwickelt, sind oft schon Symptome aufgetreten, die auf einer gestörten Hirndurchblutung beruhen, wie ein Schlaganfall.

Charakteristikum der Demenz mit Lewy-Körperchen ist, dass die geistigen Fähigkeiten, vor allem die Aufmerksamkeit, einmal besser, dann wieder schlechter sein können. Oft sehen die Betroffenen Trugbilder (Halluzinationen). Auch Bewegungsstörungen wie bei der Parkinsonkrankheit können auftreten. Hinzu kommt, dass die Kranken häufig stürzen, ohnmächtig werden oder vorübergehend das Bewusstsein verlieren.

Im Endstadium verändern alle Demenzformen die Persönlichkeit. Die Betroffenen sind häufig vollkommen auf Hilfe und Pflege angewiesen.

Ursachen

Bei allen Menschen nimmt mit dem Alter die Leistungsfähigkeit des Gehirns ab. Anders als bei diesem normalen Vorgang beruhen Demenzerkrankungen auf krankhaften Veränderungen des Gehirns und der Zerstörung von Nervenzellen.

Für einen kleinen Teil der auf einer Nevenzellschädigung beruhenden Demenzerkrankungen wird auch eine genetische Anlage vermutet. Bei den meisten ist die Ursache aber unbekannt.

Bei Menschen mit Alzheimer-Demenz wird vermutet, dass zu Beginn der Erkrankung ein Mangel an dem Nervenbotenstoff Acetylcholin an der nachlassenden Gehirnleistung beteiligt ist. Zudem findet sich bei dieser Erkrankung im Gehirn viel Beta-Amyloid, ein Eiweißstoff, der sich außerhalb der Nervenzellen zu Klumpen zusammenlagert. Im Innern der Nervenzellen sammeln sich veränderte Bausteine des Zellgerüsts an (Tau-Proteine). Die Eiweiße stören die Funktion der Zellen derart, dass diese letztlich absterben.

Ursache der vaskulären Demenz sind wiederholt auftretende kleine Hirninfarkte oder Durchblutungsstörungen in Gehirnstrukturen, die für das Gedächtnis wichtig sind.

Hirnleistungsstörungen können auch z. B. auf eine Verletzung, eine Stoffwechselerkrankung, auf Tumore oder eine Entzündung im Gehirn zurückgehen. Solche Störungen zählen zu den vorübergehende Demenzerkrankungen.

Darüber hinaus kann die dauerhafte Einnahme bestimmter Arzneimittel Gedächtnisstörungen hervorrufen. Es handelt sich dabei um Mittel, die die Wirkung des Botenstoffs Acetylcholin im Gehirn beeinträchtigen. Zu diesen gehören unter anderem Benzodiazepine (bei Angst-, Zwangs- und Schlafstörungen), müdemachende Antihistaminika wie Diphenhydramin (bei Schlafstörungen) oder Dimetinden (bei Allergie), Trihexyphenidyl (bei Parkinsonkrankheit), Theophyllin (bei Asthma), Levomepromazin (bei Schizophrenien und anderen Psychosen) und trizyklische Antidepressiva (bei Depressionen). Werden die Mittel abgesetzt, normalisiert sich die Gedächtnisleistung meist wieder. Die Medikamente erhöhen nicht das Risiko, eine Demenzerkrankung zu bekommen. Wenn aber eine solche vorliegt, können sie deren Symptome verschlimmern.

Bei einer Beurteilung von Gedächtnisstörungen sollte der Arzt unbedingt von allen Arzneimitteln wissen, die eingenommen werden, um unerwünschte Arzneimittelwirkungen auszuschließen. Andernfalls könnte er fälschlicherweise eine Demenz diagnostizieren.

Vorbeugung

Übungen für Körper und Geist helfen, die geistige Kraft zu erhalten. Beispielsweise unterstützt regelmäßige körperliche Aktivität, wie jeden Tag 20 Minuten spazieren gehen, schwimmen oder Rad fahren die körperliche und geistige Fitness. Soziale Kontakte ermöglichen neue Erfahrungen und regen den intellektuellen Austausch mit Neuem an und wirken positiv auf die geistige Regsamkeit.

Achten Sie auf Ihr Gehör. Der fortschreitende Verlust des Hörvermögens führt zu vermehrtem Rückzug, geistige und intellektuelle Reize nehmen ab. Dies scheint das Risiko für eine Demenz zu erhöhen. Wenn Sie bemerken, dass Sie nur noch schlecht an Gesprächen teilnehmen können oder man Sie darauf aufmerksam macht, sollten Sie sich an einen Hörgeräteakustiker wenden. Dieser kann die Notwendigkeit eines Hörgerätes feststellen.

Risikofaktoren für das Gefäßsystem und Erkrankungen wie hoher Blutdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht, Nikotinabhängigkeit und ein übermäßiges Trinken von Alkohol erhöhen das Risiko für eine Demenz. Daher können das Erkennen und die frühzeitige Behandlung dieser Risikofaktoren dazu beitragen, eine spätere Demenz zu verhindern.

Besonders für fünf Gruppen von Arzneimitteln wurde bisher diskutiert, ob sie möglicherweise einer Demenzerkrankung vorbeugen können: Östrogene, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Statine, Omega-3-Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe. Doch für keine dieser Medikamentengruppen gibt es einen aussagekräftigen Beleg, der die in sie gesetzten Hoffnungen bestätigt.

Auch für Ginkgopräparate wird häufig ein vorbeugender Effekt bei Demenzerkrankungen propagiert. Die Wirksamkeit von Ginkgo zur Vorbeugung gegen eine Demenz ist allerdings nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Die Einnahme rezeptfreier Mittel mit Ginkgoextrakt zur Vorbeugung wird nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Allgemeine Maßnahmen

Erinnerungshilfen wie Merkzettel, Tagebuch, Hinweistafeln und Schilder helfen im alltäglichen Leben, Defizite zu überbrücken. Auf das Fortschreiten der Demenz haben diese Maßnahmen keinen Effekt.

Psychosozialen Maßnahmen, wie beispielsweise Ergotherapie und Musiktherapie, oder auch die Anwendung von Aromastoffen wird derzeit bei der Behandlung von Demenzerkrankungen vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Sie sind nicht so gut untersucht wie die häufig bei Demenzerkrankungen eingesetzten Medikamente und sollen auch nicht dazu dienen, die Erkrankung aufzuhalten. Sie kommen vor allem bei häuslicher Betreuung zum Einsatz, um die Lebensqualität der Betroffenen und deren Angehörigen zu verbessern.

Wann zum Arzt?

Bei vermehrter Vergesslichkeit, die zu Problemen im Alltag führt, sollten Sie Rat bei Ihrem Arzt suchen. Dies gilt auch wenn Sie entsprechende Veränderungen bei einer nahestehenden Person bemerken. Um eine Demenzerkrankung festzustellen, bedarf es einer ärztlichen Befragung des Betroffenen und seiner Angehörigen. Auch eine körperliche Untersuchung durch den Arzt gehört dazu. Um die Gedächtnisleistung des Betroffenen zu ermitteln, wurden spezielle Tests entwickelt, die ein Arzt durchführen kann. Für die Diagnose einer Demenzerkrankung müssen die Hirnleistungsstörungen mindestens sechs Monate bestehen.

Behandlung mit Medikamenten

Während das Fortschreiten von Demenzerkrankungen, die auf eine Grunderkrankung zurückgehen, von der Behandlung dieser Ursachen abhängt, sind Demenzen, die durch Nervenzellschädigungen bedingt sind, wie die Alzheimer-Krankheit, bislang nicht heilbar. Das Ziel aller Maßnahmen ist es dann, die bestehenden Möglichkeiten des Kranken auszuschöpfen. Doch je weiter die Erkrankung fortschreitet, desto weniger können die Bemühungen ausrichten. Letztlich ist nicht zu verhindern, dass der Betroffene immer hilfsbedürftiger wird. Sich dieses einzugestehen, fällt vielen Angehörigen und Ärzten schwer, weil es bedeutet, dass der Kranke nach und nach seine Fähigkeiten unwiderruflich verliert.

Rezeptfreie Mittel

Das pflanzliche Mittel mit dem Extrakt aus Blättern des Ginkgobaumes wurde im Unterschied zum Einsatz als Vorbeugemittel einer Demenz zur Behandlung in zahlreichen Studien untersucht. Einige Studien zeigten positive Ergebnisse, andere dagegen nicht.Insgesamt sind die Ergebnisse sehr uneinheitlich. Positive Effekte sind bisher nur für eine eng begrenzte Personengruppe und einen speziellen Extrakt (EGb 761) in hoher Dosierung ermittelt worden. Ob sich durch die Behandlung der Zeitpunkt hinauszögern lässt, zu dem die Betroffenen in ein Heim eingewiesen werden müssen, wurde bislang nicht untersucht. Ginkgoextrakt wird als "wenig geeignet" bewertet, doch ist ein Behandlungsversuch vertretbar, wenn besser bewertete Mittel nicht eingesetzt werden können. In solchen Fällen, wenn der Arzt die Behandlung einer Demenzerkrankung mit einem Ginkgopräparat für sinnvoll hält und er dieses verordnet, werden die Präparate von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt.

Rezeptpflichtige Mittel

Es wird vermutet, dass zu Beginn der Alzheimer-Demenz ein Mangel an dem Nervenbotenstoff Acetylcholin an der nachlassenden Gehirnleistung beteiligt ist. Dieses wurde auf alle Arten von Demenzerkrankungen, die auf Nervenzellschädigungen im Gehirn beruhen, übertragen und man hat Therapien entworfen, die dem Gehirn mehr Acetylcholin zur Verfügung stellen sollen. Ein Weg ist es, den Abbau von Acetylcholin zu bremsen, indem man das Enzym blockiert, das den Nervenbotenstoff abbaut. Zu der Gruppe dieser Acetylcholinesterasehemmer gehören die Wirkstoffe Donepezil, Galantamin und Rivastigmin. Medikamente mit diesen Stoffen können nur etwas bewirken, solange es Nervenzellen gibt, die noch auf den Botenstoff Acetylcholin reagieren. Darum muss ein Spezialist die geistige Leistungsfähigkeit des Kranken analysiert haben, bevor diese Medikamente verordnet werden. Bisher ging man davon aus, dass die Mittel abgesetzt werden sollten, sobald die Fähigkeiten unter einen bestimmten Wert gesunken sind. In einer Studie wurde jedoch gezeigt, dass Alzheimerpatienten, die diese Mittel bereits jahrelang eingenommen haben und deren Krankheit während dieser Zeit fortgeschritten ist, die Mittel auch weiterhin einnehmen können, vorausgesetzt sie werden gut vertragen. Allerdings können die Mittel die Denk- und Merkfähigkeit nur geringfügig verbessern, sodass es zweifelhaft bleibt, ob die Betroffenen oder Angehörigen das als Erfolg wahrnehmen können. Aus diesen Gründen werden die drei Substanzen Donepezil, Galantamin und Rivastigmin als "mit Einschränkung geeignet" bewertet.

Memantin scheint bei leichter Demenz nicht wirksam zu sein. Bei mittelschwerer bis schwerer Demenz ist durch den Wirkstoff hingegen eine Verbesserung zu registrieren. Diese ist jedoch so gering, dass sie im Alltag wohl kaum eine Rolle spielt. Wirkungen von Memantin, die über ein Jahr hinausgehen, sind nicht untersucht. Memantin ist derzeit das einzige Medikament, das zur Anwendung bei schwerer Alzheimer-Demenz zugelassen ist. Es gilt als "mit Einschränkung geeignet".

Ob sich die Wirksamkeit von Acetylcholinesterasehemmern durch die gleichzeitige Einnahme von Memantin verbessert, ist nicht ausreichend nachgewiesen.

Nimodipin ist ein Calciumantagonist. Er wird bei Demenzerkrankungen als "wenig geeignet" beurteilt, da seine therapeutische Wirksamkeit nicht ausreichend nachgewiesen ist.

Piracetam wird als "wenig geeignet" bewertet, weil seine therapeutische Wirksamkeit nicht ausreichend nachgewiesen ist. Zusätzlich können die unerwünschten Wirkungen durch den Wirkstoff recht belastend sein.

Bei vaskulärer Demenz liegt die Ursache in einer unzureichenden Durchblutung des Gehirns und deswegen wiederholt auftretenden Schlaganfällen. Entscheidend für einen Therapieerfolg ist hier die Behandlung der Risikofaktoren für einen Schlaganfall, nämlich hohem Blutdruck, Diabetes und gestörtem Fettstoffwechsel. Auch Bewegungsmangel und Übergewicht spielen eine Rolle. Zur Senkung des Risikos kann auch Acetylsalicylsäure oder Clopidogrel erforderlich sein, wie unter arterielle Durchblutungsstörungen beschrieben.

Demenzkranke weisen neben dem Verlust der geistigen Fähigkeiten oft weitere Symptome auf, z. B. Schlafstörungen, depressives Verhalten, Unruhe und Aggressionen. Bei der Behandlung dieser Beschwerden müssen Besonderheiten beachtet werden, die sich durch die Demenz ergeben. So sollten Demenzkranke mit einer Depression beispielsweise in erster Linie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) behandelt werden. Bei tri- oder tetrazyklischen Antidepressiva besteht die Gefahr, dass sich die Demenzsymptomatik verschlechtert.

Demenzkranke sind häufig übererregt oder sogar aggressiv. Es wird angenommen, dass sie damit auf ihr Befinden und auf Lebensumstände reagieren, die sie auf andere Weise nicht mehr ausdrücken können. Infrage kommen etwa Schmerzen, Hunger, Durst, eine verdrehte Körperhaltung, ein unbequemes Bett. Bei Schmerzen als denkbarer Ursache ist eine ausreichende Schmerztherapie notwendig. Erst wenn sich keine der vermuteten Ursachen bestätigt, kommen zur Behandlung solcher Zustände bestimmte Neuroleptika infrage. Zugelassen ist für Menschen mit Demenz nur das atypische Neuroleptikum Risperidon. Problematisch sind vor allem die unerwünschten Wirkungen, die Neuroleptika mit sich bringen und besonders ältere Menschen erheblich beeinträchtigen und ihnen sogar schaden können. Es besteht nämlich der Verdacht, dass diese Medikamente akute Ereignisse wie Schlaganfälle auslösen. Auch scheinen mehr Menschen mit einer Demenz während einer Langzeitbehandlung mit einem Neuroleptikum zu sterben als ohne solche Medikamente. Diese Faktoren zusammengenommen führen zu der Empfehlung, eine Behandlung mit Neuroleptika bei Demenzpatienten möglichst nur kurzzeitig (maximal 6 Wochen) bei aggressivem Verhalten und bei Eigen- und Fremdgefährdung einzusetzen und regelmäßig deren Auswirkungen kritisch zu überprüfen.

Darüber hinaus deutet eine systematische Übersichtsarbeit darauf hin, dass bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz der Einsatz von antipsychotischen Mitteln verringert werden kann, wenn Ärzte und Pfleger gezielt für den Einsatz psychosozialer Maßnahmen geschult werden und diese sowie eine aktivierende Pflege zum Erhalt der noch vorhandenen Alltagsfähigkeiten eingesetzt wird.Bei älteren Demenzpatienten, die nur wenig ausgeprägte psychiatrische Symptome zeigen und eine kurzfristige Behandlung mit Antipsychotika gut vertragen haben, kann mitunter die Dosis dieser Medikamente verringert werden oder sie können sogar ganz abgesetzt werden, ohne dass vermehrt Unruhe, psychotische Zustände und Aggression wieder auftreten.

Manchmal werden auch SSRI – eine Gruppe von Medikamenten bei Depressionen – eingesetzt. Allerdings ist noch unzureichend untersucht, ob sie bei übererregtem Verhalten nützen.