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Blutarmut

Allgemeines

Blutarmut (Anämie) bedeutet, dass der Körper zu wenig rote Blutkörperchen (Erythrozyten) hat und es ihm damit an rotem Blutfarbstoff (Hämoglobin) mangelt. Hämoglobin ist ein eisenhaltiger Eiweißstoff, der den Blutkörperchen ihre rote Farbe gibt und zuständig ist für den Sauerstofftransport. An das Hämoglobin bindet sich der in der Lunge eingeatmete Sauerstoff, der über die Blutbahn zu den Organen transportiert und dort an das Gewebe abgegeben wird. Enthält das Blut wenig Hämoglobin, verschlechtert sich die Sauerstoffversorgung des Körpers.

Wenn im Magen zu wenig von einem speziellen Transportstoff (Intrinsic Factor) produziert wird, kommt es zu einem Mangel an Vitamin B12, oft begleitet von einem Mangel an Folsäure. Beides fördert eine bestimmte Form der Blutarmut, die perniziöse Anämie.

Folsäure ist auch am Aufbau der Erbsubstanz menschlicher Zellen beteiligt. Wenn der Körper zu wenig Folsäure zur Verfügung hat, kann die Blutbildung im Knochenmark gestört sein. Besonders in der Schwangerschaft ist der Bedarf an Folsäure erhöht. Ein Mangel kann bei der Schwangeren zu Blutarmut und beim Ungeborenen zu Fehlbildungen führen.

Anzeichen und Beschwerden

Wie stark die Beschwerden sind, hängt davon ab, wie schnell sich das Blutbild verschlechtert. Verringert sich die Zahl der roten Blutkörperchen langsam über Monate hinweg, spüren Sie lange Zeit erst einmal gar nichts. Erstes Anzeichen ist oft eine auffällige Blässe. Oft fühlen Sie sich müde und schwach oder Sie sind unkonzentriert. Außerdem kann es sein, dass Sie leicht Atemnot bekommen, wenn Sie sich anstrengen.

Bei einer Anämie durch Eisenmangel werden die Nägel rissig und brüchig oder die Zunge brennt. Manchmal bilden sich Einrisse im Mundwinkel oder die Haare werden dünn.

Blutarmut kann auch durch innere Blutungen hervorgerufen werden. Ein deutlicher Hinweis auf Blutungen im Magen oder den oberen Darmabschnitten ist ein schwarz gefärbter Stuhl.

Ob ein Eisenmangel und in dessen Folge auch ein Mangel an roten Blutkörperchen besteht, lässt sich anhand einer Blutuntersuchung feststellen, bei der die Serum-Ferritin-Konzentration gemessen wird. Ferritin gilt als Speichereisen, auf das der Körper bei hohem Eisenbedarf zurückgreift. Werte von 40 bis 200 Mikrogramm pro Liter liegen im Normbereich. Werte unter 30 Mikrogramm pro Liter sind ein klarer Hinweis auf einen Eisenmangel.

Entzündliche Prozesse können die Werte der Serum-Ferritin-Konzentration erhöhen und damit verfälschen, obwohl die Serumeisenkonzentration niedrig ist. Ein weiterer wichtiger Blutwert ist das Transferrin, das ist ein Eiweißstoff, der für den Eisentransport verantwortlich ist. Zusätzliche Untersuchungen wie z. B. die Messung der Sättigung des Transferrins mit Eisen, können dann Hinweise geben, ob die Behandlung mit einem Eisenpräparat sinnvoll ist.

Auch ein Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure kann durch eine Blutuntersuchung festgestellt werden.

Bei einer Blutuntersuchung werden auch die Werte für Hämoglobin ermittelt. Als Normwerte gelten für Frauen 12 bis 15 g/dl und für Männer 14 bis 18 g/dl.

Ursachen

Eine Blutarmut entsteht bei stärkeren Blutverlusten, verminderter Blutbildung oder verstärktem Abbau roter Blutkörperchen. Beides kann auch kombiniert vorkommen. Daraus resultiert ein Eisenmangel.

Häufige Ursache für eine verminderte Blutbildung ist Eisenmangel.

  • So kann eine fleischlose Ernährung oder der vollständige Verzicht auf tierische Produkte (vegane Ernährung) einen Eisenmangel nach sich ziehen.
  • Bei Frauen beruht ein Eisenmangel häufig auf starken und lang anhaltenden Regelblutungen. Eine Anämie entwickelt sich zwar dann nur langsam, wird aber leicht chronisch.
  • In der Schwangerschaft brauchen Frauen generell mehr Eisen, sodass in dieser Zeit eine Blutarmut häufiger auftreten kann.
  • Kinder und Jugendliche in Wachstumsphasen haben ebenfalls einen erhöhten Eisenbedarf.
  • Kleinkinder mit sehr häufig wiederkehrenden Infekten (mehr als acht bis zehn im Jahr) können eine durch Eisenmangel bedingte Blutarmut entwickeln. Die Freisetzung von Immunstoffen aus den Immunzellen regt die vermehrte Einlagerung von Eisen in bestimmte Bindegewebszellen an, dann fehlt es bei der Blutbildung.
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (z. B. Morbus Crohn) können gerade jene Abschnitte betreffen, über die Eisen aufgenommen wird. Dadurch – aber auch durch eine Besiedelung des Magens mit Heliobacter pylori – kann ein Eisenmangel entstehen, der gegebenenfalls eine Blutarmut nach sich zieht.
  • Unfallverletzungen, Magen- und andere innere Blutungen verursachen einen raschen und hohen Blutverlust und können einen Eisenmangel nach sich ziehen. Dies gilt auch für häufiges Blutspenden, wenn nicht für Eisenersatz gesorgt wird..

Bei chronischen Nierenleiden nimmt der Hämoglobingehalt des Blutes ab, weil die Nieren zu wenig Erythropoietin bilden. Dieses Hormon regt die Produktion der roten Blutkörperchen an.

Bei schwerem Rheuma und auch bei anderen chronischen Krankheiten (z. B. Krebs, Entzündungen) bildet das Knochenmark weniger rote Blutkörperchen. Außerdem kann der Körper das über die Nahrung aufgenommene Eisen dann auch nur schlecht verwerten.

Eine weitere Ursache für Blutarmut ist der Mangel an bestimmten Vitaminen. So ist die Versorgung mit Vitamin B12 gefährdet, wenn der Magen nicht genügend Verdauungssäfte bildet, wenn Teile von Magen oder Dünndarm entfernt worden sind oder wenn ein Befall mit Fischbandwurm vorliegt. In der Folge kann eine Blutarmut auftreten.

Wenn im Magen zu wenig von einem speziellen Transportstoff (Intrinsic Factor) produziert wird, kommt es ebenfalls zu einem Mangel an Vitamin B12. Nicht selten wird ein Vitamin B12- Mangel begleitet von einem Mangel an Folsäure. Beides fördert eine bestimmte Form der Blutarmut, die perniziöse Anämie.

Bei schwerem Alkoholmissbrauch oder wenn Sie nahezu vollständig auf frisches Obst und Gemüse verzichten, wenn der Darm entzündet ist oder auf das Getreideklebereiweiß Gluten allergisch reagiert (Zöliakie, Sprue), kann ebenfalls ein Mangel an Folsäure entstehen. Wie bei Vitamin B12 kann auch die Aufnahme von Folsäure aus der Nahrung schon im Magen gestört sein. Bestimmte Arzneimittel wie z. B. Methotrexat (bei rheumatoider Arthritis, Krebs, Schuppenflechte), Cotrimoxazol (bei Harnwegsinfektionen) oder Valproinsäure, Phenytoin, Phenobarbital (alle bei Epilepsien) können ebenfalls einen Folsäuremangel hervorrufen. Das Vitamin ist von zentraler Bedeutung für die Bildung roter Blutkörperchen. Mangelt es an Folsäure, ist auch die Blutbildung gestört.

Während Schwangerschaft und Stillzeit steigt der tägliche Bedarf an Folsäure. Für die normale Entwicklung des Nervensystems des Föten ist eine ausreichende Konzentration von Folsäure im Blut der Mutter notwendig.

Darüber hinaus können Autoimmunerkrankungen (z. B. im Zusammenhang mit einem Non-Hodgkin-Lymphom) und einige Medikamente (beispielsweise Cisplatin bei Krebserkrankungen) rote Blutkörperchen zerstören (Hämolyse) und dadurch eine Blutarmut auslösen. Genetisch bedingte Fehlbildungen des Hämoglobins führen zu einer ähnlichen Form der Anämie.

Vorbeugung

Bei hohem Blutverlust sind Bluttransfusionen lebensrettend.

Normalerweise wird der Eisenbedarf über eine ausgewogene Ernährung gedeckt.

Einer Blutarmut können Sie vorbeugen, indem Sie sich mit einer ausgewogenen Mischkost gesund ernähren. Wenn Sie Diät halten, sich strikt vegetarisch oder vegan ernähren, müssen Sie darauf achten, dass Sie trotzdem genügend Eisen und Vitamin B12 aufnehmen, z. B. über Vollkorngetreide und Hülsenfrüchte. Gegebenenfalls sind auch Mineralstoff- oder Vitaminprodukte sinnvoll.

Wann zum Arzt?

Wenn Sie sich abgespannt und müde fühlen, Ihre Gesichtsfarbe blass und fahl ist und Ihnen häufiger schwindlig ist, kann eine Blutarmut vorliegen. Dann sollten Sie beim Arzt das Blut untersuchen lassen.

Besteht eine Blutarmut nachgewiesenermaßen aufgrund eines Eisenmangels, können Eisen-II-Verbindungen zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden.

Folsäure als Monopräparat darf ebenfalls verordnet werden, wenn die Tabletten oder Kapseln mindestens fünf Milligramm Folsäure enthalten und ein schwerwiegender Folsäuremangel vorliegt, der allein durch die Ernährung nicht ausgeglichen werden kann. Außerdem ist Folsäure verordnungsfähig, wenn Medikamente wie Methotrexat (bei rheumatoider Arthritis oder Krebs) eingenommen werden müssen und ein Mangel an Folsäure verhindert werden soll. Näheres hierzu finden Sie in der Ausnahmeliste.

Behandlung mit Medikamenten

Bevor der Arzt Ihnen Medikamente verschreibt, muss er die Ursachen für die Blutarmut herausfinden. Dies gilt auch, wenn Sie überlegen, sich selbst mit Eisen zu behandeln. Eisen zuzuführen ist nur dann erforderlich, wenn es tatsächlich fehlt.

Das gilt auch während einer Schwangerschaft. Bisher konnte nachgewiesen werden, dass eisenhaltige Mittel die Hämoglobinwerte bei Schwangeren verbessern können und sich damit eine Blutarmut bei der Geburt verhindern lässt. Nicht nachgewiesen ist aber, dass Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen dann auch seltener auftreten oder das Kind besser gedeiht.

Rezeptfreie Mittel

Eisen kann chemisch in zwei Formen vorliegen, als zwei- oder als dreiwertiges Eisen. Die Tabletten enthalten zweiwertiges Eisen, Injektionslösungen dreiwertiges.

Ein unkomplizierter Eisenmangel lässt sich durch Eisen zum Einnehmen innerhalb von drei bis sechs Monaten beheben. Zweiwertiges Eisen zum Einnehmen ist dafür geeignet, weil es gut aus dem Magen-Darm-Trakt ins Blut aufgenommen wird. Dreiwertiges Eisen zum Einnehmen dagegen ist nur mit Einschränkung geeignet, weil Eisen-III-Salze schlechter in den Körper aufgenommen werden. Ob dies bei Eisen-III-Komplexen in Form von Saft günstiger ist, ist noch nicht ausreichend belegt.

Um einen Folsäuremangel im Zusammenhang mit einer Blutarmut zu beheben oder den erhöhten Bedarf an Folsäure vor und während der Schwangerschaft zu decken, sind Präparate mit Folsäure geeignet.

Vitamin B12 zum Einnehmen ist zur Behandlung einer durch Mangel an Vitamin B12 bedingten Blutarmut nur geeignet, wenn die Aufnahme des Vitamins in Magen und Darm nicht gestört ist, z. B. bei einer Mangelernährung. Ist die Aufnahme von Vitamin B12 aus dem Magen-Darm-Trakt gestört, beispielsweise bei einer perniziösen Anämie, muss der Arzt das Vitamin intramuskulär spritzen. Dafür sind die Injektionslösungen geeignet.

Die Kombination Eisen + Folsäure ist geeignet, wenn nachgewiesenermaßen gleichzeitig ein Eisen- und Folsäuremangel besteht, was sehr selten vorkommt, oder wenn der Körper beides in größerer Menge als sonst benötigt (z. B. in der Schwangerschaft).

Rezeptpflichtige Mittel

Eisen zum Spritzen oder als Infusion ist nur dann geeignet, wenn der Eisenmangel nicht mit Eisentabletten behandelt werden kann. Dies ist beispielsweise bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) der Fall, oder auch bei chronischer Niereninsuffizienz, die mit Wachstumsfaktoren wie Erythropoetin oder Darbepoetin behandelt wird. Im Vergleich zu Eisentabletten besteht bei Eisen zum Spritzen ein höheres Risiko für unerwünschte Wirkungen (z. B. allergischer Schock).

Blutbildende Wachstumsfaktoren wie Erythropoietin oder Darbepoetin sind geeignet, wenn die Nieren diese Stoffe aufgrund einer chronischen Nierenerkrankung in zu geringem Maß produzieren oder wenn eine Eigenblutspende geplant ist, z. B. bei größeren Operationen. Bei Tumorerkrankungen sollte das Mittel nur im Rahmen von kontrollierten Studien gegeben werden, weil ein therapeutischer Nutzen fraglich ist und sich der Krankheitsverlauf klinischen Untersuchungen zufolge durch die Gabe von Erythropoietin auch verschlechtern kann. PEG-Epoetin wirkt deutlich länger als nicht-pegyliertes Epoetin. Das Mittel ist aber noch wenig erprobt und wird deswegen für die Behandlung einer Blutarmut bei chronisch Nierenkranken als "auch geeignet" bewertet.

Neue Medikamente

Seit 2007 wurden verschiedene neue Erythropoietinabkömmlinge als sogenannte Biosimilars zu Epoetin alpha in den Markt eingeführt. Sie unterscheiden sich strukturell nur wenig von Epoetin alpha, dem ersten Vertreter dieser Wirkstoffgruppe. Die komplex aufgebauten Wachstumsfaktoren werden gentechnologisch auf unterschiedliche Weise hergestellt, sodass sie in Molekülgröße und Anzahl der Zuckerreste variieren. Allen gemeinsam ist aber, dass sie die gleiche Struktur aufweisen wie menschliches Epoetin. Zugelassen wurden Zweitanbieterpräparate von Epoetin alpha sowie als Biosimilar zu Epoetin alpha der Wirkstoff Epoetin zeta (SILAPO, Retacrit). Außerdem als weitere Molekülvariationen des körpereigenen Erythropoietins Epoetin delta (Dynepo) und Epoetin Theta (Biopoin). Aufgrund zu geringer Verkaufszahlen auf dem deutschen Arzneimittelmarkt wurde die Produktion von Epoetin delta bereits 2009, also nach knapp zwei Jahren, wieder eingestellt.

Die neuen Epo-Abkömmlinge sind hinsichtlich ihrer therapeutischen Wirksamkeit vergleichbar, allerdings ist zu beachten, dass sich die zugelassenen Anwendungsgebiete oder die Art der Anwendung unterscheiden können.