Medikamente im Test

Angst- und Zwangsstörungen

Allgemeines

Angststörung

Angst ist ein sinnvolles Gefühl. Es ist die Voraussetzung, um eine Gefahr erkennen und vielleicht Gesundheit und Leben retten zu können. Die Angst vergeht, wenn die Gefahr vorbei ist. Der Anlass, der die Angst ausgelöst hat, ist objektiv nachvollziehbar.

Anders ist das, wenn an sich begreifliche Ängste, z. B. vor Prüfungen oder öffentlichen Auftritten, so stark werden, dass der Betroffene seine soziale Kompetenz einbüßt, beispielsweise indem er sich der angstauslösenden Situation nicht mehr aussetzt (Vermeidungsverhalten). Es ist sogar möglich, dass Angstgefühle ohne begründeten Anlass "aus sich heraus" entstehen. Solche Ängste können die Betroffenen so beherrschen, dass ihre Fähigkeit, ein normales Leben zu führen, eingeschränkt ist. Dann sprechen Mediziner von einer Angststörung.

15 von 100 Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Angststörung. Damit gehört sie zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.

In der Medizin werden drei Arten von Angststörungen unterschieden, die oft gemeinsam vorkommen. Um welche Angststörung es sich handelt und wie sie behandelt wird, richtet sich danach, welche Symptome vorherrschen.

  • Phobien sind extrem intensivierte Ängste vor etwas Bekanntem, z. B. die Angst, die schützende Wohnung zu verlassen und sich auf öffentlichen Plätzen und Straßen aufzuhalten (Platzangst, Agoraphobie), die Angst, in einem Raum eingeschlossen zu sein (Klaustrophobie), die Angst vor Spinnen (Arachnophobie), Flugreisen und so weiter. Besonders häufig kommen Sozialphobien vor. Dabei fürchten sich die Betroffenen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten oder zum Beispiel in der Öffentlichkeit aufzutreten.
  • Menschen mit einer Panikstörung werden urplötzlich von Angst überschwemmt und geraten in ein Gefühl, als ob sie sterben müssten. Sie können jederzeit eine akute Attacke erleiden. Diese hängt nicht von einer bestimmten Situation und in aller Regel auch nicht von einem speziellen Auslöser ab. Weil die Anfälle nicht absehbar sind, bestimmt häufig die Angst vor der Panikattacke das Leben dieser Menschen. Panikstörungen können auch im Zusammenhang mit einer depressiven Störung vorkommen. Dann wechseln sich häufig Paniksymptome mit Depressionen ab.
  • Bei einer generalisierten Angsterkrankung beherrschen große Sorgen, Befürchtungen und Ängste, die übertrieben und der Situation nicht angemessen sind, die meisten Tage. Diese schwere Ausprägung von Ängsten hält für mindestens ein halbes Jahr an.

Viele Menschen mit Angststörung haben auch Symptome einer Depression.

Zwangsstörung

Zwangsstörungen können sowohl Gedanken als auch Handlungen betreffen. Beispielsweise können die Gedanken ständig um eine Bedrohung durch Keime kreisen, ohne dass das Gedankenrad angehalten werden kann. Oder jemand muss sich fortwährend waschen, Stufen zählen oder kontrollieren, dass die Tür abgeschlossen ist. Manche Menschen müssen auf ihrem Weg noch einmal umkehren, um sich erneut zu vergewissern, dass der Herd abgestellt ist, obwohl sie dieses zu Hause schon mehrfach überprüft haben. Die Betroffenen erkennen ihr Verhalten zwar selbst als sinnlos und erleben es oft als quälend, können ihrem inneren Drang aber nicht entkommen. Gelingt es, die Handlungen zu unterdrücken, breiten sich Unruhe, Anspannung und Angst aus.

Das Bedürfnis nach Kontrolle ist vielen Menschen eigen. Beispielsweise entspringen Eigenschaften wie Ordnungsliebe und Sauberkeitsfimmel dem Bedürfnis, die Kontrolle über sein Leben zu behalten. Diese Menschen haben möglicherweise eine zwanghafte Persönlichkeitsstruktur, die aber nicht als Krankheit angesehen werden kann.

Zwangsstörungen kommen seltener vor als Angststörungen.

Anzeichen und Beschwerden

Angststörung

Bei manchen Menschen äußert sich eine Angststörung durch innere Unruhe und Spannung, sie fühlen sich Situationen hilflos ausgeliefert. Sie quälen sich z. B. mit Befürchtungen, ihnen oder ihren Verwandten könnte etwas zustoßen oder sie könnten schwer erkranken. Bei anderen dominiert eine hektische Umtriebigkeit, die keine greifbaren Ergebnisse bringt. Andere vermeiden alles, was sie mit dem Angstauslöser in Kontakt bringen könnte: Sie gehen nicht mehr aus dem Haus, nicht mehr ans Telefon.

Bei vielen drückt sich die unerklärliche Angst in körperlichen Beschwerden aus. Bei einer Panikstörung sind dies anfallartig auftretende Schweißausbrüche, Herzrasen, Zittern, Atemnot und Ähnliches. Eine generalisierte Angststörung kann sich durch Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Muskelverspannungen, ein Beklemmungsgefühl und Missempfindungen bemerkbar machen.

Viele Angsterkrankungen sind von Schlafstörungen begleitet. Vor allem das Einschlafen fällt schwer.

Die Betroffenen beklagen häufig vor allem ihre körperlichen Beschwerden, über Ängste sprechen sie nicht. Ärzte, die ihre Aufmerksamkeit nicht gezielt auf die psychische Struktur des Patienten richten, erkennen Angststörungen dann oft nicht.

Zwangsstörung

Sich ständig wiederholende, aber als sinnlos und unerträglich empfundene Gedanken oder Handlungen gelten als Zwangsstörung, wenn sie jeden Tag mehr als eine Stunde Zeit in Anspruch nehmen und den Alltag, die Arbeit, Beziehungen und Freizeitgestaltung deutlich beeinträchtigen.

Ursachen

Möglicherweise entsteht eine chronisch verlaufende Angsterkrankung bei vielen Menschen auf der Grundlage einer erblich angelegten besonderen Verletzlichkeit der Psyche und dem Zusammenwirken einer ungünstigen Lebens- und Lerngeschichte.

Störungen in der psychischen Entwicklung gehen mit Veränderungen im zentralen Nervensystem einher, die zur Entstehung einer Angst- oder Zwangsstörung beitragen können. Mit dem gestörten Zusammenspiel von Botenstoffen und ihren Auswirkungen auf Nervenzellen versucht man auf biologischer Ebene zu erklären, wie Angst entsteht und wie Medikamente gegen Angst und Zwanghaftigkeit wirken können. Diese neurobiologischen Erklärungen sind aber noch kein gesichertes Wissen.

Oft lösen erschütternde Ereignisse (Traumata) oder belastende Lebensphasen eine Angst- oder Zwangsstörung aus, z. B. die Beteiligung an einem schweren Unfall, Gewalterfahrungen in der Kindheit oder das Erlebnis, einem Verbrechen zum Opfer gefallen zu sein.

Allgemeine Maßnahmen

Menschen mit einer Angst- oder Zwangsstörung brauchen Gespräche, die sie stützen, und emotionale Zuwendung. Beides können sie in einer Psychotherapie erfahren. Insbesondere die kognitive Therapie und die Verhaltenstherapie können die Symptome nachweislich bessern. Dabei hilft der Therapeut, die Ängste mit der Zeit in einem anderen Licht zu sehen und anders mit ihnen umzugehen. Diese Therapien sind Arbeit an und mit sich selbst und die Veränderungen erfordern Zeit. Eine schnelle oder einfache "Heilung" können sie nicht bieten.

Manche bekommen die Ängste in den Griff, indem sie sich geeignete Literatur beschaffen oder einer Selbsthilfegruppe anschließen und sich so die speziellen Techniken selbst aneignen. Auch das Führen eines Tagebuchs, regelmäßige körperliche Bewegung und das Praktizieren von Entspannungsverfahren wie Meditation, Yoga, autogenem Training und progressiver Muskelentspannung können hilfreich sein.

Eine Panikattacke kann mit bestimmten Atemtechniken leichter überstanden werden.

Wann zum Arzt?

Befürchten Sie unter einer Angst- oder Zwangsstörung zu leiden, sollten Sie das Gespräch mit einem Arzt oder Pychotherapeuten suchen.

Behandlung mit Medikamenten

Rezeptpflichtige Mittel

Angststörung

Spannungs-, Erregungs- und Angstzustände müssen nicht immer medikamentös behandelt werden. Wenn sie Ausdruck von Erkrankungen sind, beispielsweise einer Depression, können sie durch andere Maßnahmen beeinflusst werden und/oder es muss die Grundkrankheit behandelt werden. Auch der gleichzeitige Einsatz von psychotherapeutischen Verfahren und Medikamenten ist eine akzeptierte Behandlungsweise. Die Behandlung von Angststörungen mit Medikamenten bedeutet in aller Regel, die Mittel für ein Jahr oder länger einzunehmen, um Rückfälle zu vermeiden.

Einem akuten Angstanfall kann man mit einem schnell wirkenden Benzodiazepin begegnen. Nur hierfür gelten Alprazolam, Bromazepam, Lorazepam und Oxazepam als "geeignet". Sie wirken vergleichsweise schnell und zuverlässig und ihre Wirkung hält mittellang an. Eine länger dauernde Behandlung mit diesen Mitteln verbietet sich aber, da sie nach wenigen Wochen zur Abhängigkeit führen. Bei schweren Angststörungen können diese Medikamente in den ersten Tagen eingesetzt werden, um die Zeit zu überbrücken, bis die anderen, bei Angststörungen dauerhaft eingesetzten Medikamente ihre volle Wirkung entfalten.

Eine länger dauernde Behandlung von Angststörungen wird mit Medikamenten durchgeführt, die auch bei Depressionen eingesetzt werden. Ihre Wirksamkeit ist gut belegt, eine Abhängigkeit ist bei ihnen – im Gegensatz zu den Benzodiazepinen – nicht zu befürchten. Für die Behandlung einer generalisierten Angststörung sind aus der Gruppe der trizyklischen Antidepressiva Clomipramin und Doxepin, aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Citalopram, Escitalopram, Paroxetin und Sertralin zugelassen; darüber hinaus auch die Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin und Venlafaxin.

Citalopram, Clomipramin, Duloxetin, Escitalopram, Paroxetin, Sertralin und Venlafaxin gelten bei Angststörungen als "geeignet". Diese Wirkstoffe können die Symptome einer Angststörung nachweislich abschwächen. Sie unterscheiden sich voneinander lediglich in ihren unerwünschten Wirkungen und den Wechselwirkungen mit anderen, gleichzeitig angewendeten Medikamenten.

Doxepin wird als "mit Einschränkung geeignet" bewertet, weil es deutlich dämpfend wirkt und eine Reihe unerwünschter Wirkungen mit sich bringen kann. Doxepin ist nur angebracht, wenn die Angststörung mit verstärkter Unruhe und Schlaflosigkeit einhergeht.

Bis der angstlösende Effekt dieser Antidepressiva spürbar wird, kann es zwei bis vier Wochen dauern. Daher wird bei einer schweren akuten Angststörung zu Beginn der Behandlung zusätzlich ein als "geeignet" bewertetes Benzodiazepin eingesetzt, das rasch wirkt. Nach zwei bis vier Wochen wird die Behandlung dann mit dem Antidepressivum allein fortgesetzt.

Opipramol, das in der Praxis viel eingesetzt wird, gilt als "mit Einschränkung geeignet". Es gibt zwar Hinweise auf eine therapeutische Wirksamkeit, doch basieren diese auf nur wenigen Studien. Weitere Studien sind daher erforderlich, um den Stellenwert des Mittels abzusichern.

Als "mit Einschränkung geeignet" bei Angststörungen – auch bei solchen, die sofort behandlungsbedürftig sind – werden die Benzodiazepine Clobazam, Diazepam, Dikaliumclorazepat, Medazepam und Prazepam bewertet. Ihre Wirkung setzt zwar schnell ein, hält aber 50 bis 100 Stunden an. Daher ist über Tage hinweg mit einer anhaltenden Beeinträchtigung zu rechnen, durch die sich besonders bei älteren Menschen die Unfallgefahr erhöht.

Unabhängig von ihrer Wirkdauer besteht bei allen Benzodiazepinen die Gefahr, dass sich eine Abhängigkeit entwickelt, wenn sie längere Zeit eingenommen werden. Außerdem können Sie Schläfrigkeit, Koordinationsstörungen und Vergesslichkeit hervorrufen. Bei Dauergebrauch können sie zudem ihre Wirkung verlieren. Ohne triftigen Grund sollen diese Medikamente nicht länger als zwei Wochen ununterbrochen eingenommen werden.

Zwangsstörung

Die Behandlung einer Zwangsstörung kann sehr lange dauern und die Medikamente müssen unter Umständen relativ hoch dosiert werden. Mittel der Wahl zur medikamentösen Behandlung von Zwangsstörungen ist Clomipramin aus der Gruppe der trizyklischen Antidepressiva. Aber auch Escitalopram, Fluvoxamin, Paroxetin und Sertralin aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer werden für die Behandlung von Zwangsstörungen als "geeignet" angesehen. Demgegenüber wird Fluoxetin, ebenfalls ein SSRI, als "mit Einschränkung geeignet" bewertet. Seine Wirkung hält sehr lange an und es gibt Wechselwirkungen mit vielen anderen Arzneimitteln.