Medikamente im Test

Neuroleptika richtig dosieren

Neue Forschungsergebnisse legen nahe, dass die bisherigen Dosierungsangaben sowohl für klassische wie auch für atypische Neuroleptika überprüft werden sollten. Um die Symptome einer akuten Psychose so gut wie möglich zu stoppen, werden für Haloperidol beispielsweise fünf bis zehn Milligramm angegeben. Bei den meisten Menschen genügen jedoch schon zwei bis vier Milligramm. Eine höhere Dosierung bringt den Betroffenen keinen Vorteil, sondern erhöht im Gegenteil das Risiko für Nebenwirkungen.

Eine Neuroleptikatherapie sollte mit der geringstmöglichen Dosis beginnen, insbesondere wenn die Psychose zum ersten Mal aufgetreten ist. So lassen sich typische Nebenwirkungen wie Zittern, Sitz- und Beinunruhe, unwillkürliche und steife Bewegungen vermeiden. Bis sich die psychotischen Beschwerden bessern, vergehen einige Tage. Das sollte abgewartet werden, bevor die Dosierung – individuell angepasst – erhöht wird. Es braucht also Zeit und Geduld, bis die richtige Dosierung gefunden ist. Wird die Medikamentendosis zu schnell gesteigert, besteht die Gefahr, dass der Kranke letztlich mehr einnimmt als notwendig und damit mehr und stärkere Nebenwirkungen erleidet. Das wiederum führt häufig dazu, dass er die Behandlung abbricht – was bei richtiger Medikamentendosierung eher vermeidbar ist. Die Behandlung mit einer hohen Neuroleptikadosis zu beginnen, ist nur vertretbar, wenn es sich um eine wiederholte Psychose mit besonders ausgeprägtem Beschwerdebild handelt.

Auch die Langzeitbehandlung mit Neuroleptika wird aufgrund neuer Erkenntnisse nun diskutiert. Unstrittig ist, dass sie das Risiko erneuter psychotischer Phasen vermindern kann. Wird die Behandlung beendet, erleiden sieben von zehn Patienten im darauffolgenden Jahr einen Rückfall. Von denen, die die Medikamente weiter einnehmen, sind es zwei bis drei von zehn. Trotzdem wird empfohlen, eine Dauerbehandlung erst nach einer individuellen Abwägung und intensiver Beratung zwischen Arzt, Patient und Angehörigen einzuleiten. Auf lange Sicht ist es nämlich für viele Kranke vorteilhafter, wenn die Medikamente früh reduziert beziehungsweise ganz abgesetzt werden. Das Beschwerdebild der Psychose scheint sich zu verschlechtern, je länger die Behandlung dauert. Die anfängliche Besserung durch die Neuroleptika ist nach einem halben Behandlungsjahr nur noch bei jedem Vierten unverändert vorhanden. Diesen Wirkverlust erklärt man sich damit, dass sich die Bindestellen im Gehirn verändern. Die Folgen dieses Wirkverlustes können unangemessene Dosissteigerungen sein, vermehrte Rückfälle nach plötzlichem Absetzen der Medikamente, kürzere Abstände zwischen den Rückfällen und eine ausgeprägte Wahnsymptomatik.

Noch eine Langzeitfolge der Einnahme von Neuroleptika wurde offenkundig: Durch Veränderungen der Gehirnsubstanz verschlechtern sich bei den Kranken die geistigen Fähigkeiten, die soziale Anpassungsfähigkeit und die psychotische Symptomatik. Je höher die Dosis der Neuroleptika, desto eher treten solche Veränderungen der Hirnstruktur und -funktion auf. Diese Folgen können sich im Verlauf von Wochen und Monaten zurückbilden, wenn die Medikamente reduziert oder abgesetzt werden.

Eine Behandlung mit Neuroleptika über längere Zeit ist vertretbar und oft auch erforderlich, wenn es bereits mehrere Rückfälle gab, die mit Fremd- und Eigengefährdung einhergingen und wenn sich die Beschwerden beim ärztlich begleiteten Versuch, das Medikament abzusetzen, erheblich verschlimmert haben. Doch selbst bei einer notwendigen Langzeitbehandlung sollte der Arzt in regelmäßigen Abständen die Dosierung und Verträglichkeit der Neuroleptika überprüfen und den individuellen Gegebenheiten anpassen.

Von der gleichzeitigen Anwendung verschiedener Neuroleptika, wie sie in Kliniken oft stattfindet, wird gänzlich abgeraten. Es gibt keine ausreichenden Belege für eine bessere Wirksamkeit gegenüber der Behandlung mit einem einzelnen Neuroleptikum in angemessener Dosierung, allein die Nebenwirkungen nehmen deutlich zu.

Bei Fragen zur Dosierung Ihrer Medikation oder der eines Angehörigen wenden Sie sich unbedingt an den behandelnden Arzt oder einen sozialpsychiatrischen Dienst. Sie dürfen die Mittel keinesfalls ohne Rücksprache absetzen, weil das den Behandelten gefährden kann.

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