Pflege­versicherung Wann sie leistet, was sie kostet

Pflege­versicherung - Wann sie leistet, was sie kostet
Gesetzliche Pflege­versicherung. Ihre Leistungen sind für Pflegebedürftige sehr wichtig, auch wenn sie meistens nicht ausreichen. © Getty Images / DGLimages

Wird ein Mensch pflegebedürftig, braucht er Hilfe – von Familien­mitgliedern oder Pflegefach­kräften. Finanzielle Unterstüt­zung bietet die gesetzliche Pflege­versicherung.

Inhalt

Das Wichtigste in Kürze

Pflege­leistungen für alle Bedürftigen

Versicherungs­pflicht.
Jeder, der gesetzlich oder privat kranken­versichert ist, ist auto­matisch in der gesetzlichen Pflege­versicherung versichert.
Beitrags­satz.
Der Beitrag zur Pflege­versicherung liegt für gesetzlich Versicherte bei 3,05 Prozent ihres Brutto­einkommens, wenn sie Kinder haben und 3,3 Prozent für Kinder­lose (Stand 2022). Privat Versicherte zahlen einen individuell ermittelten Beitrag. Es gibt eine gesetzliche Ober­grenze. Oben­drauf kommt im Jahr 2022 ein Corona-Zuschlag von einigen Euro.
Leistung auf Antrag.
Um Leistungen erhalten zu können, müssen gesetzlich Versicherte Pflege­leistungen bei der Krankenkasse beantragen, privat Versicherte bei ihrem Kranken­versicherer. Voraus­setzung ist, dass jemand länger als sechs Monate auf Unterstüt­zung im Alltag angewiesen ist.
Begut­achtung.
Pflegebedürftig­keit muss gutachterlich bestätigt werden. Für gesetzlich Versicherte ist dafür der MDK zuständig, für privat Versicherte die Firma Medicproof.
Pfle­gegrad
. Das Pflege­gut­achten legt fest, ob und wie viel Hilfebedarf ein Mensch hat und in welchen Pfle­gegrad von 1 bis 5 er deshalb einge­stuft wird. Je höher der Pfle­gegrad, früher Pfle­gestufe genannt, desto höher sind die Leistungen.
Tipp:
In unserem Pflege-Set erklären die Gesund­heits­experten der Stiftung Warentest, wie Sie die Pflege Schritt für Schritt organisieren können. Neben vielen Hilfe­stel­lungen zur Bewältigung von Formalitäten sichern Sie sich mit den enthaltenen Check­listen und Formularen wichtige staatliche Hilfe­leistungen.

Wenn plötzlich Pflege nötig ist

Eine Pflegebedürftig­keit kann sich einschleichen oder plötzlich auftreten, zum Beispiel nach einem Unfall oder infolge eines Sturzes, Herz­infarkts oder Schlag­anfalls. Angehörige müssen reagieren und fühlen sich oft über­fordert. Von einem auf den anderen Moment verändert sich auch ihr Leben – vor allem dann, wenn sie selbst die Pflege eines Angehörigen über­nehmen wollen. Haus­notruf, Pfle­gegrad, ambulanter Dienst – es gibt jede Menge neuer Begriffe, Informationen und Ansprech­partner. Es ist schwer, einen Über­blick zu gewinnen. Informiert zu sein ist aber wichtig. Wer nicht weiß, was ihm zusteht, bekommt wichtige Leistungen nicht. Deshalb sagen wir auf den folgenden Seiten,

  • wie Familien die Pflege eines Mitglieds sicher­stellen können,
  • welche Leistungen Pflegebedürftigen und Angehörigen zustehen,
  • wie sie sie abrufen können und
  • wer sie dabei unterstützt.

Gesetzliche Pflege­versicherung seit 1996

Jeder Mensch, der in Deutsch­land gesetzlich oder privat kranken­versichert ist, ist auto­matisch auch pflege­versichert. Die gesetzliche Pflege­versicherung ist eine Pflicht­versicherung, es gibt sie seit 1996. Neben gesetzlicher Unfall-, Kranken-, Arbeits­losen- und Renten­versicherung ist sie der jüngste Zweig der Sozial­versicherung. Die Vorschriften dazu stehen im Elften Sozialgesetz­buch, SGB XI.

Mehr als sechs Monate Hilfebedarf

Gesetzlich und privat Versicherte können auf Antrag Leistungen aus der Pflege­versicherung erhalten, wenn sie mehr als sechs Monate auf Unterstüt­zung und Pflege einer anderen Person angewiesen sind. Der Hilfebedarf wird durch den Medizi­nischen Dienst der Krankenkassen (MDK) oder die Firma Medicproof (private Versicherte) fest­gestellt. Antrag­steller auf Pflege­leistungen werden begut­achtet und bei Pflegebedürftig­keit in einen von fünf Pfle­gegraden einge­stuft. Je höher der Pfle­gegrad, desto höher ist die Leistung.

Keine Leistung bei vorüber­gehendem Bedarf

Ist jemand nach einem Unfall oder einer Krankheit nur für einige Wochen oder Monate auf Unterstüt­zung angewiesen, hat er keinen Anspruch auf Leistungen der Pflegekasse. Dann sind die Krankenkasse, der private Kranken­versicherer oder die Unfall­kasse für die Leistungen zuständig.

Versicherungs­pflicht für Kranken­versicherte

Die Pflege­versicherung ist an die gesetzliche Krankenkasse des Versicherten angegliedert. Privat Kranken­versicherte sind in der privaten Pflege­versicherung – auch Pfle­gepflicht­versicherung genannt – versichert. Die Leistungen der Pfle­gepflicht­versicherung sind denen der sozialen Pflege­versicherung gleich­wertig. Privat Versicherte können bis zu sechs Monate nach Abschluss eines Kranken­versicherungs­vertrags die Pfle­gepflicht­versicherung auch bei einem anderen Unternehmen abschließen.

Kosten­erstattungs­prinzip für privat Versicherte

Wie bei der privaten Krankenversicherung gilt für die Pfle­gepflicht­versicherung das Kosten­erstattungs­prinzip: Sach­leistungen wie etwa die Pflege durch den Pflege­dienst muss der privat Versicherte aus eigener Tasche vorstre­cken, bevor er sich seine Ausgaben vom Privatversicherer zurück­holt.

Beitrag für gesetzlich Versicherte

Der Beitrags­satz zur sozialen Pflege­versicherung liegt bei 3,05 Prozent des Brutto­einkommens für gesetzlich Versicherte mit Kindern. Kinder­lose zahlen 3,4 Prozent. Der Beitrag geht am Ende des Monats vom Brutto­lohn ab. Bei Angestellten beteiligt sich der Arbeit­geber am Beitrag, jedoch nicht am Kinder­losen-Zuschlag.

Beitrag für Privatversicherte

Der Beitrag für privat Versicherte zur Pfle­gepflicht­versicherung errechnet sich unabhängig von ihrem Einkommen, aber abhängig von ihrem Alter und Gesundheit bei Vertrags­schluss. Ein Teil des Beitrags wird für die so genannte Alterungs­rück­stellung verwendet, um starke Beitrags­steigerungen im Alter abzu­federn. Mit steigendem Alter steigt auch das Pflegerisiko. Das Gesetz sieht aber eine Ober­grenze vor: Ein privat Pflege­versicherter wird nie mehr zahlen als ein Versicherter der sozialen Pflege­versicherung. Ohne Beihilfe­anspruch sind das 147,54 Euro (2022), bei kinder­losen Versicherten rund 164 Euro, mit Beihilfe die Hälfte des Betrags. In der Praxis zahlen privat Versicherte heute deutlich weniger, Arbeitnehme­rinnen und Arbeitnehmer erhalten in der Regel einen Zuschuss zur Pflege­versicherung.

Privat Versicherte zahlen 2022 Corona-Zuschlag

Privat Kranken­versicherte müssen im Jahr 2022 einen befristeten Corona-Zuschlag für ihre Pfle­gepflicht­versicherung zahlen. Grund ist der erhöhte finanzielle Aufwand, den Pfle­geeinrichtungen während der ­Pandemie hatten. Dazu gehörten eine geringere Belegung, zusätzlicher ­Personalbedarf, Schutz­ausrüstung des Pflege­personals und Corona-Tests.

Für privat Ver­sicherte mit Beihilfe­anspruch – das sind vor allem Beamtinnen und Beamte – beträgt der monat­liche Zuschlag 7,30 Euro, also 88 Euro im Jahr. Versicherte ohne Beihilfe wie Angestellte oder Selbst­ständige zahlen 3,40 Euro pro Monat mehr, also knapp 41 Euro im Jahr. Der Zuschlag für ­Beamte ist höher, weil das Pflegereform­gesetz vorsieht, die Zusatz­kosten nach der Zahl der Leistungs­empfänger zu verteilen. Drei Viertel der privat versicherten Pflegebedürftigen sind Beamte.

Leistung mit Lücken

Für eine gute Pflege durch Pfle­gekräfte zu Hause oder im Heim ist viel Geld nötig. Vor allem, wenn es keine Hilfe von Familien­mitgliedern gibt. Die Pflege­versicherung deckt nicht das volle finanzielle Risiko ab. Nur ein Teil der Pflege­kosten für die häusliche und stationäre Pflege wird über­nommen. Den anderen Teil zahlen Versicherte aus eigener Tasche.

Eigene Kosten für Pflege kaum abschätz­bar

Niemand kann im Voraus wissen, ob und in welchem Pfle­gegrad er pflegebedürftig wird und wie viele Jahre er dann noch lebt. Nach dem Pflegereport der Barmer GEK mussten Frauen vom Beginn ihrer Pflegebedürftig­keit bis zu ihrem Tod im Durch­schnitt etwa 45 000 Euro aus eigener Tasche für ihre Pflege zuzahlen. Im Einzel­fall können Pflege­kosten aber auch mehrere Hundert­tausend Euro betragen, von denen die gesetzliche Pflege­versicherung einen Teil über­nimmt.

Das Sozial­amt springt ein

Reichen Rente und Erspartes nicht für den Eigen­anteil, leistet das Sozial­amt „Hilfe zur Pflege“. Die Behörde prüft dann, ob unter­halts­pflichtige Kinder einen Teil der Kosten über­nehmen können. Seit 2020 gilt eine sehr hohe Einkommens­grenze, so dass Kinder in diesen Fällen nur noch selten zuzahlen müssen. Mehr dazu erfahren Sie in unserem FAQ Elternunterhalt.

Private Pflege­zusatz­versicherung

Wer sichere und absehbar auch als Rentner ausreichend hohe Einkünfte hat, kann in jüngeren Jahren den Abschluss einer privaten Pflege­zusatz­versicherung in Erwägung ziehen. Sie kann die Lücke zwischen der Leistung der gesetzlichen Pflege­versicherung und den tatsäch­lichen Pflege­kosten schließen. Je nach Pfle­gegrad zahlt der Versicherer einen vertraglich vereinbarten Betrag aus. Finanztest hat 33 Pflegetagegeldversicherungen untersucht. Diese Variante ist die verbreitetste private Pflege­zusatz­versicherung.

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5 Kommentare Diskutieren Sie mit

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Nutzer­kommentare können sich auf einen früheren Stand oder einen älteren Test beziehen.

Profilbild Stiftung_Warentest am 24.01.2022 um 09:21 Uhr
Artikel aus Finanztest 02/22: Kosten im Pflegeheim

@BigWombat: Eine gekürzte Fassung des Artikels zu den Kosten im Pflegeheim finden Sie hier im Artikel unter Punkt 4.7.
Unsere Online-Darstellung der Themen ist nicht mehr identisch mit denen im Heft. Es ist nicht mehr so wie in den Anfängen von test.de, als die Heftinhalte 1:1 ins Internet übertragen wurden. Die Zeiten haben sich geändert und die Online-Themen bekommen einen eigenständige Aufbereitung. Online strukturieren wir die Inhalte nach anderen Kriterien, fassen die Inhalte aus mehreren Heften zu einem Thema zusammen und passen die Darstellung an diejenigen an, die das Heft nicht vor Augen haben.
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BigWombat am 23.01.2022 um 10:32 Uhr
Falsche Verlinkung?

Auf diesen Artikel wird vom Beitrag "Eigenanteil im Heim sinkt" aus dem Heft 2/2022 verlinkt obwohl es sich um einen anderen Artikel handelt.

Profilbild Stiftung_Warentest am 20.08.2021 um 19:57 Uhr
Druckfehler Finanztest 08/2021, Seite 90:

@Gutmens: Danke fürs aufmerksame Mitlesen. Ja, die pflegebedürftige Person muss es heißen.

Gutmensch am 28.07.2021 um 10:51 Uhr
Druckfehler in Finanztest 8/2021

In Finanztest August 2021 heißt es auf Seite 90:
"Ist die Pflegeperson in Kranken­haus, Reha oder Palliativversorgung, hat die Kasse eine Woche Zeit, zwei Wochen, wenn jemand, der die Pflege über­nimmt, dafür Pflege­zeit oder Familien­pflege­zeit beantragt hat."
Das ist falsch! Es muss "pflegebedürftige Person" heißen statt "Pflegeperson".
Im Internetauftritt (siehe oben) ist der Beitrag korrekt.

JS1985 am 21.07.2017 um 12:43 Uhr
Vorgehensweise für Privat - Pflegeversicherte

Guten Tag,
Privat Versicherte wenden sich nicht an die Firma Compass um einen Pflegegrad zu erlangen, sondern müssen sich auch zunächst an ihre (private) Pflegeversicherung wenden. Die Firma Compass übernimmt nur die Pflegeberatung für privat Pflegeversicherte.
Mfg
JS