Pflegebedürftige haben einen Anspruch auf Leistungen aus der gesetzlichen Pflege­versicherung.

Wird ein Mensch pflegebedürftig, braucht er Hilfe durch andere, etwa Familien­mitglieder oder Pflegefach­kräfte. Vieles lässt sich in den eigenen vier Wänden organisieren, manchmal ist aber auch ein Umzug ins Pfle­geheim nötig, um die beste Versorgung eines pflegebedürftigen Menschen zu gewähr­leisten. Finanzielle Unterstüt­zung bietet dabei die soziale Pflege­versicherung für Kassen- wie Privatpatienten.

Das Wichtigste in Kürze

Pflege­leistungen für alle Bedürftigen

Versicherungs­pflicht. Jeder, der gesetzlich oder privat kranken­versichert ist, ist auto­matisch in der gesetzlichen Pflege­versicherung versichert.

Beitrags­satz. Der Beitrag zur Pflege­versicherung liegt für gesetzlich Versicherte bei 3,05 Prozent ihres Brutto­einkommens, wenn sie Kinder haben und 3,3 Prozent für Kinder­lose (Stand 2020). Privat Versicherte zahlen einen individuell ermittelten Beitrag. Es gibt eine gesetzliche Ober­grenze.

Leistung auf Antrag. Um Leistungen erhalten zu können, müssen gesetzlich Versicherte Pflege­leistungen bei der Krankenkasse beantragen, privat Versicherte bei ihrem Kranken­versicherer. Voraus­setzung ist, dass jemand länger als sechs Monate auf Unterstüt­zung im Alltag angewiesen ist.

Begut­achtung. Pflegebedürftig­keit muss gutachterlich bestätigt werden. Für gesetzlich Versicherte ist dafür der MDK zuständig, für privat Versicherte die Firma Medicproof.

Pfle­gegrad. Das Pflege­gut­achten legt fest, ob und wie viel Hilfebedarf ein Mensch hat und in welchen Pfle­gegrad von 1 bis 5 er deshalb einge­stuft wird. Je höher der Pfle­gegrad, desto höher sind die Leistungen.

Tipp: In unserem Pflege-Set erklären die Gesund­heits­experten von Finanztest, wie Sie die Pflege Schritt für Schritt organisieren können. Neben vielen Hilfe­stel­lungen zur Bewältigung von Formalitäten sichern Sie sich mit den enthaltenen Check­listen und Formularen wichtige staatliche Hilfe­leistungen.

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Wenn plötzlich Pflege nötig ist

Eine Pflegebedürftig­keit kann sich einschleichen oder plötzlich auftreten, zum Beispiel nach einem Unfall oder infolge eines Sturzes, Herz­infarkts oder Schlag­anfalls. Angehörige müssen reagieren und fühlen sich oft über­fordert. Von einem auf den anderen Moment verändert sich auch ihr Leben – vor allem dann, wenn sie selbst die Pflege eines Angehörigen über­nehmen wollen. Haus­notruf, Pfle­gegrad, ambulanter Dienst – es gibt jede Menge neuer Begriffe, Informationen und Ansprech­partner. Es ist schwer, einen Über­blick zu gewinnen. Informiert zu sein ist aber wichtig. Wer nicht weiß, was ihm zusteht, bekommt wichtige Leistungen nicht. Deshalb sagen wir auf den folgenden Seiten,

  • wie Familien die Pflege eines Mitglieds sicher­stellen können,
  • welche Leistungen Pflegebedürftigen und Angehörigen zustehen,
  • wie sie sie abrufen können und
  • wer sie dabei unterstützt.

Gesetzliche Pflege­versicherung seit 1996

Jeder Mensch, der in Deutsch­land gesetzlich oder privat kranken­versichert ist, ist auto­matisch auch pflege­versichert. Die gesetzliche Pflege­versicherung ist eine Pflicht­versicherung, es gibt sie seit 1996. Neben gesetzlicher Unfall-, Kranken-, Arbeits­losen- und Renten­versicherung ist sie der jüngste Zweig der Sozial­versicherung. Die Vorschriften dazu stehen im Elften Sozialgesetz­buch, SGB XI.

Mehr als sechs Monate Hilfebedarf

Gesetzlich und privat Versicherte können auf Antrag Leistungen aus der Pflege­versicherung erhalten, wenn sie mehr als sechs Monate auf Unterstüt­zung und Pflege einer anderen Person angewiesen sind. Der Hilfebedarf wird durch den Medizi­nischen Dienst der Krankenkassen (MDK) oder die Firma Medicproof (private Versicherte) fest­gestellt. Antrag­steller auf Pflege­leistungen werden begut­achtet und bei Pflegebedürftig­keit in einen von fünf Pfle­gegraden einge­stuft. Je höher der Pfle­gegrad, desto höher ist die Leistung.

Keine Leistung bei vorüber­gehendem Bedarf

Ist jemand nach einem Unfall oder einer Krankheit nur für einige Wochen oder Monate auf Unterstüt­zung angewiesen, hat er keinen Anspruch auf Leistungen der Pflegekasse. Dann sind die Krankenkasse, der private Kranken­versicherer oder die Unfall­kasse für die Leistungen zuständig.

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Versicherungs­pflicht für Kranken­versicherte

Die Pflege­versicherung ist an die gesetzliche Krankenkasse des Versicherten angegliedert. Privat Kranken­versicherte sind in der privaten Pflege­versicherung – auch Pfle­gepflicht­versicherung genannt – versichert. Die Leistungen der Pfle­gepflicht­versicherung sind denen der sozialen Pflege­versicherung gleich­wertig. Privat Versicherte können bis zu sechs Monate nach Abschluss eines Kranken­versicherungs­vertrags die Pfle­gepflicht­versicherung auch bei einem anderen Unternehmen abschließen.

Kosten­erstattungs­prinzip für privat Versicherte

Wie bei der privaten Krankenversicherung gilt für die Pfle­gepflicht­versicherung das Kosten­erstattungs­prinzip: Sach­leistungen wie etwa die Pflege durch den Pflege­dienst muss der privat Versicherte aus eigener Tasche vorstre­cken, bevor er sich seine Ausgaben vom Privatversicherer zurück­holt.

Beitrag für gesetzlich Versicherte

Der Beitrags­satz zur sozialen Pflege­versicherung liegt im Jahr 2020 bei 3,05 Prozent des Brutto­einkommens für gesetzlich Versicherte mit Kindern. Kinder­lose zahlen 3,3 Prozent. Der Beitrag geht am Ende des Monats vom Brutto­lohn ab.

Beitrag für Privatversicherte

Der Beitrag für privat Versicherte zur Pfle­gepflicht­versicherung errechnet sich unabhängig von ihrem Einkommen, aber abhängig von ihrem Alter und Gesundheit bei Vertrags­schluss. Ein Teil des Beitrags wird für die so genannte Alterungs­rück­stellung verwendet, um starke Beitrags­steigerungen im Alter abzu­federn. Mit steigendem Alter steigt auch das Pflegerisiko. Das Gesetz sieht aber eine Ober­grenze vor: Ein privat Pflege­versicherter wird nie mehr zahlen als ein Versicherter der sozialen Pflege­versicherung. Ohne Beihilfe­anspruch sind das 143 Euro (2020), bei kinder­losen Versicherten 155 Euro, mit Beihilfe die Hälfte des Betrags. In der Praxis zahlen privat Versicherte heute deutlich weniger, Arbeitnehmer erhalten in der Regel einen Zuschuss zur Pflege­versicherung.

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Leistung mit Lücken

Für eine gute Pflege durch Pfle­gekräfte zu Hause oder im Heim ist viel Geld nötig. Vor allem, wenn es keine Hilfe von Familien­mitgliedern gibt. Die Pflege­versicherung deckt nicht das volle finanzielle Risiko ab. Nur ein Teil der Pflege­kosten für die häusliche und stationäre Pflege wird über­nommen. Den anderen Teil zahlen Versicherte aus eigener Tasche.

Eigene Kosten für Pflege kaum abschätz­bar

Niemand kann im Voraus wissen, ob und in welchem Pfle­gegrad er pflegebedürftig wird und wie viele Jahre er dann noch lebt. Nach dem Pflegereport der Barmer GEK mussten Frauen vom Beginn ihrer Pflegebedürftig­keit bis zu ihrem Tod im Durch­schnitt etwa 45 000 Euro aus eigener Tasche für ihre Pflege zuzahlen. Im Einzel­fall können Pflege­kosten aber auch mehrere Hundert­tausend Euro betragen, von denen die gesetzliche Pflege­versicherung einen Teil über­nimmt.

Das Sozial­amt springt ein

Reichen Rente und Erspartes nicht für den Eigen­anteil, leistet das Sozial­amt „Hilfe zur Pflege“. Die Behörde prüft dann, ob unterhaltspflichtige Kinder einen Teil der Kosten über­nehmen können. Seit 2020 gilt eine sehr hohe Einkommens­grenze, so dass Kinder in diesen Fällen nur noch selten zuzahlen müssen.

Private Pflege­zusatz­versicherung

Wer sichere und absehbar auch als Rentner ausreichend hohe Einkünfte hat, kann in jüngeren Jahren den Abschluss einer privaten Pflege­zusatz­versicherung in Erwägung ziehen. Sie kann die Lücke zwischen der Leistung der gesetzlichen Pflege­versicherung und den tatsäch­lichen Pflege­kosten schließen. Je nach Pfle­gegrad zahlt der Versicherer einen vertraglich vereinbarten Betrag aus. Finanztest hat 33 Pflegetagegeldversicherungen untersucht. Diese Variante ist die verbreitetste private Pflege­zusatz­versicherung.

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