Die Auswahl ist groß, aber nur wenige Apps sind gut. Das Problem: Die meisten bestimmen frucht­bare Tage und Regel­blutung nicht zuver­lässig.

Fünf, sechs Kreuzchen im Kalender – Monat für Monat markieren sich viele Frauen die Tage, an denen sie ihre Regel­blutung haben. Statt zu Stift und Papier greifen immer mehr zu Smartphone und Zyklus-App. Sie setzen ihre Häkchen in digitale Kalenderblätter.

Während Papier geduldig ist, fangen die Apps an zu rechnen – sie bestimmen für ihre Anwende­rinnen, wann der nächste Eisprung statt­finden oder die nächste Periode einsetzen soll. Ist darauf Verlass? Können Paare, die zuver­lässig verhüten oder aber ein Kind zeugen möchten, die Programme für ihre Zwecke nutzen?

Die Masse ist mangelhaft

Die Stiftung Warentest hat 23 Zyklus-Apps untersucht – 12 für das Betriebs­system Android und 11 für iOS. Nur zwei Android-Apps sowie eine iOS-App erhalten die Gesamt­note gut. Der Groß­teil ist mangelhaft.

Das Problem: Beliebte Apps wie Clue oder Flo, die laut Google Play Store jeweils bereits auf rund 10 bis 50 Millionen Android-Geräte herunter­geladen wurden, ermitteln den Eisprung und das Einsetzen der Periode rein mathematisch, zum Teil Monate im Voraus. Die Android-App Mens­truations-Kalender Pro wirbt: „Sie können Tag für Tag ihre Schwanger­schaft­schance über­prüfen.“ Flo für iOS verspricht: „Alle Frauen, auch solche mit unregelmäßigen Zyklen, können sich auf Flo verlassen.“

„Wer sich darauf verlässt, könnte eine lebens­ver­ändernde Über­raschung erleben“, sagt Dr. Gunnar Schwan, Projektleiter des Tests. Die meisten mangelhaften Apps greifen nur auf bereits vorhandene Kalender­daten aus früheren Zyklen der Frau zurück oder ziehen statistische Daten anderer Anwende­rinnen heran. Im Ergebnis liefern sie reine Durch­schnitts­werte, zeigen frucht­bare Tage und Regel­blutung so im Zweifel in einem falschen Zeitraum an. Planungs­sicherheit bringt das nicht.

Unser Rat

Den Zyklus der Frau aufzeichnen, verhüten oder einen Kinder­wunsch verfolgen – nur drei Apps helfen dabei zuver­lässig: MyNFP ist sowohl für das Betriebs­system Android als auch für iOS verfügbar, Lady Cycle nur für Android-Geräte. Die Installation ist zunächst in allen drei Fällen kostenlos, der Anbieter MyNFP berechnet für die Dienst­nutzung 9,99 Euro für drei Monate oder 29,99 Euro pro Jahr.

Kein Verlass auf Durch­schnitts­werte

„Bei einer gesunden Frau kann die Zykluslänge ohne weiteres zwischen 25 und 35 Tagen schwanken. Auf reine Durch­schnitts­werte ist keinerlei Verlass“, sagt Dr. Petra Frank-Herr­mann, Ober­ärztin an der Abteilung Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitäts­störungen der Universitäts­frauenklinik Heidel­berg. „Um den Zyklus weiter ins Wanken zu bringen, reicht schon Prüfungs­stress oder intensiver Sport.“ Die kalenderbasierten Apps nehmen darauf keine Rück­sicht. „Sie wissen eigentlich nichts über die Frau, machen aber eine Vorher­sage – das halte ich für gefähr­lich“, sagt Frank-Herr­mann.

Gute Apps sind keine Selbst­läufer

Die guten Apps im Test funk­tionieren anders: Lady Cycle und die beiden MyNFP-Versionen nutzen die sympto-thermale Methode der Arbeits­gruppe NFP, kurz für natürliche Familien­planung, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt. Die Methode geht so: Die Frau misst morgens ihre Körpertemperatur vor dem Aufstehen, Basal­temperatur genannt. Kurz vor oder nach dem Eisprung steigt die Temperatur leicht an. Zusätzlich beob­achtet sie ihren Zervix­schleim, der im Gebärmutterhals gebildet wird. Menge und Beschaffenheit des Schleims verändern sich im Zyklus­verlauf – um den Eisprung ist er flüssig und klar, nun könnte ein Kind gezeugt werden. Später wird er wieder weniger, zäh und versperrt den Spermien den Zugang zur Gebärmutter. Temperatur- und Schleim­ver­änderungen zeigen das Ende der frucht­baren Phase an.

So funk­tionieren die wichtigsten Verhütungs­methoden

Pille, Spirale, Kondom – wie zuver­lässig eine Methode davor schützt, schwanger zu werden, zeigt der Pearl-Index: Je kleiner die Zahl, desto sicherer. Doch nicht jedes Mittel eignet sich für jede Frau. Einen Über­blick über einzelne Verhütungs­methoden und ihre Wirk­samkeit bietet unser Special Verhütung.

Erlernen lässt sich das alles mithilfe von Literatur und NFP-Beratern, die bundes­weit Schu­lungen anbieten. Die Methode erfordert Zuver­lässig­keit. „Die Frauen müssen lernen, ihren Körper zu beob­achten“, sagt Petra Frank-Herr­mann. „Wissen sie die Symptome richtig zu deuten, können sie die frucht­baren Tage sehr genau bestimmen.“ Die Apps helfen dabei – weil sie die Daten aufzeichnen und interpretieren und einen praktischen Über­blick bieten, sagt die Gynäkologin.

Die Methode der natürlichen Familien­planung, die den Apps zugrunde liegt, ist erprobt. Eine sehr gute Gesamt­note vergeben wir für die Apps dennoch nicht. Der Grund: Aussagekräftige Studien mit App-Nutze­rinnen liegen bisher nicht vor.

Qual der Wahl bei Lily und OvuView

Auch Lily und OvuView bieten die Möglich­keit, mit der NFP-Methode zu arbeiten. Anwende­rinnen müssen sie aber unter verschiedenen Methoden auswählen – das ist unpraktisch und unsicher. Bei Lily stehen 3 Methoden zur Auswahl, bei OvuView gar 17. Zudem setzt OvuView die NFP-Methode nicht den Regeln entsprechend um, wie unsere Tests mithilfe von Beispiel­zyklen zeigen. Die Frucht­barkeits­anzeige traf nicht immer voll zu – gerade bei der Verhütung ist das problematisch.

Zwei wollen mit Extras punkten

Einen Mittelweg gehen Ovy und Natural Cycles: Wie die Mehr­zahl der Apps im Test berechnen sie die frucht­baren Tage im Voraus und legen dabei die Kalender­daten zugrunde. Zusätzlich muss die Anwenderin ihre Basal­temperatur kontrollieren. Die steigende Temperatur deutet zwar auf den Eisprung hin – die Frau war aber schon einige Tage davor frucht­bar. Zudem bestimmen beide Apps die frucht­bare Phase zu ungenau. Ovy und Natural Cycles bieten zu ihren Apps auch Thermo­meter für rund 15 und 25 Euro an. Über­prüft haben wir die Geräte nicht. Herkömm­liche Thermo­meter tun es aber auch und sind güns­tiger.

Der Anbieter von Natural Cycles gibt an, die App sei so wirk­sam wie die Pille. Er bewirbt sie außerdem als Medizin­produkt, Ovy seine App ebenfalls. Das klingt viel­versprechend, heißt aber nur: Sie dürfen ihre Apps selbst als Medizin­produkte einstufen, wenn sie ihrer Ansicht nach die dafür geltenden gesetzlichen Vorgaben erfüllen. Dass sie eine Schwangerschaft verhindern oder begüns­tigen, spielt dafür keine Rolle.

Intim­sphäre nicht gewahrt

Viele Apps fragen unnötige private Informationen ab – wie den echten Namen, das Geburts­datum oder über­flüssige Angaben zur Gesundheit. Neun Apps über­tragen Daten, mit denen sich die Anwenderin verfolgen lässt, etwa die Smartphone-Geräteidentifikations­nummer. So kann etwa Werbung gezielt geschaltet werden, die bei der Nutzerin fruchten soll.

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