Zwangsversteigerung Meldung

Lorelotte Hauer zeigt ihre frisch ersteigerte Eigentumswohnung.

Dreimal hat Lorelotte Hauer bei einer Versteigerung zugeschaut. Dann bot sie mit.

Berlin-Lichterfelde, 19. November 2003, 11.00 Uhr: In Saal 110 des Amtsge­richts wird eine Eigentumswohnung mit 55 Quadratmetern in Berlin-Steglitz versteigert. Sie hat zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad, Balkon. Ihr Verkehrswert liegt laut Gutachten bei 60 000 Euro.

Mehrere Paare mittleren Alters sind da, einige sichtlich aufgeregt. Schon der Raum ist Ehrfurcht einflößend. Der große, stattliche Gerichtssaal aus der Zeit um 1900 ist rundum holzvertäfelt und hat raumhohe Fenster. Der Rechtspfleger und die Proto­kollführerin sitzen am erhöhten Richtertisch, vom Publikum mehr als zehn Meter getrennt. Einziges Zeugnis der Moderne sind zwei betagte Computer.

30 Minuten Mindestbietzeit

Zwangsversteigerung Meldung

Die Zahl der Zwangsversteigerungen war im Jahr 2003 mit 91 686 Terminen so hoch wie nie zuvor. Deutlichen ­Zu­wächsen im Osten standen erstmals Rückgänge in einigen westlichen Regionen ­gegenüber.

Der Rechtspfleger verliest die Einträge im Grundbuch. Im Eiltempo rattert er jede Menge Paragraphen und Geldsummen runter. Um 11.07 Uhr eröffnet er die Bietstunde. „Es darf geboten werden.“

Im Raum herrscht Schweigen. Ein Pärchen blättert im Gutachten, das der Rechtspfleger ausgegeben hat, und flüstert. Nach fünf langen Minuten stehen ein Herr und eine Dame auf und gehen nach vorne zum Rechtspfleger. Sie tuscheln. Die Frau reicht der Protokollführerin ihren Personalausweis, diese tippt die Daten in den Computer.

Der Rechtspfleger erhebt die Stimme: „Frau Lorelotte Hauer bietet 30 000 Euro.“ Die Dame links am ersten Tisch ruft: „Ich beantrage Sicherheitsleistung.“ Sie ist die Vertreterin der Dresdner Bank, die das Verfahren als Gläubigerin betreibt. Herr und Frau Hauer reichen 6 000 Euro in bar über den Tisch, 10 Prozent des Verkehrswerts. Der Rechtspfleger zählt laut die grünen 100-Euro-Scheine: „Eins, zwei, drei, vier ...“.

Die Spannung steigt

Lorelotte Hauer und ihr Mann setzen sich auf ihre Plätze und besprechen sich kurz mit der Vertreterin der Bank. Danach wieder Schweigen. Und Warten.

Ein anderer Herr geht nach vorne, fragt etwas, kommt zurück, flüstert mit seiner Frau. Sie geht raus und kommt kurze Zeit später mit einem Packen grüner Scheine wieder. Beide gehen nach vorne und übergeben das Geld. „Frau Ulla Behnke und Herr Ullrich Henkel* bieten je zur Hälfte 32 000 Euro“, verkündet der Rechtspfleger.

Dann herrscht wieder Schweigen im Raum. Die bietenden Parteien starren vor sich hin, wechseln keinen Blick. Der Rechtspfleger ­raschelt mit seinen Papieren, die Protokollführerin tippt etwas in den Computer, die Dame von der Bank prüft die Maniküre ­ihrer Hände. Die Uhr schlägt. Halb zwölf. In 7 Minuten ist die Mindestbietzeit vorbei.

11.37 Uhr. „Möchte noch jemand ein ­Gebot abgeben?“, fragt der Rechtspfleger. „32 500“ kommt es von links. „Frau Hauer bietet 32 500“, verkündet der Rechtspfleger. „34 000“, ruft das Paar rechts. „Behnke-Henkel bieten 34 000“, wiederholt der Rechtspfleger.

Mit der Ruhe im Gerichtssaal ist es nun vorbei. In 500er-Schritten geht es weiter bis 45 000 Euro. Behnke-Henkel beginnen zu zögern, beraten sich immer wieder. Bei 51 000 Euro schließlich ist Schluss.

„51 000 zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten. Meistbietende bleibt Lorelotte Hauer mit 51 000 Euro“, verkündet der Rechtspfleger. „Hat die Gläubigerin Einwendungen gegen den Zuschlag?“ „Nein“, antwortet die Vertreterin der Bank. Der Rechtspfleger erklärt Frau Hauer zur neuen Eigentümerin. „Der Zuschlagsbeschluss geht Ihnen in den nächsten Tagen zu.“ Frau Hauer strahlt.

Taktik beim Zuschauen gelernt

„Wir hatten uns ein Limit von 55 000 Euro gesetzt“, erzählt Lorelotte Hauer später. „Obwohl wir uns schon einmal sehr geärgert haben, uns an ein Limit gehalten zu haben. Den Herrn, der den Zuschlag bekommen hat, haben wir nach der Versteigerung gefragt, wo denn seine Grenze gewesen wäre, und die lag genau 2 000 über unserer. Aber man kann die Leute ja nicht vorher fragen, was sie bereit sind zu zahlen.“ Denn nur wer seine Gebotsgrenze erfolgreich vor der Bietkonkurrenz verbirgt, kann hoffen, am Ende der Meistbietende zu bleiben. Das haben die Hauers bei den Versteigerungen gelernt, die sie als Zuschauer besucht haben.

Drei Versteigerungen haben sie sich angesehen, bevor sie das erste Mal mitboten. „So wussten wir genau, was auf uns zukommt. Bei einem Termin waren Leute dabei, die wussten nicht einmal, dass sie eine Sicherheitsleistung zahlen müssen. Die sind noch schnell zur Bank, haben es in den 30 Minuten Bietstunde aber nicht zurückgeschafft.“

Die Wohnung, die Frau Hauer gekauft hat, ist für ihren Sohn Alexander. Er ist 23 Jahre alt, studiert Informatik und Betriebswirtschaft. Da es einen angesparten Bausparvertrag gab, lag der Gedanke nahe, eine Wohnung zu kaufen statt zu mieten.

„Wir haben auch über Zeitungsannoncen eine Wohnung gesucht, aber nichts Passendes gefunden. Da habe ich zu meinem Mann gesagt: Warum versuchen wir es nicht mal mit einer Versteigerung?“ Die Wohnung haben sie 15 Prozent unter dem vom Gutachter geschätzten Verkehrswert bekommen.

Oft sind die Abschläge höher. „Eigentumswohnungen erzielen im Schnitt 60 bis 70 Prozent des Verkehrswertes, Einfamilienhäuser 75 bis 90 Prozent“, berichtet Winfried Aufterbeck vom Argetra Verlag, der einen Versteigerungskatalog herausgibt.

Wolf-Jürgen Busch, Rechtspfleger beim Amtsgericht Schöneberg, bremst zu hohe Erwartungen: „Schnäppchen gibt es nicht. Wenn Objekte weniger als die Hälfte des Verkehrswerts erzielen, sind das meist völlig uninteressante Objekte, die einfach keiner haben will. Zum Beispiel Wohnungen an Hauptverkehrsstraßen, Einzimmer- oder Parterrewohnungen.“

Nicht zum letzten Mal

Jetzt, einen Monat nach der Versteigerung, ist Sohn Alexander dabei, die Wohnung zu entrümpeln und zu renovieren. „Keiner hatte einen Schlüssel zur Wohnung“, berichtet Frau Hauer. „Die Hausverwaltung nicht, die alte Eigentümerin nicht, die Bank nicht. Schließlich haben wir den Schlüsseldienst kommen lassen. Aber zur Hauseingangstür haben wir bis heute keinen Schlüssel.“

Ein paar Nachbarn im Haus kennt sie schon. „Das Paar, das bei uns mitgesteigert hat, hat eine andere Wohnung im Haus gekauft. Das Angebot hatten sie schon vor der Versteigerung. Deshalb sind sie bei 51 000 Euro ausgestiegen. Jetzt zahlen sie zwar ein paar Tausend Euro mehr, aber so wussten sie genau, was sie bekommen. Ihre Wohnung hat Parkett, ist renoviert ...“

In einigen Tagen ist der Verteilungstermin. Dann wird Frau Hauer endlich als Eigentümerin ins Grundbuch eingetragen. Ob sie noch einmal eine Immobilie ersteigern würde? „Ja sicher, immer wieder“, antwortet Frau Hauer. „Wenn sich die Gelegenheit noch einmal bietet.“

* Namen geändert

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