Lachs im Test

Interview: „Aus Fehlern gelernt“

24.08.2021
Lachs im Test - Zucht­lachs vor Wildlachs
Professor Dr. Carsten Schulz. Der Agrarwissenschaftler leitet den Lehr­stuhl für Marine Aquakultur an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und die Gesell­schaft für Marine Aquakultur in Büsum. © privat

Wild­fisch wird knapp, Zucht­fisch ist eine Alternative. Professor Carsten Schulz erforscht umwelt­gerechte Aquakultur­verfahren. Im Gespräch mit test.de äußert er sich zu Massentierhaltung, Fütterungs­methoden und Antibiotika­einsatz.

Lachs im Test

  • Testergebnisse für 7 Wildlachs­filets 09/2021
  • Testergebnisse für 18 Zucht­lachs­filets 09/2021
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Inhalt

Wie sich das Meer erholt

Der meiste Lachs im Handel stammt aus norwegischer Zucht. Belasten diese Farmen das Meer?

Viel weniger als früher, die Züchter haben aus Fehlern gelernt. Die Stan­dards in Nord­europa sind heute sehr hoch. Norwegen ist Vorreiter. Die Züchter über­wachen etwa die Fisch­fütterung per Unter­wasser­kamera, damit nur wenig Futterreste das Meer verdrecken. Die Lachse scheiden kaum noch Kot aus, weil sie das moderne Futter gut verwerten. Die Netz­gehege bestehen inzwischen aus Material, das sich ohne großen Chemikalien­einsatz säubern lässt. Sie müssen von Zeit zu Zeit umge­setzt werden oder eine gewisse Zeit leer stehen. Dann können sich die Meeresgebiete regenerieren.

Lachs im Test - Zucht­lachs vor Wildlachs
Lachs­zucht im norwegischen Fjord. Die Gehege haben Durch­messer bis zu 250 Meter und sind bis zu 50 Meter tief. © Picture Press

Medikamente, Impfungen, Chemie

Wie sieht es mit dem Einsatz von Medikamenten aus?

Im Vergleich zu früher setzen die Betriebe kaum noch Antibiotika ein. Das ist maßgeblich den Impfungen zu verdanken. Sie schützen die Lachse vor vielen Krank­heits­erregern. Europäische Züchter müssen inzwischen jeglichen Einsatz von Medikamenten dokumentieren. Das soll verhindern, dass Arzneien unkontrolliert im Meer und in Lebens­mitteln landen.

Die Lachs­laus befällt viele Zucht­lachse. Ist die Massentierhaltung schuld?

Ja. Die Lachs­laus kann ein großes Problem in der Zucht sein. Sie kann Fische, die auf begrenztem Raum leben, stark befallen. Medikamente und Impfungen richten wenig aus gegen den Parasiten, der für Lachse tödlich sein kann. Züchter kombinieren häufig Therapie­ansätze. Sie setzen etwa kleine Lipp­fische und Seehasen ein, die sich von den Parasiten ernähren. Lachse werden auch mit Laser und chemischen Therapeutika behandelt oder in Süßwasser gebadet. Das ist aufwendig und teuer.

Bedrohen die Lachs­läuse Wild­fisch?

Unter Umständen. Der norwegische Staat schreibt daher Befall­grenzen und Zeit­punkte vor, wann Zucht­lachse entlaust werden müssen. Das soll passieren, bevor Wildlachse an den Gehegen vorbei in ihre Heimatflüsse ziehen, um zu laichen.

Was passiert, wenn Zucht­lachse ins offene Meer entweichen?

Stürme, Robben, Schiffe können Aquakul­tur­anlagen beschädigen, sodass Zucht­lachse ins offene Meer entkommen. Wenn sie sich mit Wildlachsen paaren, könnten die Nach­kommen die genetische Vielfalt der Wild­bestände beein­trächtigen. Zucht­lachs ist auf bestimmte genetische Merkmale gezüchtet. Er wird etwa später geschlechts­reif, um länger zu wachsen. Doppelwandige Zucht­gehege und Tauch­kontrollen sollen verhindern, dass Zucht­lachse entweichen. Das klappt nicht ganz. Kontroll­stationen an Lachs­flüssen identifizieren immer wieder Zucht­fische und sortieren diese aus.

Lachs im Test - Zucht­lachs vor Wildlachs
Kontrolle. Mitarbeiter prüfen regel­mäßig die Wasser­qualität der Aquakultur. © Getty Images

Fisch­mehl­anteil im Futter sinkt

Das Fisch­futter besteht auch aus Wild­fisch. Bedroht sein Einsatz zusätzlich die Wild­fisch­bestände?

Nicht unbe­dingt. Seit Jahr­zehnten wird welt­weit annähernd die gleiche Menge Fisch zu Fisch­mehl und -öl verarbeitet. Früher fütterte man damit auch Hühner und Schweine, heute vorrangig Fisch und Shrimps in den boomenden Aquakulturen. Nach­frage und Preise sind gestiegen. Allein aus ökonomischen Gründen sinkt der Fisch­mehl­anteil im Futter, er liegt noch bei etwa 5 bis 10 Prozent. So viel ist auch nötig, damit das Futter dem Fisch noch schmeckt. Der Rest sind Pflanzeneiweiße aus Soja, Erbsen, Bohnen oder Weizen, Schlacht­abfälle, Stärke und Pflanzenöle vor allem aus Raps. Um 1 Kilo Zucht­lachs zu züchten, sind weit weniger als 1 Kilo Wild­fisch notwendig. Das ist ein ökologischer Fort­schritt, früher waren es 2 Kilo und mehr.

Manche Anbieter werben damit, Futtermittel mit Algenöl einzusetzen. Was bringt das?

Als pflanzliche Fett­quelle ist meist Rapsöl in größeren Mengen im Lachs­futter enthalten. Es ist reich an ungesättigten Fett­säuren wie der Linol- oder Alpha-Linolensäure, aber ihm fehlen die hoch ungesättigten Omega-3-Fett­säuren, die das Fett des Lachses so wert­voll machen: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosa­hexa­ensäure (DHA). Er kann diese nur in begrenztem Maß aus der Alpha-Linolensäure bilden. Deswegen sind Züchter beim Fisch­futter auf Fischöl angewiesen – oder auf andere Quellen, die EPA und DHA liefern wie etwa Algenöl. Bis vor einigen Jahren konnte es noch nicht kostengünstig und konkurrenz­fähig in ausreichenden Mengen produziert werden. Das hat sich aber geändert. Es gibt mitt­lerweile Futtermittel mit Algen­ölen, die gänzlich auf Fisch­mehle und -öle verzichten.

Wie voll sind die Netz­gehege auf den Lachs­farmen?

In Norwegen dürfen auf einen Kubik­meter Wasser nicht mehr als 25 Kilo Lachs kommen. Aus fisch­physiologischer Sicht ist die Besatz­dichte eher zweitrangig, wenn die Umwelt­bedingungen stimmen – etwa eine passende Strömung für ständigen Wasser­austausch und gute Wasser­qualität sorgt. Man darf die Besatz­dichte nicht durch die menschliche Brille sehen. Der Lachs lebt in einigen Lebens­phasen im Schwarm. Er ist damit die Nähe zu Artgenossen gewohnt. Ein zu geringer Besatz verursacht sogar Stress.

Halten Lachs­farmen in Chile mit den europäischen Stan­dards mit?

Nein, staatliche Kontrollen und Regulierungen der Gewässernut­zung sind weit­aus weniger ausgeprägt. Lachs ist in Chile nicht zu Hause. Entkommene Fische konkurrieren mit heimischen um Raum und Futter.

Kreis­lauf­anlagen an Land als Zukunfts­perspektive

Leben schon gentech­nisch veränderte Lachse in Aquakulturen?

Ja, in ganz geringem Umfang in Kanada. Dort dürfen solche schneller wachsenden Lachse gezüchtet und seit 2017 verkauft werden. In der EU und Norwegen ist beides verboten.

Wie sieht die Zukunft aus?

Das Bewusst­sein um die Probleme der Lachs­zucht ist ange­kommen in Öffent­lich­keit und Politik. Die Belastungs­grenze der Ökosysteme in den norwegischen Fjorden ist erreicht. Daher wird nach angepassten, umwelt­gerechteren Technologien gesucht, um die Produktion ausweiten zu können. Eine Möglich­keit sind weitest­gehend geschlossene statt offene Netz­gehege weit draußen im Meer, die aber noch nicht praxis­reif sind: Damit lassen sich Kot und Futterreste auffangen, Infektions­ketten unter­brechen – und es können deutlich weniger Lachse entkommen. An Land wird es zunehmend Kreis­lauf­systeme geben, auch für andere Speise­fische. Da wird das Wasser gereinigt und wieder zurück­gepumpt in die Haltungs­systeme. Damit hat man eine sehr effiziente Wasser­nutzung. Solche Kreis­lauf­anlagen gibt es etwa schon in Norwegen, Dänemark, Polen oder der Schweiz.

Wie artgerecht sind solche Anlagen an Land?

Die Kreis­lauf­anlagen bieten ganz­jährig optimale Umwelt­bedingungen. Dadurch wächst der Fisch besser als im natürlichen Lebens­raum. Die Sterb­lich­keits­rate ist geringer als in offenen Netz­gehegen, denn Krankheiten werden in die geschlossenen Systeme nicht einge­tragen. Diese Aspekte sprechen für Tier­wohl-Vorteile. Auf der anderen Seite muss man berück­sichtigen, dass die Haltungs­umwelt eine komplett künst­liche ist und wir aktuell noch nicht viel dazu wissen, wie es den Fischen darin geht. Para­meter wie Wachs­tum, Verluste oder Hormonspiegel sprechen dafür, dass die Fische jedenfalls nicht gestresst sind. Aber hier ist die Wissenschaft noch gefordert.

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