Zinstest Test

Nach langer Flaute wirbelt ein frischer Wind Tagesgeld, Festgeld und andere Sparprodukte auf. Zahlreiche ­Banken haben ihre Zinssätze bereits erhöht, andere werden folgen. ­Finanztest stellt die attraktivsten Angebote mit kurzen Laufzeiten vor.

Sie hat es getan. Am 1. Dezember erhöhte die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins – von 2 auf 2,25 Prozent. Es war der erste Zinsschritt nach zweieinhalb Jahren, in denen der Satz auf historisch niedrigem Niveau verharrte.

Jetzt steigen auch die Sparzinsen wieder. Schon im Vorfeld der Leitzinserhöhung schickten uns die ersten Banken Faxe und E-Mails mit den neuen Konditionen. Für Zinsanlagen, die ein bis drei Jahre laufen, gibt es jetzt teilweise schon über 3 Prozent pro Jahr. Einige Anbieter haben die Sätze seit unserem jüngsten großen Zinstest im August 2005 um einen halben Prozentpunkt oder noch mehr erhöht.

Erstaunlich wenig hat sich dagegen bei Tagesgeld getan. Hier liegen die besten Zinsen unverändert zwischen 2,25 und 2,75 Prozent. Allerdings lagen die Tagesgeldsätze zuvor schon deutlich über dem Geldmarktniveau, weil viele Banken mit diesen Konten Kunden anlocken wollen. Die Zinsen am Geldmarkt, auf dem die Banken sich untereinander Geld leihen, sind in der Regel ungefähr so hoch wie der Leitzins von 2,25 Prozent.

Das Dilemma

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Der Zinsschritt der EZB hat die Anlagestrategien einiger Sparer durcheinander ­gewirbelt. Sie fragen sich, ob sie sich die höheren Zinssätze für ein, zwei oder drei Jahre jetzt sichern sollen. Sie nähmen dafür in Kauf, dass sie weitere Zinserhöhungen verpassen.

Oder sollten sie besser abwarten, bis die EZB weitere Schritte unternimmt? Dann bliebe das Geld auf dem zwar schlechter verzinsten Tagesgeldkonto, sie könnten es aber sofort umschichten.

Mehr als drei Jahre brauchen Anleger ihr Geld im Moment nicht festzulegen. Die Zinsen für länger laufende Produkte sind kaum höher. Sollten die Zinsen weiter ­steigen, würden sie mit langfristigen Geldanlagen zudem in der Falle stecken. Während um sie herum die Erträge sprudelten, müssten sie sich jahrelang mit vergleichsweise wenig zufrieden geben.

Prognosen für den Zinsmarkt

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Die Experten sind sich uneins, wie es weitergeht am Zinsmarkt. Matthieu Louanges zum Beispiel kauft von Berufs wegen ­Zinspapiere. Der Manager des dit-Allianz ­Rentenfonds rechnet damit, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen bis September 2006 bis auf 2,75 Prozent erhöht.

Er führt dafür mehrere Gründe an. „Ich glaube, dass die Inflation 2006 die meiste Zeit des Jahres über 2 Prozent liegen wird“, sagt Louanges. Dann wäre das Inflationsziel der EZB überschritten. Ihre Aufgabe ist es, für eine stabile Währung zu sorgen.

Steigen die Preise stark, gebietet sie dem Einhalt, indem sie die Zinsen anhebt. Zurzeit steigen die Preise in Euroland mit einer Jahresrate von 2,3 Prozent (Stand: Ende November 2005). Auch in Deutschland beträgt die Inflation 2,3 Prozent.

Inflation treibt Zinsen

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Inflation entwertet das Geld, das in Zinsprodukten steckt. Um das auszugleichen, ziehen die Zinsen an, wenn die Marktteilnehmer eine steigende Inflationsrate erwarten.

Inflation entwertet das Geld, das in Zinsprodukten steckt. Um das auszugleichen, ziehen die Zinsen an, wenn die Marktteilnehmer eine steigende Inflationsrate erwarten.

Eine Ursache für steigende Preise ist das Wirtschaftswachstum. Je höher die Nachfrage nach Waren, desto mehr werden sie wert. Louanges erwartet ein gutes Wachstum im nächsten Jahr. „Dafür spricht zum Beispiel der ifo-Geschäftsklimaindex, der erst jüngst wieder gestiegen ist“, sagt er.

Auch die wachsende Geldmenge spricht für weitere Inflation. Es ist so viel frei verfügbares Geld im Markt, dass es einen Nachfrageschub auslösen kann. Fließt das Geld in den Konsum, treibt das die Preise.

„Der Anstieg des Ölpreises ist vor allem darauf zurückzuführen, dass weltweit viel kurzfristiges Geld zur Verfügung stand, sowohl in Euroland als auch in Japan und den USA, und sich die Nachfrage stark erhöhte“, erklärt Matthieu Louanges.

Außerdem werden die Preise steigen, wenn in Deutschland im Jahr 2007 die Mehrwertsteuer steigt. Andreas Riegler, Manager des Fonds Raiffeisen Euro Rent, sagt: „Nach unseren Berechnungen dürfte die Mehrwertsteuererhöhung mit 0,3 Prozentpunkten auf die Inflationsrate in Euroland durchschlagen.“

Kein Sturm in Sicht

Trotzdem rechnet Riegler mit weniger stark steigenden Zinsen als Louanges. Er sieht die Inflationsrate wieder zurückgehen. „Die Wirtschaft dürfte nicht stärker wachsen als jetzt“, nimmt er an, „und auch die Rohstoffpreise werden sich wieder beruhigen.“ Riegler erwartet daher, dass der EZB-Zins höchstens auf 2,5 Prozent steigt.

Martin Boy von der Vakifbank geht sogar davon aus, dass der EZB-Zins zunächst bei 2,25 Prozent bleibt. „Dass der Konsum anspringt, das sehen wir nicht“, sagt er. Seine Bank hat die Zinsen für alle Laufzeiten ab einem Jahr um 0,25 Prozentpunkte gesenkt, wenn auch von hohem Niveau. Sie gehört nach wie vor zu den Top-Anbietern.

Ulrich Ott von der ING-Diba schätzt die Lage ähnlich ein. „Jean-Claude Trichet, der Präsident der EZB, hat gesagt, dass dies nicht automatisch der Auftakt weiterer Zinsschritte ist“, sagt er.

Sparer können in Ruhe abwarten, was passiert: Gibt es eine Phase der steigenden Zinsen wie in den USA? Oder ein Zurücksinken in die Flaute?

Für Anleger, die ihr Geld längerfristig angelegt haben, zum Beispiel in Rentenfonds Euro, besteht kein Grund, Anteile an diesen Fonds jetzt abzustoßen. Nach Meinung von Riegler und Louanges werden die Zinsen für lang laufende Papiere noch ein wenig sinken. Das wiederum bedeutet Kursgewinne für Fondsanleger.

Doch mit den Zinsprognosen ist es wie mit den Wettervorhersagen. Oft stimmen sie, häufig aber auch nicht. Sollte es wider Erwarten doch zu Kursverlusten der Rentenfonds kommen, weil die Marktzinsen rapide und in allen Laufzeiten steigen, ­wäre dies aber auch kein Problem. Die Verluste würden schon bald durch die höheren Zinserträge der neuen Papiere ausgeglichen, welche die Manager dann kaufen.

So weit, so ruhig. Ein Sturm auf dem Zinsmarkt ist nicht in Sicht, höchstens die ein oder andere Böe.

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