Zertifikate und Anleihen Test

Als die Finanzkrise tobte, versprachen die Banken, von nun an verständliche Zertifikate und Anleihen anzubieten. Doch jetzt müssen wir vor ­ähnlichen Konstruktionen warnen wie vor der Krise.

Der Trick ist beliebt: Statt Zertifikat schreiben die Banker jetzt Anleihe auf ihr Produkt, dann kriegen sie es besser los. Von Zertifikaten haben die Leute nämlich die Nase voll. Das liegt nicht zuletzt an der Pleite der amerikanischen Bank Lehman Brothers, durch die deutsche Anleger Zigtausende Euro verloren haben. Zusätzlich statten die Produktebastler der Banken ihre Papiere mit einer Kapitalgarantie aus – auch das ist ein spitze Verkaufsargument.

Das Problem ist nur: Eine Geldanlage, die nur das angelegte Geld sichert und keine oder kaum Rendite bringt, ist wenig sinnvoll. Die Garantie ist zudem nur so viel wert wie die Kreditwürdigkeit der Bank, die das Zertifikat herausgibt. Geht sie pleite, ist das Geld ebenso verloren wie bei Lehman.

Anfang des Jahres, als ihr Image auf dem Tiefpunkt war, versprach die Zertifikatebranche, künftig einfache Produkte auf den Markt zu bringen. Wir wollten wissen, ob die Banker ihr Wort gehalten haben und wurden enttäuscht. Die Papiere sind weiterhin so kunstvoll konstruiert, dass kaum jemand sie wirklich versteht, weder die ­Berater in der Bank noch die Anleger.

Verpackungskünstlerin DZ Bank

Zertifikate und Anleihen Test

„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Das sagte Albert Einstein, lange bevor die Banken ihre verschachtelten Zertifikate und Anleihen erfanden.

Ein anschauliches Beispiel dafür bietet die Marktführerin DZ Bank. Im September bot die Genossenschaftszentrale, die ihre Produkte über Volks- und Raiffeisenbanken vertreibt, das Zertifikat DZ Bank Maxirend Control IV RV zur Zeichnung an (Isin DE 000 AK0 ETJ 8). Anleger wetten mit dem Papier auf einen Rückgang des deutschen Aktienindex Dax. Es ist ein Express-Bonus-Zertifikat, es läuft vom 11. September 2009 bis maximal 11. Dezember 2014.

Ab Dezember 2010 gibt es jedes Jahr die Chance auf vorzeitige Rückzahlung und einen Bonus – sofern der Dax mitspielt. Vorsicht, jetzt wirds kompliziert: Liegt der Dax im Dezember 2010 auf oder unter seinem Startwert, zahlt die DZ Bank das angelegte Geld zurück und einen Bonus von 9,5 Prozent. Ist der Dax gestiegen, läuft das Papier weiter. Im Dezember 2011 beginnt das Spiel von vorn, allerdings gilt als Kursschwelle dann nicht mehr der Startwert, sondern der Startwert plus 10 Prozent. Das heißt, das Zertifikat wird fällig, wenn der Dax auf oder unter 110 Prozent seines Startwerts liegt. Der Bonus erhöht sich auf 19 Prozent.

Jedes Jahr schaut die Bank aufs Neue: Im Dezember 2012 klettert die Kursschwelle auf 120 Prozent, der Bonus beträgt dann 28,5 Prozent. 2013 steigt die Schwelle auf 130 Prozent, der Bonus auf 38 Prozent. 2014 ist auf jeden Fall Schluss.

Die Rückzahlung hängt vom Stand des Indexes ab. Drei Fälle sind möglich: Liegt der Dax auf oder unter 140 Prozent seines Startwerts, gibt es das Geld zurück plus 47,5 Prozent Bonus. Steht der Dax zwar über 140, aber unter 150 Prozent des Startwerts, erhält der Anleger nur sein Geld wieder, aber keinen Bonus. Sein Geld lag dann fünf Jahre unverzinst. Liegt der Dax über 150 Prozent des Startwerts, erhält der Anleger sein Geld abzüglich der positiven Dax-Entwicklung. Dann macht er Verlust.

Für Privatanleger taugt das Zertifikat kaum. Das zeigt auch das Finanztest-Komplexitätsmaß von 7. Das Maß gibt an, von wie vielen Bedingungen Zins- und Rückzahlung des Produkts abhängen. Papiere mit einem Maß größer als 5 sind zu schwer zu durchschauen (siehe Finanztest-Komplexitätsmaß).

Das Maxirend Control IV RV ist genau so komplex aufgebaut wie viele Papiere, die die DZ Bank schon vor der Finanzkrise konstruierte. Einen Unterschied stellen wir aber fest: Die Gefahr, dass die Geldanlage mit dem Index abstürzt, besteht nur noch am Laufzeitende. Zwischenzeitliche Verluste verderben den Anlageerfolg nicht mehr.

Die DZ Bank baut gern solche Strukturen auf. Sie hat auch nach wie vor das Produkt Variozins Garant im Programm, das in immer neuen Varianten kommt. Es bezieht sich auf einen Aktienkorb, von dessen Entwicklung die Rendite abhängt.

An Aktienkörbe gekoppelte Zertifikate sind besonders schwierig. Zwar lassen sich ihre Bedingungen scheinbar einfach verstehen. Was für eine Aktie aus dem Korb gilt, gilt für alle. Die Vervielfachung der Bedingungen macht es aber fast unmöglich, die wahren Renditechancen abzuschätzen: Das Komplexitätsmaß des aktuellen Variozins-Garant D 09/09 liegt bei 210!

Kreative Landesbanker

Ähnlich detailverliebt wie die Produktebastler der DZ Bank gehen ihre Kollegen bei den Landesbanken zu Werke, wie etwa das Beispiel der Ziel-Zins-Expander-Anleihe 09/09 der West LB zeigt. Das Papier läuft vom 22. September 2009 bis maximal 24. September 2029 (Isin DE 000 WLB 6J0 8).

Für die Anleihe gibt es in den ersten fünf Jahren je 5 Prozent pro Jahr fest. Danach hängt der Zins von der Differenz zwischen dem Zehnjahres- und dem Zweijahres-­Euro-Swapsatz ab. Der Euro-Swapsatz gibt an, wie die Marktteilnehmer die künftigen Zinsen im Euroraum einschätzen.

Die West LB zahlt die Anleihe zurück, sobald sich die Zinskupons auf 29,5 Prozent summieren. Das ist der Ziel-Zins. 25 Prozent hat der Anleger schon in den ersten fünf Jahren gesammelt. Das hört sich nach einer einfachen und sicheren Sache an, ist es aber nicht: Aus den 5 Prozent pro Jahr können ganz schnell nur 3 Prozent pro Jahr werden, wenn die Anleihe acht Jahre läuft, bis der Ziel-Zins erreicht ist. Wenn es ganz dumm kommt, könnte die Anleihe erst 2029 fällig werden und die Rendite magere 1,6 Prozent pro Jahr betragen – für 20 Jahre!

Vermeintlich simpel, aber hochkomplex: Unser Komplexitätsmaß beträgt 89!

Es hat übrigens wenig Sinn, die Anleihe für fünf Jahre zu halten, die 5-Prozent-Kupons zu kassieren und dann zu verkaufen. Sind die Aussichten nämlich schlecht, sinkt der Kurs des Papiers und der Anleger macht beim Verkauf einen Verlust.

Die Masche ist verbreitet: Am Anfang lockt ein hoher Zins, wie viel herauskommt, steht aber nicht fest. Meist ist es viel weniger als gedacht. Anleger sollten sich nicht blenden lassen. Wer sein Geld sicher anlegen will, wählt besser eine Anlage, bei der er von vornherein weiß, wie lange sie läuft.

Commerz-Dresdner-Falle

Bei der Commerzbank finden wir ein bekanntes Produkt wieder. Es ist ein Zertifikat namens „Global Champion“, mit dem schon die Dresdner Bank Anleger in die Verzweiflung gestürzt hat (siehe Test Falsch beraten). Offenbar hat die Commerzbank mit der Dresdner Bank auch ein paar ihrer Anlageideen übernommen. Dass zahlreiche Anleger mit den Papieren hohe Verluste gemacht haben, scheint vergessen.

Das Commerzbank Global Champion II (Isin DE 000 CB7  7VX 5) bezieht sich auf drei Indizes: den Euro Stoxx 50, den japanischen Nikkei 225 und den amerikanischen S & P 500. Es läuft maximal drei Jahre.

Nach dem ersten und zweiten Jahr gibt es jeweils eine Chance auf vorzeitige Rückzahlung, nämlich dann, wenn alle drei Indizes auf oder über Startniveau liegen. Dazu bekommt der Anleger nach einem Jahr einen Bonus von 19 Prozent, aber nur, wenn keiner der Indizes zwischenzeitlich unter 50 Prozent seines Anfangsstands gerutscht ist.

Läuft das Zertifikat bis zum Schluss und wurde die 50-Prozent-Schwelle nie verletzt, zahlt die Bank das Geld zurück plus den 19-Prozent-Bonus. Sonst sieht es mies aus, denn dann gibt es den Gegenwert des schlechtesten Indexes.

Genau das ist den Anlegern des Dresdner Global Champions Zertifikats passiert. Das Finanztest-Komplexitätsmaß beträgt 42.

Hypovereinsbank kaum verändert

Sehr aktiv im Zertifikatebau ist auch die Hypovereinsbank. Sie bietet schon das ganze Jahr 2009 strukturierte Produkte an, die sich kaum von denen unterscheiden, die sie vor der Krise auf den Markt gebracht hat.

Bis Mitte September lag zum Beispiel das HVB Express Pro Zertifikat zur Zeichnung auf (Isin DE 000 HV5 AWK 7). Es bezieht sich auf die Aktien Daimler, Deutsche Bank und Eon und läuft bis längstens 22. März 2011. Es wird aber vorzeitig fällig, wenn alle drei Aktien an einem Börsentag über 105 Prozent ihres Ausgangswerts schließen.

Ist es nie der Fall, dass die drei Aktien gleichzeitig über 105 Prozent liegen, zahlt die HVB am Fälligkeitstag das Geld zurück. Allerdings tut sie das nur dann, wenn keine der Aktien unter 60 Prozent ihres Ausgangswerts gefallen ist. Wenn doch, bekommt der Anleger den Gegenwert der schlechtesten Aktie und macht Verlust.

Gleich, auf welche Art das Papier fällig wird, es gibt jedes Mal einen Bonus von 10 Euro. Das Komplexitätsmaß beträgt 14.

Morgan Stanley mischt mit

Lehman Brothers war nicht als einzige amerikanische Bank auf dem deutschen Markt unterwegs, auch Morgan Stanley mischt munter mit. Zurzeit im Angebot: das Bric Performance Express Zertifikat. Es bezieht sich auf den S & P-Bric-40-Index, der die Wertentwicklung der 40 größten Unternehmen aus Brasilien, Russland, Indien und China abbildet. Das Papier läuft maximal fünf Jahre (Isin DE 000 MS8 FGG 9).

Liegt der Index nach einem Jahr auf Startniveau oder darüber, erhalten die Anleger ihr Geld zurück und dazu 8 Prozent Bonus. Liegt der Index unter dem Ausgangswert, geht das Spiel in die nächste Runde. Ein Jahr später gilt wieder: Liegt der Index mindestens auf Startniveau, gibt es Geld plus Bonus. Der beträgt nun 16 Prozent. So geht das jedes Jahr weiter. Aber damit nicht genug. Ist der Index so weit über seinen Ausgangswert gestiegen, dass er sogar über dem jeweiligen Bonus liegt, bekommt der Anleger die Wertentwicklung des Indexes. Beispiel: Wird das Papier nach einem Jahr fällig und hat der Index um 12 Prozent zugelegt, erhält der Anleger nicht 8, sondern 12 Prozent.

Hört sich fantastisch an, aber es gibt zwei Haken: Erstens ist die Gewinnbeteiligung am Index begrenzt, und zwar auf 20 Prozent im ersten, auf 40 im zweiten und auf 100 Prozent im fünften Jahr. Zweitens kann der Anleger auch verlieren, nämlich dann, wenn der Index am Schlusstag unter 70 Prozent des Ausgangswerts notiert.

Gar nicht so einfach, oder? Wir haben ein Komplexitätsmaß von 16 berechnet.

HSBC und die Versuchsreihe Ikarus

Eine alte Bekannte haben wir auch bei HSBC wieder entdeckt: die Ikarus-Garant-Anleihe. Mit ihr wetten Anleger auf steigende Aktienkurse. Ein Verlustrisiko besteht nicht, im Gegenzug sind aber die Gewinnchancen begrenzt: Wenn es richtig schön hoch geht am Aktienmarkt, dann stürzt Ikarus ab.

Der jüngste Ikarus kam im März bei einem Dax-Stand von 3  914 Punkten auf den Markt (Isin DE 000 TB2 UL6 9). Bei 5 479 Punkten wurde sein Höhenflug jäh gestoppt. Anleger bekommen jetzt 4 Prozent ausgezahlt – am 12. März 2012. Kompliziert ist das nicht – das Komplexitätsmaß beträgt 4 –, aber höchst ärgerlich.

Nein, die Banker haben wirklich nichts begriffen.

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