Für Börsentouristen

Zertifikate im Test Test

Mit Indexzertifikaten haben Anleger Zugang zu den ­exotischsten Märkten der Welt. Doch mit dem Abstand zur ersten Börsenwelt steigt auch das Risiko stark an.

Der Reiz des Exotischen lockt nicht nur Urlauber. Auch renditehungrige Anleger versuchen ihr Glück immer öfter fern der Heimat. Mit den notwendigen Informationen können sie bequem vom Wohnzimmer oder Büro aus in Aktienmärkte rund um den Globus investieren.

Finanztest hat untersucht, welche Indexzertifikate und Indexfonds für spezielle Anlageideen infrage kommen. Inzwischen gibt es kaum noch weiße Flecken auf der Anlegerweltkarte.

Bevor allerdings ein übereifriger Brasilien-Urlauber unmittelbar nach seiner Heimkehr ein Indexprodukt auf den „Bovespa“ ordert, sollte er noch einmal in Ruhe nachdenken.

Fast alle exotischen Aktienmärkte sind deutlich schwankungsanfälliger als die klassischen Börsen wie New York, London, Frankfurt oder Tokio. Indexzertifikate oder -fonds auf osteuropäische, asiatische, südamerikanische oder afrikanische Nischenmärkte taugen daher keinesfalls als Basisanlage. Als spekulative Beimischung für ein wohlstrukturiertes Wertpapierdepot sind sie aber in Ordnung. Finanztest hält eine bis zu 10-prozentige Beimischung spekulativer Anlagen für akzeptabel.

In den Tabellen „Indexzertifikate“ haben wir für eine Reihe exotischer Märkte Indexzertifikate und -fonds verschiedener Anbieter zusammengestellt. Besonders kreativ ist die niederländische Bank ABN-Amro, die zum Beispiel auch Zertifikate auf die indonesische, marokkanische oder südafrikanische Börse im Programm hat.

Index-Wirrwarr in China

Als einziges Institut bietet ABN-Amro auch Zertifikate auf chinesische Indizes für sogenannte A- und B-Aktien an. Während die B-Aktien seit kurzem auch für ausländische Anleger zugänglich sind, kommen diese an die A-Aktien normalerweise nicht heran. Über das Indexzertifikat auf die A-Shares können sie dennoch mitmischen. Laut Anbieter ist es das erste und nach unserer Kenntnis bisher einzige Zertifikat, das einen indirekten Zugang zu chinesischen A-Aktien ermöglicht.

Ein Jahr vor den Olympischen Sommerspielen bietet der chinesische Markt immer noch genügend Stoff für Spekulationen. Die explosionsartigen Kursgewinne der vergangenen Monate sollten Anlegern allerdings eher Warnung als Anreiz sein, denn ähnliche Kursbewegungen sind auch in die andere Richtung möglich.

Wer sich etwas zurückhaltender am ­chinesischen Aktienmarkt engagieren will, greift besser zu Produkten, die sich auf sogenannte H-Shares beziehen. Das sind große chinesische Firmen, die am Börsenplatz Hongkong gelistet werden und für ausländische Investoren am ehesten infrage kommen. Mit Indexzertifikaten auf den Hang Seng China Enterprises oder mit den in der Tabelle „Indexfonds auf exotische Aktienmärkte“ genannten ­China-Fonds können sich Anleger an der Wertentwicklung von H-Shares beteiligen.

Exoten auf dem Sprung

Finanztest rät Anlegern generell, sich gründlich über die Märkte und Indizes zu informieren, ehe sie den ersten Euro in ein Zertifikat stecken. Die von uns vorgestellten Indizes sind weitgehend bekannte Börsenbarometer der jeweiligen Länder oder stammen von der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley. Ihre MSCI-Indizes für die einzelnen Länder und Regionen haben einen guten Ruf, weil sie gleichartig konstruiert und breit gestreut sind.

Einige Exotenbörsen liegen direkt vor unserer Haustür. Die ost- und südosteuropäischen Aktienmärkte sind für die großen Europaindizes (siehe Tabelle „Indexzertifikate und Indexfonds für die wichtigsten Märkte“) kein Thema und kommen auch in europäischen Aktienfonds kaum vor. Polnische, tschechische, ungarische und russische Aktien sind in den vergangenen Jahren schon großartig gelaufen. Wagemutige Anleger können auf ähnliche Rallyes in Kroatien oder der Ukraine spekulieren. Oder sie setzen auf einen Börsenboom in Bulgarien und Rumänien nach deren EU-Beitritt. Allerdings sollten sie bedenken, dass die kleinen, unentdeckten Märkte in der Regel noch schwankungsanfälliger sind als die generell schon launischen Exotenbörsen.

Spreads zehren an der Rendite

Generell gilt: Exotik hat ihren Preis. Bei vielen Zertifikaten müssen Anleger hohe Spannen zwischen Kauf- und Verkaufskurs (Spreads) hinnehmen. Der Spread ist mit dem Ausgabeaufschlag bei Fonds vergleichbar. Ein hoher Spread zehrt an der Rendite, da der große Unterschied zwischen Kauf- und Verkaufspreis erst einmal durch Kursgewinne hereingeholt werden muss. Bei Spreads zwischen 3 und 5 Prozent sollten sich Anleger gut überlegen, ob sie unbedingt in den exotischen Markt investieren wollen oder nicht doch besser auf einen gängigeren Markt mit geringerem Spread ausweichen. Schließlich sind in ­guten Börsenphasen auch in den etablierten Märkten gute Renditen zu holen.

Bei einigen Zertifikaten addieren sich zum Spread auch noch Managementgebühren. So berechnet ABN-Amro für einige seiner China- und Osteuropa-Zertifikate 1 Prozent pro Jahr, die Deutsche Bank für ihre S-Box-Scheine auf Dubai und die Ukraine sogar 1,5 Prozent. Anleger, die solche Kosten hinnehmen, müssen schon auf eine außergewöhnlich gute Börsenentwicklung spekulieren. Ansonsten lohnt sich der Einsatz oft nicht.

Aber auch bei den Indexfonds ist nicht alles perfekt. So lief der China-Fonds von Lyxor auf Jahressicht deutlich schlechter als der zugrundeliegende Index. Bei den anderen untersuchten Fonds waren die Abweichungen sehr gering bis akzeptabel oder nicht zu ermitteln, weil die Fonds noch zu jung sind.

Für die Indexzertifikate konnten wir den Direktvergleich mit den Indizes leider nicht durchführen. Zu viele Produkte wurden erst vor kurzem aufgelegt, bei anderen fehlt es an einer verlässlichen Datenbasis. Anleger tun gut daran, die Wertentwicklung regelmäßig zu verfolgen und bei Bedarf die Notbremse zu ziehen. Auch Abenteuerlust sollte ihre Grenzen haben.

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