Zertifikate

Zertifikate: Was ist das, was bringt das, wie riskant ist das?

26.08.2019
Zertifikate - Was ist das, was bringt das, wie riskant ist das?
© Getty Images / Marcelo Endelli

Zehn Jahre nach der Finanz­krise sind Zertifikate wieder Verkaufs­schlager. Doch nicht alle sind fair. Wir zeigen, wo gefoult wird.

Inhalt

Nach der Pleite der Investment­bank Lehman im Jahr 2008 hatten Zertifikate einen schweren Stand. Erstens waren komplexe Finanz­produkte ein Auslöser der globalen Finanz­krise gewesen. Zweitens hatte sich gezeigt, dass selbst renommierte Banken vor Pleiten nicht sicher sind.

Inzwischen sind Zertifikate bei vielen Banken wieder Verkaufs­schlager. Dabei kommen wenige Kunden von sich aus auf die Idee, ein Zertifikat zu erwerben. Die Produkte werden ihnen von Bank- und Anla­geberatern angeboten – im Gegen­satz zu wirk­lich sinn­vollen börsen­gehandelten Indexfonds (ETF).

„Gut kalkulier­bar und trans­parent“ und „Für jede Risikoneigung“ preist die Deka auf ihrer Internetseite Zertifikate an. Ist das zutreffend? Wir haben uns Beispiele für die wichtigsten Zertifikat­typen angesehen und ihre Vor- und Nachteile analysiert.

Unser Rat

Sichere Zinsen.
Wollen Sie sicher anlegen, eignet sich ein kostenloses Festgeldkonto. Wenn Sie ein wenig mehr Rendite, aber als Bank­kunde kein weiteres Konto eröffnen wollen, sind Zins­zertifikate als Notlösung akzeptabel. Wählen Sie nur Produkte mit fester Verzinsung ohne Neben­bedingungen.
Vorsicht.
Komplexe Zertifikate, deren Rendite an zig Bedingungen geknüpft ist, eignen sich nicht für Normal­anleger. Die vorgeschriebenen Informations­blätter helfen kaum. Sie sind teils unver­ständlich und kaum nach­voll­zieh­bar.
Misch­depot.
Wenn Sie einen Kompromiss aus Sicherheit und Rendite­chancen suchen, sind Zertifikate keine gute Wahl. Wir empfehlen unser Pantoffel-Portfolio.

Produkthülle mit gemischten Inhalten

Was ist über­haupt ein Zertifikat? Recht­lich gesehen handelt es sich um eine Schuld­verschreibung. Anleger leihen der Bank, die das Zertifikat heraus­gibt, ihr Geld und setzen darauf, dass sie es ihnen am Ende der Lauf­zeit zurück­zahlen wird.

Im Produkt­namen kommt meist der Begriff „Anleihe“ vor, doch Zertifikate unterscheiden sich zum Beispiel von klassischen Anleihen, etwa Bundes­anleihen. Letztere sind einfach als schlichte Zins­anlagen zu verstehen. Bei Zertifikaten dagegen erwartet die Anleger oft eine Fülle von Bedingungen, die über die Höhe der Verzinsung oder Rück­zahlung entscheiden.

Das Zertifikat bietet nur eine Hülle, die mit allen möglichen Inhalten gefüllt werden kann. Oft stecken darin komplexe Wetten auf Aktien-, Index- oder Zins­entwick­lungen.

Es gibt aber auch schnörkellose Produkte, etwa reine Zinszertifikate oder Indexzertifikate.

Eins haben alle Zertifikate gemein­sam: Ihr Wohl und Wehe hängt an der Zahlungs­fähig­keit des Heraus­gebers (Wie sicher sind Zertifikate). Das Pleiterisiko mag bei den meisten Banken gering sein. Wir sehen bei der Geld­anlage mit Zertifikaten als größtes Problem ihren begrenzten Anla­gehorizont. Anleger müssen sich immer wieder mit dem fällig gewordenen Geld befassen. Für Bank­berater dagegen ist es reizvoll, immer wieder neue Zertifikate zu verkaufen – jedes Mal winken ihnen Provisionen.

Eine Geld­anlage in Etappen behindert die lang­fristige Vermögens­planung. Wer sinn­voll investieren möchte, sollte dafür mindestens zehn Jahre veranschlagen. Im ersten Schritt wählt der Anleger eine Mischung aus Aktien und sicheren Anlagen, die zum eigenen Risiko­profil passt, im zweiten sucht er geeignete, möglichst preis­werte Produkte aus (siehe auch Special Depot: Das sind Renditen wirklich wert - und so pflegen Sie Ihr Depot richtig).

Besser als Null­zins, aber ...

Auch sogenannte Zins­zertifikate eignen sich für Lang­frist­anleger nicht. Es gibt sie in verschiedenen Ausführungen, aber die voll­ständige Rück­zahlung des Kapitals am Laufzeit­ende ist stets garan­tiert – ausgenommen, die dahinter stehende Bank geht vorher pleite. Für Sparkassen- oder Bank­kunden, die unter keinen Umständen ihre Bank wechseln und auch kein zusätzliches Konto bei einer Online­bank eröffnen wollen, sind Zins­zertifikate meist die einzige Möglich­keit, ein paar Zehntel Prozente mehr heraus­zuholen.

Eine beliebte Produkt­variante lockt Anleger mit jähr­lich steigenden Zinsen (Stufenzins). Im Falle der „Pfingst-Anleihe“, die in Sparkassenfilialen verkauft wurde, klettert der Zins von 0,25 Prozent im ersten auf 1 Prozent im achten Lauf­zeit­jahr. Im Schnitt ergibt das eine Rendite von etwa 0,5 Prozent pro Jahr.

Besser als nichts, wird sich mancher Sparkassen­kunde sagen, der sich sonst mit einer symbolischen Rendite bescheiden müsste. Doch selbst für den Minizins muss er mehrere Kröten schlu­cken. Anders als die von uns empfohlenen Fest­zins­angebote kann die Anlage in dem Zertifikat Kauf- und Depot­kosten verursachen, die den bescheidenen Ertrag schmälern.

Das gilt auch für anders gestrickte Sparkassenzertifikate wie die Carrara Fest­zins­anleihe der Helaba, die über acht Jahre eine konstante Verzinsung von 0,55 Prozent pro Jahr bietet (Expresszertifikate).

Mit den Top-Angeboten aus unserem regel­mäßigen Zinstest holen Anleger etwa das Doppelte heraus.

Die klassischen Zinszertifikate sind wenig attraktiv, aber diskutabel. Bei komplexen Zins­produkten wie der LBBW Zins­differenz-Anleihe mit Zielzins ist dagegen die Zumut­barkeits­grenze über­schritten. Welcher Sparkassen­kunde kennt schon den „30-Jahres-EUR-Swap­satz“, der lang­fristig die Weichen für die Verzinsung stellt? Als Lock­vogel dient die feste Verzinsung von 1 Prozent pro Jahr in den ersten Jahren. Es kann aber passieren, dass der Anleger bis 2039 in dem Produkt fest­hängt und unterm Strich weniger als 0,3 Prozent pro Jahr erhält.

Bei Aktien­anleihen genau hinsehen

Die Rendite­chancen von Aktien kombiniert mit der Sicherheit von Anleihen – das wäre der Traum jedes Anlegers. Sogenannte Aktien­anleihen können ihn nicht erfüllen. Anleger erhalten eine vergleichs­weise attraktive Verzinsung, verzichten aber im Gegen­zug auf Kurs­chancen und Dividenden. Außerdem können sie hohe Verluste erleiden.

Die Verzinsung einer Aktien­anleihe hängt von mehreren Faktoren ab, vor allem von der Schwankungs­anfäl­ligkeit (Volatilität) und der Dividendenrendite der Aktie.

Bei der Aktien­anleihe der Deka­Bank auf Luft­hansa wirkt die Zins­zahlung mit 10 Prozent pro Jahr sehr ansehnlich – zumindest auf den ersten Blick. Bei einer Lauf­zeit von sechs Monaten bleiben aber nur noch 5 Prozent. Wenn man bedenkt, dass die Aktionäre der Luft­hansa im Mai eine Dividende von mehr als 4 Prozent erhielten, verliert diese Aktien­anleihe einiges von ihrem Reiz.

Besonders bitter ist, dass die Aktie der Deutschen Luft­hansa seit Ausgabe der Aktien­anleihe rund ein Drittel ihres Wertes verloren hat. Zertifikatkäufer müssen damit rechnen, dass sie im Oktober einen deutlichen Verlust haben werden.

Express­zertifikate für Berater ideal

Expresszertifikate dürften zu den Lieblings­produkten von Bank­beratern zählen. Anleger gehen damit eine Wette auf einen Aktien­index, oft auf den Euro Stoxx 50, ein. Rutsch der Index nicht spektakulär ab und unter­schreitet er eine bestimmte Kurs­schwelle nicht – die übliche Größen­ordnung für den Verlust liegt aktuell bei 30 bis 35 Prozent –, wird das Zertifikat nach einem Jahr fällig und der Anleger erhält eine Zins­gutschrift.

Viele Anleger, bei denen das einmal gut geklappt hat, kaufen danach gleich ein ähnliches Produkt. Der Bank bringt das jedes Mal Spesen und Provisionen. Anlegern sollte bewusst sein, worauf sie sich einlassen. Für einen über­schaubaren Zins­vorteil von vielleicht 1,5 bis 2 Prozent riskieren sie bei einem Börsencrash hohe Verluste. In der Vergangenheit wären schlimms­tenfalls fast 65 Prozent des Geldes weg gewesen. Sollte dieser Fall irgend­wann eintreten, wären die Zins­gutschriften nicht einmal ein Trost­pflaster.

Unter Garantie keine Schnäpp­chen

Zertifikate - Was ist das, was bringt das, wie riskant ist das?
Verzweiflungs­tat: Die HVB Garant Anleihe bietet kaum Chancen und ist dabei sehr teuer. © imago images / Uwe Kraft

Garantiezertifikate sollen Anleger an Börsen­chancen teilhaben lassen, aber die Risiken abfedern. In Zeiten nied­rigster Zinsen funk­tioniert dieses Konzept kaum. Deshalb führen solche Angebote mitunter zu absurden „Kompromissen“. Statt auf Garan­tiezertifikate sollten Anleger von vorn­herein auf gemischte ETF-Anlagen setzen. Bei unserem Pantoffel-Portfolio können sie das Risiko nach Wunsch einstellen und nehmen an der Entwick­lung ihrer Aktienfonds ohne Deckelung teil. Einzige Voraus­setzung: Anleger müssen lang­fristig planen und zwischen­zeitliche Verluste aussitzen können.

Miserable Informations­blätter

Wir haben uns für unsere Analysen intensiv mit den Informations­blättern für die betreffenden Zertifikate befasst. Diese Art von Beipack­zetteln für Finanz­produkte ist seit Juli 2012 gesetzlich vorgeschrieben.

Unser Fazit: Ihren Zweck erfüllen die beispielhaft ausgewählten Infoblätter nicht. Die dort genannten Kosten sind schwer nach­voll­zieh­bar, ein Vergleich zwischen verschiedenen Produkten ist kaum möglich.

Auch der Nutzen der Angaben zu Chancen und Risiken ist fraglich. Anhand verschiedener Szenarien sollen die Informations­blätter Anlegern verdeutlichen, was sie besten- und schlimms­tenfalls zu erwarten haben. Wie die Berechnungen zustande kommen, erschließt sich aber nicht.

26.08.2019
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