Zertifikate Test

Viele Anleger sitzen auf Zertifikaten, die sie nicht durchschauen können. Finanztest räumt auf und hilft, neue Angebote zu beurteilen.

Zertifikate Test

Eines ist Heidi Goering klar geworden: „Die Bank gewinnt immer, und sei es nur an den Gebühren. Ich hab meinem Berater gesagt, dass ich vor dem Kauf wissen will, welche Gebühren anfallen – und zwar alle, auch die versteckten. Sonst kann ich ja nicht abschätzen, ob es sich lohnt.“

„So richtig klar ist mir das nicht, wie die Papiere laufen“, sagt Heidi Goering aus München über ihre Zertifikate. „Der Berater hat sie mir über den großen Puffer und die gute Rendite am Schluss verkauft“, erinnert sie sich. „Der Puffer ist jetzt weg, Dividenden gibt es auch keine, und ob am Ende viel herauskommt, ist doch sehr die Frage.“

Heidi Goering hat allein sechs Zertifikate von der Hypovereinsbank, darunter das „Best of Fonds“-Zertifikat und ein „Relax Express“ auf den „Global Dividend Runner“, einem weltweiten Aktienindex.

„Man muss sich erst mal mit dem Fachjargon vertraut machen“, sagt sie. „Ich weiß weder, was der Fachmann unter Cap versteht, noch unter Underlying.“ Statt Cap könnten die Banken auch Gewinnobergrenze schreiben. Statt Underlying liest man oft auch Basiswert, damit ist die Aktie oder der Aktienindex gemeint, auf den sich das Zertifikat bezieht.

Doch selbst wer sich an die Fachbegriffe gewöhnt hat, kann die Papiere oft nicht verstehen. Wir haben uns die Zahlungsbedingungen angeschaut und sind der Ansicht, dass viele dieser Produkte den meisten Privatkunden gar nicht verkauft werden dürften. Sie sind so komplex, dass ein Anleger gar nicht abschätzen kann, wie groß Renditechancen oder Risiken sind.

Das Finanztest-Komplexitätsmaß

Anleger bekommen nach wie vor solche Papiere angeboten. Wir haben uns deshalb überlegt, wie wir ihnen helfen können, den Schwierigkeitsgrad eines Produktes besser einzuschätzen. Dafür haben wir das Finanztest-Komplexitätsmaß entwickelt.

Wir stufen Zertifikate und strukturierte Anleihen je nach Anzahl ihrer Bedingungen in verschiedene Schwierigkeitsgrade ein. Leicht verständlich sind Index- und Discountzertifikate. Etwas anspruchsvoller sind Bonuszertifikate und Expresszertifikate (siehe Porträts).

Ein normales Discountzertifikat hat ein Komplexitätsmaß von 1. Bonuszertifikate liegen schon bei einer Maßzahl von 4. Expresszertifikate bekommen abhängig von der Anzahl der möglichen Fälligkeitstage das Maß 5 oder mehr (siehe Tabelle Strukturierte Anleihen und Zertifikate).

Gehirnakrobatik gefordert

Sind Express- mit Bonuszertifikaten kombiniert, wird es wirr. Hier liegt das Komplexitätsmaß mindestens bei 7. Wenn sich diese Express-Bonuszertifikate dazu noch auf mehrere Basiswerte beziehen, ist ein privater Anleger schlicht überfordert. Auch so mancher Profi hat dann Probleme.

Zertifikate Test

„Ich glaube, viele dachten, Zertifikate wären eine gute Idee“, sagt Andreas Busch. „Ich würde jetzt aber keine mehr kaufen. Für das, was sie an Rendite bringen, ist mir das Risiko der Papiere zu groß.“

Unser Leser Andreas Busch aus der Nähe von Hannover hat ein solches Papier gekauft, das UBS Global Champion Zertifikat II. Es bezieht sich auf die Aktienindizes DJ Euro Stoxx 50, Nikkei225 und S&P 500. Für jeden Index gibt es eine Sicherheitsbarriere. Sie liegt bei 55 Prozent des jeweiligen Startwerts (siehe Tabelle).

Einen Bonus hätte es nur gegeben, wenn kein Index unter seine Barriere gerutscht wäre. Euro Stoxx 50 und S&P 500 liegen noch darüber, der Nikkei hat es nicht geschafft. Nun zahlt die Bank bei Fälligkeit den Gegenwert des schlechtesten Index.

„Wie das Zertifikat funktioniert, habe ich schon verstanden“, sagt Andreas Busch, „aber ich hätte nie gedacht, dass dieses Szenario eintreten würde.“ Gekauft hat er das Papier, weil ein Bekannter es ihm empfohlen hat, ein Investmentbanker, der der Branche mittlerweile den Rücken gekehrt hat. „Ich habe mich auf seine Expertise verlassen.“ Offenbar hat nicht einmal der Fachmann die Risiken richtig eingeschätzt.

Wir haben für das Papier der UBS ein Komplexitätsmaß von 49 errechnet. Das steht für eine fast absurde Fülle von Wenn-Dann-Bedingungen.

Das Relax Express-Zertifikat von Heidi Goering kommt auf eine 29. Das „Best of Fonds“ sieht mit einer Maßzahl von 12 im Vergleich einfach aus. Doch das täuscht. Wir sind der Ansicht, dass alle Papiere mit einem Komplexitätsmaß größer als 5 allenfalls für Profis geeignet sind. Je größer die Maßzahl wird, desto mehr zeigt sich der Spieltrieb der Konstrukteure, die sich beim Zusammenbasteln der Produkte wohl kaum Gedanken um die Kunden machen.

Selber machen heißt die Devise

Auf die Beratung verlassen hat sich auch ein Leser aus dem Schwäbischen. „Die Beraterin war nett. Ich dachte, sie wirds schon richtig machen“, sagt er. Auch er hat ein Bonus-Express-Zertifikat bekommen, eines von der Dresdner Bank. Es bezieht sich auf den Euro Stoxx 50. Das Komplexitätsmaß beträgt 8.

Die Sicherheitsbarriere lag bei einem Indexstand von 2 590,41 Punkten und ist längst gerissen. Nur wenn der Euro Stoxx 50 bis zur Fälligkeit im Juni 2011 wieder auf den Startwert von 4 317,35 Punkten steigt, sind die Verluste wettgemacht. Erholt sich der Index schneller, bekommt der Anleger sein Geld sogar vorzeitig zurück. Diese Chance besteht aber wohl eher theoretisch.

Unser Leser wollte darauf denn auch nicht mehr hoffen. „Ich habe alle Zertifikate verkauft“, sagt er. „Die Berater stehen unter enormem Erfolgsdruck. Das war mir lange nicht klar. Ich kümmere mich jetzt lieber selbst um meine Finanzen.“

Zertifikate Test

Horst Behr ist sauer auf seine Finanzberatung. „Obwohl ich im Januar 2008 extra vor der weiteren Entwicklung gewarnt und um Umschichtungen gebeten hatte, ist lange nichts passiert. Ich brauche mein Geld zum Teil dieses Jahr und zum Teil 2011.“

Das hat Horst Behr aus Berlin früher auch gemacht. Weil er vielbeschäftigt ist, hat er die Verwaltung seiner Finanzen dann aber der Vermögensberatung SRQ übergeben. Mit zweifelhaftem Erfolg. „Ich habe über 50 Prozent verloren“, sagt er.

Er hat unter anderem ein „Express Bonus Step Down“-Zertifikat der Crédit Suisse, Komplexitätsmaß 12. Auch hier ist der Basiswert der Euro Stoxx 50.

Die Sicherheitsbarriere von 2320,48 Punkten wurde am 24. Oktober gerissen. Damit ist jetzt schon klar, dass das Papier bei Fälligkeit im Februar 2012 zum dann aktuellen Indexstand ausgezahlt wird. Sogar die Expressfunktion, die eine vorzeitige Rückzahlung ermöglicht, ist damit futsch. In diesem Punkt funktioniert das Zertifikat der Crédit Suisse anders als das der Dresdner Bank.

Kerstin Bojang aus Hamburg hat sich ihre Zertifikate selbst ausgesucht. „Ich fand die Papiere interessant, weil sie auch dann Gewinne bringen, wenn sich die Börse nur seitwärts bewegt, und außerdem, weil sie eine Absicherung nach unten bieten.“

Natürlich ist der Crash am Aktienmarkt auch an ihrem Depot nicht spurlos vorübergegangen. Aber die Verluste halten sich in Grenzen. Das einzige Problempapier ist ein Power-Zertifikat auf den Nikkei 225 von Goldman Sachs. Komplexitätsmaß ist 5.

Der japanische Aktienindex hat die Sicherheitsbarriere von rund 10 774 Punkten deutlich unterschritten. Er steht aktuell bei rund 8 000 Punkten. Damit Kerstin Bojang ihr Geld wiederbekommt, müsste er sich bis Ende 2010 fast verdoppeln.

Mit ihren anderen Papieren steht die Hamburgerin besser da. Ihr Bonuszertifikat auf den Euro Stoxx 50 hat noch eine intakte Sicherheitsschwelle. Die Chancen auf eine Bonuszahlung stehen gut. Sie hat außerdem ein Indexzertifikat auf den Dax und ein Basketzertifikat auf Rohstoffaktien. Beide Papiere laufen endlos, mit ihnen kann sie in aller Ruhe auf eine Erholung an den Börsen warten.

Kerstin Bojang hat es richtig angestellt. Sie hat sich im Internet schlaugemacht, bei Bekannten informiert und nur das gekauft, was sie wirklich verstanden hat.

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