„Die meisten leben gegen ihre innere Uhr“

Till Roenne­berg ist Professor am Institut für Medizi­nische Psycho­logie der Ludwig-Maximilians-Universität München, gefragter Chronobiologe und Buch­autor.

Die Zeit­umstellung ist keine Zeit­umstellung und die Winter­zeit keine Winter­zeit. Das, was zweimal im Jahr statt­findet, ist ein Zeitzonenwechsel. Und es gibt noch mehr Miss­verständ­nisse.

Winter­zeit, Sommer­zeit, Zeit­umstellung – wird da viel durch­einander­gebracht?

Ja. Zunächst einmal gibt es keine Zeit­umstellung! Es gibt nicht einmal eine Licht­umstellung! Weil weder Zeit noch Licht umge­stellt werden, sondern nur die Uhren. Genau genommen gibt es auch keine Sommer­zeit oder Winter­zeit. Ende Oktober bekommen wir die gestohlene Stunde zurück. Das ist alles. Wir werden wieder normal.

Was macht die Uhren­umstellung mit uns?

Das will­kürliche Versetzen der sozialen Zeit ist schädlich! Denn wir wechseln die Zeitzonen und legen damit unsere Ostgrenze der Zeitzone um eine Stunde weiter nach Osten. Wer in Berlin lebt, lebt im Sommer zeitlich gesehen plötzlich in St. Peters­burg.

Hat das gesundheitliche Folgen?

Ja, das kann Auswirkungen haben. Dabei sind akute Folgen wie Unfälle oder Herz­infarkte das geringste Problem. Erheblicher sind die chro­nischen Folgen durch die sogenannte Sommer­zeit, wie etwa Stoff­wechselkrankheiten. Studien, die in großen Zahlen Krankheiten inner­halb von Zeitzonen betrachten, beweisen: Die Gesundheit und die persönliche Performance nehmen bei einem Zeitzonenwechsel von der Ost- zur West­grenze ab.

Was würde die dauer­hafte Umstellung auf die sogenannte Sommer­zeit bedeuten?

Das wäre eine Katastrophe! Dann wäre ganz­jährig die Ostgrenze unserer Zeitzone verschoben. Ein Leben gegen die innere Uhr bedroht unsere Gesundheit und Lebens­qualität. Statistisch gesehen leben wir einfach kürzer. Die Chance, früher krank zu werden, ist größer. Wir nehmen mehr Licht am Morgen weg, was die inneren Uhren irritiert, und geben uns mehr Abend­licht.

Aber mögen die meisten nicht ausgerechnet die längeren Sommer­abende?

Das ist das große Miss­verständnis: Es ist zwar schön, am Abend viel Licht zu haben, aber genau das Licht macht ja die inneren Uhren noch später. Geben wir uns mehr Abend­licht, ist das genau das Falsche. Viele geraten so aus dem Takt. Gerade Spät­typen haben Schwierig­keiten, sich anzu­passen. Diese kollektive Entscheidung, die Uhren umzu­stellen, greift in das biologische Zeit­system ein, vergrößert bei den meisten zwangs­läufig den sozialen Jetlag und verringert die Schlafdauer.

Leben viele Menschen gegen ihre innere Uhr?

Ja, sehr viele. Alle, die einen Wecker brauchen, leben gegen ihre innere Uhr! Und das sind mehr als 80 Prozent.

Dann leben wir also in einer Gesell­schaft der Über­müdung?

In Deutsch­land gibt es den größten sozialen Jetlag in Europa. Die Engländer kennen ganz andere Arbeits­zeiten. Deutsch­land hat dagegen brutale Zeiten. Hier kommen nur wenige mit dem frühen Schul- und Arbeits­beginn zurecht. Die Mehr­heit startet müde in den Tag.

Was schlagen Sie vor?

Schlaf muss einen ebenso hohen Stellen­wert bekommen wie Ernährung und Sport.

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