Zahnimplantate Meldung

Trotz des hohen Zeitaufwands und meist beträchtlicher Kosten werden hierzulande immer mehr Zahnimplantate in Kieferknochen geschraubt. Sie gelten als optimaler Zahnersatz, sind es aber nicht immer.

Ein bisschen geht es zu wie in einer Autowerkstatt: Es wird geschliffen, gebohrt und geschraubt. Der Dübel, verankert im Kieferknochen, ist ein Implantat, meist aus Titan. Er stammt aus dem Werkzeugkasten des Zahnarztes. Der klappt zum Beispiel zu Beginn der Operation das Zahnfleisch auf, bohrt ein Loch, schraubt die „Zahnwurzel“ ein und näht das Zahnfleisch wieder zu.

Der relativ kurze, etwas blutige Eingriff hat meist eine lange Vorgeschichte: Zuvor muss das Gebiss saniert werden. Wenn die Knochensubstanz für ein Implantat nicht ausreicht, wird der Kieferknochen mit Knochenersatzmittel aufgebaut. Und wenn das Implantat gesetzt ist, muss sich der Patient erneut in Geduld üben. Erst nach einer Einheilphase von etwa drei bis vier Monaten kann der Dübel im Kiefer schließlich mit schmuckem Zahnersatz gekrönt werden.

Rasant entwickelt

Die Zahl der Patienten, die all das auf sich nehmen, steigt rasant – trotz des hohen Aufwands an Zeit und Geld. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland rund 600 000 Implantate in Kieferknochen eingesetzt. Damit hat sich die Zahl innerhalb kurzer Zeit verdoppelt. In diesem Jahr wurden nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) bereits etwa 950 000 Implantate in Kieferknochen versenkt, im kommenden Jahr werden es wohl bereits weit mehr als eine Million solcher hochwertiger Versorgungen sein.

Implantatversorgungen sind wegen der Kosten häufig Luxus, bieten aber viele Vorteile: Das Verfahren schont Zahnsubstanz. Fehlt ein Zahn zwischen gesunden Nachbarzähnen, müssen diese nicht für eine Brücke bis auf den Stumpf beschliffen werden. Implantate reduzieren Knochenab­bau, weil sie die Kaukräfte auf den Kiefer übertragen, so die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie. Implantate kommen „dem natürlichen Zahn am nächsten“, sagt Christian Berger, Zahnarzt für Oralchirurgie, Präsident des Bundesverbandes der implantologisch tätigen Zahnärzte in Europa.

Nicht immer nötig

Kritiker dagegen merken an, der Siegeszug der Implantologie gehe häufig zulasten der Zahnerhaltung. Es kursierten bereits Witze, jeder gesunde Zahn stehe einem potenziellen Implantat im Weg, berichtet der Gutachter Wolfgang Kirchhoff, Zahnarzt aus Marburg. Vor allem, wenn es den Zahn noch gebe, sei ein Implantat nicht immer nötig, sagt Professor Hans Jörg Staehle, ärztlicher Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde der Universität Heidelberg, früher Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ). „Zahlreiche erhaltungswürdige Zähne“ würden vor allem bei gesetzlich Versi­cher­ten gezogen, weil Alternativen wie die Wurzelkanalbehandlung so aufwendig seien, dass die Kasse auch solche Behandlungen nicht bezahle. So entschieden sich viele Zahnärzte für das Implantat. Von den mehr als 13 Millionen Zähnen, die jedes Jahr in Deutschland gezogen werden, ließen sich mehrere Hunderttausend durch eine professionelle, aufwendige Wur­zelkanalbehandlung retten, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Endodontie (Lehre vom Zahninneren).

Sorgfältig entscheiden

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Bevor der Zahnarzt ein Implantat einsetzen kann, sind zahlreiche Termine für Beratung, Voruntersuchung, Röntgen und Planung erforderlich.

Erst wenn die Behandlungsmöglichkeiten zur Rettung des Zahnes ausgeschöpft sind, sollte Zahnersatz ins Spiel kommen – und das Implantat dabei als ein Mittel der Wahl. „Zahn­implantate sind nur für bestimmte Fälle die ideale Lösung“, so Uwe Niekusch, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Zahngesundheit, Lehrbeauftragter der Universitätszahnklinik Heidelberg. Vor allem muss das Gebiss gesund sein und auch genügend Knochenmasse bieten.

Und doch kann das System später anfällig sein. Ein Implantat sitzt starr und unflexibel im Kiefer. Seine gute Kaufähigkeit kann möglicherweise Kronen, Brücken, Pro­thesen stark belasten. Nötig ist deshalb ein exaktes Anpassen des Zahnersatzes an das Implantat. „Bei 20 bis 25 Prozent sind in den ersten fünf Jahren Reparaturen oder Neuanfertigungen erforderlich“, sagt Professor Manfred Wichmann, Direktor der Zahnklinik am Universitätsklinikum Erlangen.

Handwerkliches Können muss sein

Bei der Operation ist somit handwerkliches Geschick und fachliches Können gefordert. Belastet werden darf das Implantat zunächst noch nicht. Nach der drei- bis viermonatigen Einheilphase muss ein Abdruck für den Zahnersatz (Krone oder Prothese) genommen werden. Erst wenn dieser Zahnersatz, die „Suprakonstruktion“, gefertigt und eingeschraubt ist, hat der Patient wieder einen (fast) „richtigen“ Zahn.

Schnell- und Sofort-Implantate

Bei „Sofort-Implantaten“ wird keine Schleimhaut aufgeklappt, sondern das Implantat direkt eingesetzt und – wenn die Voraussetzungen stimmen – sofort mit Zahnersatz bestückt. Das spart im Prinzip viel Zeit, doch Professor German Gomez-Roman, Sprecher der DGI, warnt vor möglichen Nachteilen: „Es kann ästhetische Probleme geben.“ Zum Beispiel brauche das Zahnfleisch Zeit, um sich wieder wie eine Girlande um den neuen Zahn zu legen. Bei Sofort-Implantaten könne sich das Zahnfleisch zurückziehen und die künstlichen Zahnhälse freilegen. Wenn die Methode nicht beherrscht wird, sei die Schraube zudem „oft falsch im Kiefer positioniert“ oder der dünne Knochen des Zahnfachs werde verletzt. „Untersuchungen belegen zwar, dass die Erfolgsraten nicht schlechter sind als bei Implantaten mit längerer Einheilphase. Dennoch ist diese Methode kein Standard“, betont Professor Henning Schliephake von der Universität Göttingen.

Nicht sofort fertig

Je nach Situation wird auch bei einem Sofort-Implantat der endgültige Zahnersatz erst nach einer Einheilphase von zwei bis drei Monaten eingesetzt. Zuvor muss auch hier ein Provisorium die Lücke schließen. Zahnärzte werben für Sofort-Implantate mit Versprechen wie direkte Belastbarkeit, weniger Schmerzen und schonende, minimalinvasive Methoden. Doch Vorsicht: Werbesprüche wie „Neue Zähne in einer Stunde“ sollte man kritisch hinterfragen. „Sofort-Implantat“ bedeutet nicht, dass nach der Operation alles fertig ist. Ob ein Implantat sofort nach dem Zahnverlust gesetzt werden (Sofort-Implantation), sofort mit Zahnersatz bestückt (Sofort-Versorgung) und sofort belastet werden kann (Sofort-Belastung), hängt von vielen Faktoren ab. „Eine frühzeitige Implantation vermeidet zwar Knochenabbau, ist aber – wie Implantationen generell – nicht empfehlenswert bei Entzündungen, bei unbehandelter Parodontitis und bei ausgedehnten Knochenschäden etwa nach einem Unfall“, sagt Professor Schliephake. Ob eine Sofort-Belastung möglich sei, hänge von der Qualität des Knochens ab und von der Stabilität des Implantats: „Beides lässt sich erst während und nach der Implantation beurteilen.“ Vor allem im „schwächeren“ Oberkiefer sollte eine Sofort-Versorgung mit Implantat die Ausnahme bleiben. „Ohne gute Mundgesundheit, intakten Knochen und entzündungsfreies Zahnfleisch sind ‚Implantate in einer Stunde‘ oft Implantate für eine Stunde“, sagt Professor German Gomez-Roman, Oberarzt an der Universität Tübingen.

Risiko von Folgeschäden

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Wer Zahnimplantate trägt, muss sich auf eine konsequente und penible Mundhygiene einstellen. Sonst steigt das Risiko, das Implantat zu verlieren. Für „Putzmuffel“ ist eine Versorgung mit den künstlichen Zahnwurzeln nicht geeignet.

Das Einsetzen und Einwachsen von Implantaten kann misslingen. Zudem kann eine „Periimplantitis“ auftreten. Das ist eine entzündliche Erkrankung um das Implantat herum, verbunden mit Knochenabbau. Sie entsteht oft durch mangelnde Mundhygiene. Deshalb, so Professor German Gomez-Roman, sei mehrmals im Jahr eine Kontrolle ratsam. „Es gibt zwar eine zweite und auch eine dritte Chance“, sagt er, doch die sei meist mit Knochenaufbau und einer erneuten Operation verbunden.

Fragen zur Haltbarkeit

Zurzeit sind etwa 90 Prozent aller Implantate nach zehn Jahren noch voll funktionstüchtig. „Wir setzen in Tübingen seit 1975 Implantate ein, haben über zehn Jahre eine Erfolgsquote von 93 Prozent“, so German Gomez-Roman. Manche Hersteller geben Quoten von 95 Prozent und mehr an. Doch das hält die Arbeitsgemeinschaft Zahnge­sundheit für Augenwischerei: „Die Erfolgsraten sind oft ohne die Implantatverluste des ersten Jahres errechnet“, kritisiert Uwe Niekusch, „unabhängige wissenschaftliche Studien gibt es erst wenige.“ Gutachter Wolfgang Kirchhoff, Zahnarzt aus Marburg, sagt: „40 Prozent aller Implantate sind mit Komplikationen behaftet.“ Kronen- oder Brückenpfeiler hielten oft länger.

Garantie und Ersatz

Einige Zahnärzte und auch Hersteller geben Haltbarkeitsgarantien über fünf oder zehn Jahre. Versicherungen übernehmen die Kosten für den Implantatersatz, wenn den Patienten keine Schuld am Implantatverlust trifft. Laut Deutscher Gesellschaft für Implantologie zeigen sich Zahnärzte meist kulant. Der Zahntechniker, der den Zahnersatz anfertigt, muss aber manchmal (zum Teil) erneut bezahlt werden. Es geht eben doch nichts über das gepflegte, gesunde Original – trotz allen medizinischen Fortschritts. Zahnverlust durch Mundhy­giene zu verhindern lohnt sich.

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