Wohngifte Meldung

Lösemittel, Formaldehyd, Terpene – wenn Möbel, Böden oder Holzverkleidungen unangenehm riechen, ist die Wohnqualität dahin und die Gesundheit in Gefahr.

Die neue Küche war ein lang gehegter Wunsch. Doch als der neue Boden endlich verlegt, alle Schränke montiert und die Elektro­geräte angeschlossen waren, gab es ein böses Erwachen. „In der ganzen Küche herrschte ein unangenehm stechender Geruch“, erin­nert sich Ulrike K. aus Regensburg. „Wir dachten erst, das geht vorbei, doch mittlerweile ist fast ein Jahr um – und es stinkt immer noch.“ Aus Sorge um die Gesundheit ließ Familie K. die Küchenluft auf Schadstoffe analy­sie­ren. Das Ergebnis war alarmierend: Die Analyse ergab eine starke Belastung mit Lösemitteln, vor allem mit Kohlenwasserstoffen wie dem Nervengift Cyclohexan oder dem Krebserzeuger Benzol. Die Werte lagen zum Teil beim Hundertfachen der üblicherweise in Wohnräumen gefundenen Konzentra­ti­o­nen.

Lacke, Harze und Tabakrauch

Wohngifte Meldung

In Wohnungen kann eine ganze Reihe von Schadstoffquellen die Luft belasten. Neben Tabakrauch, dem vermutlich häufigsten Wohngift, sind vor allem Lacke, Einrichtungsgegenstände sowie Baumaterialien für Emissionen gesundheitlich bedenklicher Stoffe wie Lösemittel, Weichmacher oder Formaldehyd verantwortlich. Zum Beispiel enthalten Holzwerkstoffe wie Span- oder Faserplatten als Bindemittel meist Formaldehydharze. Daraus hergestellte Möbel, Paneele oder Fertigparkettböden können das stechend riechende Gas freisetzen. Kunstharzlacke geben vor allem Lösemittel an die Raumluft ab.

„Natur“ nicht per se unbedenklich

Wohngifte Meldung

Auch mit Naturharzfarben, „Biolacken“, Linoleumböden oder natürlichen Möbelimprägnierungen auf Leinöl- oder Wachsbasis kommen problematische Stoffe ins Haus: Sie enthalten ungesättigte Fettsäuren, die an der Luft zu Aldehyden oxidieren. Selbst unbehandelte Massivholzmöbel sind nicht per se unbedenklich: Insbesondere Nadelhölzer verströmen Terpene – natürliche Lösemittel, die vor allem in ätherischen Ölen vorkommen.

Husten, Kopfschmerzen und Allergien

Wohngifte Meldung

Die genannten Problemstoffe können zum Beispiel Augen, Haut und Schleimhäute reizen und zum Teil auch Allergien auslösen. Erste Hinweise auf Schadstoffe in der Wohnung liefern oft untypische Gerüche. Wenn es nach dem Kauf neuer Möbel stinkt, deutet das auf ein Ausgasen flüchtiger organischer Verbindungen hin. Für ein paar Tage ist ein „Neugeruch“ normal, Lüften schafft hier meist Abhilfe. Stinkt die neue Schrankwand aber trotz intensiven Lüftens nach vier Wochen immer noch, ist das schon ein Grund zur Reklamation.

Die Nase sollte aber nicht der einzige Richter sein: Wer Monate nach Renovierungsarbeiten oder einem Möbelkauf in seiner Wohnung ständig unter Kopfschmerzen, Schwindel, Hustenreiz oder tränenden Augen leidet, sollte auch dann an Wohngifte denken, wenn es nicht (mehr) stinkt – vor allem wenn die Beschwerden nachlassen, sobald er die Wohnung verlässt. Denn zum einen gewöhnt sich die Nase schnell an Gerüche, zum anderen werden viele Problemstoffe vom menschlichen Geruchssinn nicht oder kaum wahrgenommen.

Ab welcher Schadstoffmenge in der Luft Symptome auftreten, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Empfindliche reagieren schon bei geringen Konzentrationen, andere spüren lange gar nichts. Allerdings kann auch eine geringe Belastung über Jahre hinweg chronische Schäden wie Schlaf- oder Gedächtnisstörungen verursachen. Möglicherweise Krebs erzeugende oder Erbgut verändernde Stoffe wie Benzol oder Formaldehyd stellen ab einer bestimmten Menge grundsätzlich immer ein Gesundheitsrisiko dar.

Der Ursache auf der Spur

Wohngifte Meldung

Gewissheit kann oft nur eine Schadstoffanalyse schaffen. Das Problem: Die Palette der möglichen Wohngifte ist groß und nicht mit einem einzigen Messverfahren zu erfassen. Oft ist es sinnvoll, dass Experten vor Ort nach der Ursache suchen und dann gezielt Proben nehmen. Doch solche Untersuchungen sind meist teuer.

Die Stiftung Warentest bietet orientierende und einfache Screeningtests an. Betroffene können damit im Verdachtsfall Luft- und Staubproben vor Ort selbst nehmen, die dann zur Laboranalyse geschickt werden. Das ist eine preisgünstige Variante, um einen Überblick über das Ausmaß einer Belastung der Wohnung zu bekommen. Hinweis: Der Service wurde eingestellt.

Eine Wohnung völlig schadstofffrei einzurichten und zu bewohnen, ist angesichts der vielfältigen Umweltbe­lastungen kaum möglich. Es kommt dar­auf an, die Belastung so gering wie möglich zu halten. Dazu gehört zum Beispiel, in der Wohnung aufs Rauchen zu verzichten oder keine Desinfektionsmittel zu benutzen. Aromalämpchen mit Duftölen können die Raumluft zusätzlich mit Terpenen oder Aldehyden belasten und sollten allenfalls sparsam eingesetzt werden.

Am besten ist es natürlich, Schadstoffe gar nicht erst ins Haus zu lassen. Die Stiftung Warentest kontrolliert bei vielen Tests die Inhaltsstoffe, zum Beispiel bei Matratzen. Auch Gütezeichen helfen, weil sieSchadstoffemissionen beschränken. Der Gesetzgeber gibt nur selten Grenzwerte vor. So dürfen in Deutschland seit 1989 nur noch Spanplatten für den Möbelbau verwendet werden, die unter Prüfbedingungen nicht mehr als 0,1 ppm Formaldehyd an die Luft abgeben (ein Formaldehydmolekül auf zehn Millionen Luftmoleküle, ppm = parts per million). Experten sprechen aber schon ab 0,02 bis 0,05 ppm von einer Belastung. Für Möbelstücke, die den „Blauen Engel“ oder das „Goldene M“ tragen, liegt der Grenzwert bei 0,05 ppm. Doch eine Belastung kann sich aufsummieren, wenn viele Möbel aus Spanplatten in einem kleinen Zimmer stehen.

Gegen dicke Luft vorgehen

Wer eine Quelle für dicke Luft in seiner Wohnung gefunden hat, sollte handeln und neue Möbel reklamieren, die lästige Geruchsstoffe ausgasen. Alte Spanplatten, die im Unterschied zu neuen Produkten auch noch nach Jahren relativ viel Formaldehyd freisetzen, können an Wänden zum Beispiel durch Gipskartonplatten ersetzt werden. Großflächig betroffen sind manchmal Fertighäuser aus den 60er, 70er und 80er Jahren.

Prinzipiell gilt: Wer die Probleme aufspürt, kann die Ursachen gezielt bekämpfen. Und die Sanierung mitunter sogar mit Nützlichem verbinden – zum Beispiel quasi nebenbei den Wärmeschutz der Hauswände optimieren.

Dieser Artikel ist hilfreich. 862 Nutzer finden das hilfreich.