Die richtige Versicherungssumme ist in der Wohngebäudeversicherung das A und O. Sonst folgt dem Schaden die Pleite.

Mein Haus ist 1,2 Millionen Mark wert! Neulich sagt mir ein Versicherungsvertreter, ich bekäme von meiner Versicherung aber nur 600.000 Mark, wenn es abbrennt. Stimmt das?", wollte eine Finanztest-Leserin aus Hamburg wissen.

Der Vertreter, der die Frau zu einem Wechsel ihrer Versicherungsgesellschaft veranlassen wollte, hat klar gelogen. Denn das Haus der Frau ist fast ausreichend versichert: Nur den Ausbau ihres Daches vor zwei Jahren hatte sie ihrer Versicherung nicht gemeldet.

Das wäre aber wichtig gewesen, denn Um-, An- und Ausbauten steigern den Wert eines Hauses. Die Versicherungssumme muss dann entsprechend angepasst werden. Die Frau holte die Meldung nach.

Gleitende Neuwertversicherung

Hausbesitzer wollen natürlich, dass ihre Wohngebäudeversicherung im Schadensfall die kompletten Reparatur- beziehungsweise Wiederherstellungskosten für ihr beschädigtes oder zerstörtes Haus erstattet.

Wo vor einem Brand ein Einfamilienhaus mit einer Wohnfläche von 160 Quadratmetern stand, soll auf Kosten der Versicherung wieder eins entstehen ­ mit der gleichen Zimmerzahl, auch mit zwei Bädern und Sauna, wieder mit einer Ölzentralheizung und einem Wintergarten. Fällt ein Architektenhonorar an, weil die alten Baupläne nicht mehr verwendbar sind, soll die Versicherung auch das zahlen.

Ein Haus so umfassend zu versichern, ist nur mit einer "gleitenden Neuwertversicherung" möglich, deren Versicherungssumme jährlich an die steigenden Baupreise angepasst wird. Diese Vertragsform ist üblich.

Versicherungssumme 1914

Um die richtige Versicherungssumme und damit auch eine angemessene Prämie festzulegen, bedienen sich fast alle Versicherungsgesellschaften in der Wohngebäudeversicherung eines fiktiven Werts ­ der so genannten Versicherungssumme 1914.

Dieser Wert gibt an, was es gekostet hätte, ein Haus, das heute versichert werden soll, 1914 neu zu bauen. Entweder wird von heute bis 1914 herunter- oder von 1914 hochgerechnet.

Nur wenige Versicherer wie beispielsweise die Generali Versicherung, die Zürich Agrippina und die Patria rechnen anders. Sie verwenden den aktuellen Gebäudewert oder die Wohnfläche eines Hauses, um die Prämie festzulegen. Anton Weingärtner von der Generali Versicherung erklärt: "Die Kunden wissen einfach nicht, was sie mit einem Versicherungswert von 1914 anfangen sollen. Deshalb haben wir ihn abgeschafft."

Warum auch gerade 1914? Wegen des Ersten Weltkriegs stiegen die Baupreise ab 1914 plötzlich stark an. Die Versicherungsgesellschaften suchten damals einen Weg, um die Versicherungssummen von Häusern kontinuierlich anzupassen. Dies geschieht nun ­ auf Basis der Preise von 1914 ­ mit dem so genannten gleitenden Neuwertfaktor, der im Jahr 2000 bei 25,4 liegt. Der Faktor beruht auf dem Baukostenindex und dem Tariflohnindex des Baugewerbes.

Viele moderne Baumaterialien aus Kunststoff oder Bauteile wie Isolierverglasungen, Solaranlagen oder computergesteuerte Heizungsanlagen gab es 1914 noch nicht. Die Sachverständigen der Versicherungsgesellschaften ermitteln deshalb heute meistens erst einmal den aktuellen Neubauwert eines Hauses, wenn sie einen Vertrag abschließen wollen. Sie rechnen ihn dann auf den Versicherungswert 1914 um.

Privatleute sollten sich beim Schätzen des Neubauwerts ihres Hauses lieber vom Versicherungsvertreter helfen lassen. Sonst riskieren sie, dass ihr Haus mit einer zu geringen Summe versichert wird.

Rechnen die Unternehmen die Summe aus, lassen sie sich von ihren Kunden umfassende Fragenkataloge zur Größe und Ausstattung des Hauses ausfüllen.

Ausreichender Schutz

Sofern die Versicherungsgesellschaft die Versicherungssumme 1914 nach den Angaben ihres Kunden selbst schätzt, nimmt sie in den Vertrag in der Regel einen so genannten Unterversicherungsverzicht auf. Damit verpflichtet sie sich, im Schadensfall immer Ersatz in voller Höhe zu leisten, wenn die sonstigen Voraussetzungen stimmen.

Kunden sollten aber unbedingt prüfen, ob dieser Verzicht auch in der zugesendeten Police steht. Fehlt er, sollten sie dem Vertrag innerhalb eines Monats widersprechen.

Der Unterversicherungsverzicht der Versicherung gilt im Schadensfall aber nicht, wenn der Kunde bei Vertragsschluss Fragen zur Ausstattung seines Hauses vorsätzlich oder grob fahrlässig falsch beantwortet hat. Er entfällt auch, sofern das Haus später in irgendeiner Weise baulich verändert wurde.

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