Wohnen im Alter Meldung

Ein gutes Dutzend Menschen von 55 bis 70 Jahren hat eine Hausgemeinschaft gegründet. Finanztest hat sie besucht und zeigt, welche neuen Wohnformen für Senioren es noch gibt.

Diese Straße sieht wirklich nicht so aus, wie man sich eine Wohngegend für Senioren vorstellt. Rechts ein riesiger, ­bedrohlicher Betonklotz aus den siebziger Jahren, geradeaus eine laute Durchgangsstraße mit Straßenbahn und Fußgängerbrücke. Links ein roter Backsteinneubau im trendigen Kastenlook – das ist das Haus des Wohnprojekts Gilde-Carré in Hannover-Linden.

Hier leben seit sechs Monaten 14 ­Menschen im Alter von 55 bis 70 Jahren, jeder in seiner Wohnung und doch alle ­zusammen. „Wir sind von der Idee des ­gemeinschaftlichen und selbstbestimmten Wohnens und Lebens überzeugt“, sagt die 66-jährige Frauke Ferner, die zusammen mit ihrem Mann eine Dreizimmer­wohnung im Gilde-Carré bewohnt.

Deshalb haben sie im Jahr 2002 gemeinsam mit rund 30 anderen Mitgliedern den Verein „Wohnkonzept 12 e. V.“ gegründet. Der Verein hat das Ziel, neue Wohn- und Lebensformen zu entwickeln und zu ­erproben, um Vereinzelung und soziale ­Isolation im Alter zu vermeiden. Die ­Bewohner sollen sich im Alltag und bei Hilfebedürftigkeit gegenseitig unterstützen.

Noch im Gründungsjahr fand der ­Verein eine Wohnungsgenossenschaft, die ­eine Industriebrache mitten in Hannover bebauen wollte und zu dem Experiment bereit war, für eine Wohngruppe ein Haus zu bauen.

Von den rund 20 Interessenten, die anfangs Feuer und Flamme für das Projekt waren, sind allerdings weniger als die Hälfte übrig geblieben. „Wenn es konkret wird, springen die meisten wieder ab“, erzählen die Bewohner des Wohnprojekts Gilde-Carré einstimmig.

Das Altern gestalten

Wohnen im Alter Meldung

Frauke und Ralf-Hagen Ferner gehören zu den Gründern des Wohnprojekts Gilde-Carré. Hier hat ­jeder seine eigene Wohnung, doch alle leben zusammen.

Viele, die heute in dem Haus leben, haben sich bereits lange mit der Frage ausein­ander gesetzt, wie sie in der dritten Phase ­ihres Lebens leben wollen. „Ich habe bei meinen Verwandten gesehen, wie die Vereinzelung zunimmt, wenn man nicht mehr so beweglich ist“, erzählt die 63-jährige Erdmuthe Fischer. „Und ich wusste schon früh: So möchte ich nicht leben.“

Auch Gisela Vogt-Versloot (68) war schon lange auf der Suche nach Gesinnungsgenossen: „Aus meiner Tätigkeit in der Leitung eines Krankenhauses und ­eines Pflegeheims weiß ich: Die meisten Menschen verlassen sich darauf, dass sie im Alter schon jemanden finden werden, der sich um sie kümmert. Darauf wollte ich es auf keinen Fall ankommen lassen.“

Andere sind eher zufällig zu dem Projekt gestoßen. „Ich habe einen Artikel über das Projekt gelesen und mich daraufhin bei dem Verein gemeldet“, sagt Anita Creite (64). „Ich habe in einem Haus gewohnt, in dem zu den anderen Mietern eher ein ­distanziertes Verhältnis bestand. Um Hilfe zu bitten, war nicht üblich und wurde auch schon mal abgelehnt. Mir war klar: Wie soll das im Alter werden, wenn du wirklich Hilfe brauchst und Familie und Freunde nicht da oder nicht nah genug sind?“

Die Miete ist mit 7,51 Euro pro Quadratmeter für sie jetzt deutlich teurer als früher. Hinzu kommen zirka 70 Euro im Monat für den Gemeinschaftsbereich, das Kernstück des Hauses: ein 100 Quadratmeter großer Bereich mit zwei Gäste­zimmern, einem großen Wohnraum mit ­Küchenzeile, einem barrierefreien Bad und einem Hobbyraum.

„Mir ist es die Sache wert“, sagt Anita Creite. „Es ist eine tolle Atmosphäre hier. Das Zusammenleben ist eine Bereicherung für mein Leben, jeder bringt etwas ein.“

Der Standort mitten in der Stadt war zwar für viele erst einmal ein Wermutstropfen. Die meisten hatten eher davon ­geträumt, in einer Villa im Grünen alt zu werden. Doch heute erkennen alle die ­Vorteile der zentralen Lage. „Wenn ich mal nicht so gut drauf bin, gehe ich in die ­Limmerstraße um die Ecke. Die Multi­kulti-Atmosphäre dort bringt mich sofort wieder auf andere Gedanken“, schwärmt Frauke Ferner von ihrem Viertel.

Immer mehr Menschen über 65

Wohnen im Alter Meldung

„Wir haben einen rasanten Zulauf“, sagt Gerda Helbig vom Forum Gemeinschaft­liches Wohnen. Das Forum initiiert und ­berät bundesweit Projektgruppen wie das in Hannover-Linden. Doch noch sind Wohnprojekte wie das Gilde-Carré eher die Ausnahme als die Regel und stark abhängig vom Engagement Einzelner. Unterstützung von staatlicher Seite gibt es nur in einigen Ländern und Kommunen.

„In Berlin zum Beispiel ist sogar die ­bestehende Stelle in unserem regionalen Kontaktbüro gestrichen worden“, erzählt Gerda Helbig. „Jetzt versuchen wir dort ­einen Notbetrieb mit ehrenamtlichen ­Mitarbeitern aufrechtzuerhalten, aber ­eigentlich können wir den Leuten nur ­sagen: Kümmert euch selber. Wir stellen nur die Kontakte her.“

Dabei müsste die Politik ein großes Interesse an der Suche nach neuen Wohnformen für ältere Menschen haben. Denn die demografische Entwicklung ist klar: Nach Berechnungen des Kuratoriums Deutsche Altershilfe werden im Jahr 2020 17 Mil­lionen Menschen über 65 sein, im Jahr 2050 sogar 20 Millionen.

Im Gegenzug nimmt die Bevölkerungsgruppe unter 65 Jahren dramatisch ab, weil weniger Kinder geboren werden. Es wird daher immer weniger Angehörige geben, die sich um die alten Menschen kümmern. Viele werden eine Alternative brauchen.

Viele neue Wohnformen

Wohnen im Alter Meldung

Das „StattSchloss“ ist ein genossenschaftliches Wohnprojekt in ­Hamburg-Altona. Hier leben mehrere Generationen unter einem Dach.

Das Leben in einer Wohngruppe wie der im Gilde-Carré ist nur einer von vielen möglichen Wegen, selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden zu leben.

Es gibt inzwischen für jeden Bedarf eine geeignete Wohnform. Allerdings sind häufig erst wenige Projekte umgesetzt und es fehlt an zentralen Anlaufstellen. Von denjenigen, die für ihr eigenes Leben nach der richtigen Wohnform im Alter suchen, ist deshalb viel Eigeninitiative gefordert.

Welche neuen Möglichkeiten es für das Wohnen im Alter gibt und für wen sie geeignet sind, stellen wir auf den folgenden beiden Seiten im Überblick vor.

Dieser Artikel ist hilfreich. 2569 Nutzer finden das hilfreich.

Themenseiten

Mehr im Internet

    • Hilfreiche Kontakte

      • Kuratorium Deutsche Altershilfe
      • Forum Gemeinschaftliches Wohnen
      • Dialog der Generationen
      • Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungsanpassung
      • Barrierefreies Wohnen