Interview: Keine Garantie

Wirtschaftsprüfer Meldung

Dr. Adalbert Wahl

Die Jahresabschlüsse von Firmen der Euro Energie-Gruppe wurden von Wirtschaftsprüfern mit einem positiven Testat bestätigt. Dennoch schädigte beispielsweise die Hanseatische AG Zehntausende Anleger. Finanztest fragte Dr. Adalbert Wahl, Präsident der Wirtschaftsprüferkammer, warum Prüfer häufig nichts merken.

Finanztest: Wie kommt es, dass ­Wirtschaftsprüfer von den unseriösen Machen­schaften eines Unternehmens häufig nichts mitkriegen?

Wahl: Es gibt jährlich Zehntausende ­Abschlussprüfungen, ohne dass die Arbeit der Prüfer zur Diskussion steht. Dies zeigt, dass Wirtschaftsprüfer einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren des Kapitalmarkts leisten. Wenn allerdings Füh­rungs­kräfte von Unternehmen Unterlagen fälschen, um Unregelmäßigkeiten zu vertuschen, dann haben Prüfer in der Regel nur geringe Chancen, dies zu erkennen. Ihr Prüfungsauftrag ist auch keine Vollprüfung aller Geschäftsvorgänge. Die Abschlussprüfung ist nicht so angelegt, dass mit kriminalistischen oder staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsmethoden vorgegangen werden kann.

Finanztest: In vielen Fällen haben Verbraucherschützer und Medien vor An­bietern gewarnt, die dann später Pleite gingen. In einigen Fällen ermittelte schon der Staatsanwalt. Trotzdem erhielten die Firmen einwandfreie Testate. Wie erklären Sie sich das?

Wahl: Die Abschlussprüfung ist nicht vorrangig darauf ausgerichtet, Fehler, Täuschungen und Vermögensschädigungen aufzudecken. Der Prüfer verschafft sich bei der Planung der Prüfung ein Bild darüber, inwieweit Fehler sowie Gesetzesverstöße vorliegen könnten. Anhaltspunkte hierfür können unter anderem staatsanwaltschaftliche Ermittlungen oder Presseberichte sein. Eine Einschränkung oder Versagung des Prüfungsurteils kommt nur in Betracht, wenn aufgedeckte Unregelmäßigkeiten sich wesentlich auf die Richtigkeit der Jahresabschlüsse ausgewirkt haben.

Finanztest: Was tut ein Prüfer, der Gesetzes­verstöße feststellt? Macht er diese öffentlich?

Wahl: Die Verantwortung für die Aufdeckung von Verstößen trägt grundsätzlich die Unternehmensleitung, nicht der Wirtschaftsprüfer. Handelsgesetzbuch und Publizitätsgesetz begründen für den Prüfer aber eine generelle Berichtspflicht über Bestandsgefährdungen, Entwicklungsbeeinträchtigungen und Unregelmäßigkeiten, die er bei der Abschlussprüfung feststellt. Der Prüfungsbericht wird bei Aktiengesellschaften dem Aufsichtsrat zugeleitet. Er wird nicht veröffentlicht. Die Öffentlichkeit nimmt den Wirtschaftsprüfer durch seinen Bestätigungsvermerk (Testat) wahr. Stellt sich die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens schlecht dar, so stellt dies allein noch keinen Grund für eine Einschränkung des Bestätigungsvermerks dar. Werden hingegen wesentliche Verstöße festgestellt, muss der Prüfer das Testat einschränken oder versagen. Sollte sich eine Prognose der Unternehmensleitung im Nachhinein als falsch herausstellen oder anders eintreten, kann dies nicht dem Wirtschaftsprüfer angelastet werden, denn er ist weder ein „Übergeschäftsführer“ noch ein Prophet.

Finanztest: Haben positive Testate, mit denen die Firmen gerne werben, überhaupt einen Wert für Anleger?

Wahl: Das Testat besagt nur, ob der Jahres­abschluss ein zutreffendes Bild der Lage des Unternehmens zeichnet. Es erteilt kein Urteil über die wirtschaftliche Stärke des Unternehmens und gibt keine Bestandsgarantie. Folglich müssen An­leger diese Tatsachen auch bei Anlageentscheidungen im Auge behalten.

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