Der Zahlungs­dienst­leister Wirecard hat infolge des Bilanz­skandals Insolvenz angemeldet. Aktionäre stehen vor hohen Verlusten.

Nach dem Bilanz­skandal hat der Dax-Konzern Wirecard nun Insolvenz angemeldet. Die Aktien wurden zunächst vom Handel ausgesetzt. Zwischen­zeitlich war der Kurs auf knapp 1 Euro gefallen. Vor wenigen Wochen notierte die Aktie noch bei knapp 140 Euro. test.de sagt, worauf Sie als Anleger jetzt achten sollten – und auch, was für Nutzer der virtuellen Kreditkarte boon gilt.

Wirecard in Bedräng­nis

Die Verantwort­lichen des Zahlungs­dienst­leister Wirecard hatten kürzlich zugeben müssen, dass ein – in den Büchern des Unter­nehmens geführter – Betrag von 1,9 Milliarden Euro „mit über­wiegender Wahr­scheinlich­keit“ nicht existiere. Es handelt sich dabei um rund ein Viertel der Bilanz­summe. Die Staats­anwalt­schaft München ermittelt unter anderem wegen des Verdachts auf Bilanz­fälschung und Markt­manipulation. Medienbe­richten zufolge verhandelt Wirecard mit Gläubiger­banken über ausstehende Kredite. Gleich­zeitig würden Kunden sich vermehrt von dem Zahlungs­dienst­leister abwenden und nach alternativen Zahlungs­part­nern umsehen. Hier finden Sie Antworten auf die nun wichtigsten Fragen.

Welche Folgen hat die Pleite für Wirecard-Aktionäre sowie für Fonds mit Wirecard-Aktien?

Aktionäre sind recht­lich Teil­haber an Unternehmen und müssen entsprechend auch mit Verlusten rechnen. Auch dieser krasse Fall fällt damit unter das unternehmerische Risiko. Ein Verkauf der Aktien ist über die Börse möglich – für viele mit horrendem Verlust.

Betroffen sind auch Fonds­anleger, allerdings nur in geringerem Maße. Fonds investieren in eine Vielzahl von Unternehmen, sodass selbst der Ausfall eines ganzen Unter­nehmens selten stark ins Gewicht fällt. So sind etwa die Auswirkungen auf den deutschen Leit­index DAX moderat, weil Wirecard auch bei Kursen von über 100 Euro dort nicht viel mehr als 1 Prozent ausmachte. Die Aktie bleibt zunächst im DAX gelistet. Ein Insolvenz­verfahren ist kein Grund für einen außerplan­mäßigen Ausschluss, teilt die Deutsche Börse mit.

Einige Fonds­manager haben die Wirecard-Aktie insbesondere in Deutsch­land-Fonds deutlich höher gewichtet, sodass Anleger bei aktiv gemanagten Fonds mitunter stärker in Mitleidenschaft gezogen wurden. In den von uns empfohlenen ETF auf den Aktien­index MSCI World ist der Anteil der Wirecard-Aktie hingegen verschwindend gering.

Sollte ich mich als Wirecard-Aktionär an einen Rechts­anwalt wenden?

Je nach Verlauf des Insolvenz­verfahrens und den Ermitt­lungen zur Ursache der Pleite kann es sinn­voll sein, einen Rechts­anwalt damit zu beauftragen, Schaden­ersatz­forderungen durch­zusetzen. Ob solche Forderungen Chancen haben, ist derzeit aber nicht absehbar. Zudem ist unklar, ob über­haupt Geld zur Verfügung steht, um etwaige Schaden­ersatz­forderungen auszugleichen. Falls kein Firmengeld mehr zur Verfügung steht, wäre es auch bei güns­tiger Sach- und Rechts­lage nicht sinn­voll, kost­spielige recht­liche Schritte einzuleiten. Für die Anmeldung von Forderungen im Rahmen des Insolvenz­verfahrens allein werden Sie keinen Anwalt brauchen. Das können Sie selbst. 

Wir empfehlen: Warten Sie ab. Sollten sich recht­liche Schritte lohnen, wird die Stiftung Warentest darauf hinweisen. Ansonsten können Sie auch die Nach­richten und die Hinweise verfolgen, die seriöse Anleger­anwälte zur Wirecard-Pleite veröffent­lichen.

Kann ich die Verluste steuerlich absetzen, wenn ich meine Aktien jetzt an der Börse verkaufe?

Ja, eine Verlust­verrechnung ist möglich. Allerdings können Sie Verluste aus Aktien­verkäufen ausschließ­lich mit Gewinnen aus Aktien­verkäufen verrechnen. Sollten Sie in diesem Jahr keine Gewinne aus Aktien­verkäufen haben, trägt die depotführende Bank den Verlust in die Folge­jahre fort. Eine Verlust­verrechnung mit Dividenden oder Zinsen ist hingegen nicht möglich. Haben Sie ihr Geld bei mehreren Banken angelegt, müssen Sie selbst aktiv werden. Eine instituts­über­greifende Verlust­verrechnung erreichen Sie nur über die jähr­liche Steuer­ver­anlagung. Dazu müssen Sie bis zum 15. Dezember des laufenden Jahres bei ihrer Bank eine Verlust­bescheinigung anfordern, eine Ergän­zung zur normalen Jahres­steuer­bescheinigung. 

Ausführ­lichere Infos finden Sie in dem Special Verluste steuerlich nutzen.

Welche Folgen hat die Pleite für Nutzer der virtuellen Prepaid-Kreditkarte (Mastercard) von boon?

Boon ist ein Zahlungs­verfahren per App für Smartphones oder Smartwatches und für Online- und In-App-Zahlungen. Vertrags­partner ist die britische Wirecard Card Solutions Limited (WDCS). Sie betreibt haupt­sächlich E-Geld-Geschäfte und die damit verbundenen Zahlungs­dienste. Sie gehört zum Wirecard-Konzern.

boon teilte seinen Kunden am 26. Juni 2020 mit, dass die boon.Card und alle damit verbundenen Trans­aktionen – einschließ­lich Geld senden und empfangen – nicht funk­tionieren. Auf Anordnung der zuständigen britischen Finanz­aufsichts­behörde Financial Conduct Authority (FCA) habe man die Geschäfte vorüber­gehend aussetzen müssen. Boon versichert in dem Schreiben, dass Guthaben auf einem boon-Account auf gesicherten Konten bei regulierten Kredit­instituten im Europäischen Wirt­schafts­raum gehalten werde und auch unter den aktuellen Umständen geschützt sei. Guthaben auf der virtuellen Prepaid-Kreditkarte boon.Card unterliegen nicht der deutschen Einlagensicherung. Wie sicher sie verwahrt werden, können wir aktuell nicht einschätzen. Sie unterliegen der Über­wachung der FCA.

Ist die boon.Card jetzt wieder einsetz­bar?

Inzwischen müsste die boon.Card wieder einsetz­bar sein. Die FCA gab am späten Abend des 29. Juni 2020 bekannt, dass Kunden der WDCS „jetzt oder in Kürze“ in der Lage sein werden, ihre Karten wie üblich einzusetzen. Oberstes Ziel der Aufsichts­behörde ist nach eigenen Angaben, die Interessen und das Geld der Kunden von Wirecard zu schützen. In den letzten Tagen habe man eng mit Wirecard UK und anderen Behörden zusammen­gearbeitet, um sicher­zustellen, dass das Unternehmen die Bedingungen für die Wieder­aufnahme der Aktivitäten erfüllt. Die FCA sieht sich nun in der Lage, Wirecard UK die Wieder­aufnahme des operativen Geschäfts zu erlauben.

Verbraucher, die boon in einer Bezahl-App wie Google Pay, Apple Pay oder Garmin Pay als Zahlungs­mittel hinterlegt haben, können im Regelfall auch andere Bezahl­verfahren integrieren.

Mehr dazu in unserem Test von Bezahl-Apps. Sie erfahren bei Google Pay oder Apple Pay , welche Zahlungs­mittel dort aktuell hinterlegt werden können.

Was ist mit dem virtuellen Bank­konto boon.planet?

Das virtuelle Bank­konto Boon.planet ist von der Wirecard-Pleite bisher nicht betroffen. Laut einer Mitteilung der Wirecard AG vom 27. Juni 2020 ist der Zahlungs­verkehr der Wirecard Bank, die das virtuelle Giro­konto betreibt, aktuell nicht vom Insolvenz­verfahren betroffen. Das Guthaben der Kunden ist durch die Entschädigungs­einrichtung deutscher Banken geschützt, pro Sparer bis zu 100 000 Euro. Zusätzlich ist die Wirecard Bank Mitglied im Einlagensicherungs­fonds der privaten Banken.

Diese Meldung ist am 25. Juni 2020 auf test.de erschienen und wurde am 30. Juni 2020 aktualisiert.

Dieser Artikel ist hilfreich. 46 Nutzer finden das hilfreich.