Winterreifen Test

Schlechte Reifen schwimmen bei Nässe auf, schlittern im Schnee wie Kinder auf der Rutsch­bahn. Auf Eis driften auch sonst gute aus der Kurve.

Präzise treibt Horst Wipper­steg sein Auto quer durch die Haarnadelkurve. Gleich pfund­weise schaufeln die Antriebs­räder Schnee und Eis von der Straße. Ein Teil davon fällt neben dem Straßenrand in den gähnenden Abgrund. Einem Beifahrer mit schwachen Nerven treibt die rasante Tour über den Schweizer Nufenenpass den Angst­schweiß auf die Stirn. Doch Wipper­steg weiß, was er tut. Er hat sein Auto im Griff. Der in den 70er und 80er Jahren erfolg­reiche Rallyefahrer arbeitet seit 15 Jahren als Testfahrer beim ADAC.

Mit viel Popo- und Fingerspitzengefühl prüft er diesmal das Fahr­verhalten der Winterreifen auf Schnee. „Ich spüre sofort, wenn bei einem Reifen die Seiten­führung nicht stimmt“, sagt er. Er warnt: „Fährt ein Normalfahrer mit so einem Reifen nur ein wenig zu schnell in die Kurve, geht ihm ganz schnell die Straße aus.“ Das heißt: Er fliegt aus der Kurve. Im Test folgen daraus für die betroffenen Reifen mäßige Noten für Traktion und Seiten­führung und für das Gruppen­urteil „Schnee“. Das gilt für Interstate Winter und Marangoni.

Jeder Dritte ist gut

Winterreifen Test

Reifenschieberei. Die Prüfer montieren 32 Modelle auf 128 Räder. Das macht insgesamt über 2 000 Radwechsel.

Geprüft wurden 32 Winterreifen der Kleinwagengröße 185/60 R 15 T sowie der Kompakt- und Mittel­klassengröße 225/45 R 17 H. Vier fahren mit mangelhaft ins Ziel – die Exoten Interstate Winter und Sailun bei den größeren Reifen sowie Kormoran und Marangoni bei den kleineren. Jeder dritte Pneu fährt bei allen Fahr­bahn­verhält­nissen gut. Bei den anderen nehmen Auto­fahrer Kompromisse in Kauf – mit Schwächen meist auf nasser Fahr­bahn, aber auch auf Eis, Schnee und trockenen Straßen.

Auf Schnee parieren die meisten Reifen gut. Traktion und Seiten­führung – passt, Anfahren und Bremsen – klappt. Drei Modelle schneiden auf Schnee nur ausreichend ab: Interstate Winter wegen schwacher Seiten­führung. Er rutscht in der Kurve leicht weg. Nexen Eurowin bekommt die Note wegen zu langer Brems­wege, Marangoni schwächelt in allen Prüf­punkten. Die besseren Reifen bringen bei einer Voll­bremsung aus 50 Stundenkilo­metern ein Auto etwa eine Wagenlänge früher zum Stehen als diese beiden. Die könnte in einer Gefahrensituation entscheidend sein. Krasser als auf Schnee sind die Unterschiede bei Nässe. Bis auf den 185er Nokian bremsen alle guten Reifen auch auf nasser Fahr­bahn gut. Erheblich zu lange Brems­wege haben Kormoran, Marangoni, Sailun.

Schlechtester steht 15 Meter später

Während die besten Pneus je nach Fahr­bahnbelag und Gewicht des Autos durch­schnitt­lich rund 35 Meter zum Bremsen brauchen, „schwimmt“ der schlechteste etwa 15 Meter weiter. Wenn ein mit Pirelli Sottozero bestückter Mittel­klassewagen längst steht, rauscht ihm das gleiche Auto auf Sailun-Reifen mit mehr als 40 Stundenkilo­metern ins Heck. Bei solchen Unfällen sterben Menschen.

Auf nasser Straße patzen Interstate Winter, Kormoran, Marangoni und Sailun auch beim Hand­ling und der Seiten­führung. Schnell gefahrene Schlenker, beispiels­weise zum Ausweichen – und das Auto rutscht gerade­aus. Das gleiche Spiel bei schnell gefahrenen Kurven. Hinterradgetriebene Autos schleudern dann gern mit ihrem Heck nach vorn. Horst Wipper­steg korrigiert solche Sperenz­chen mit schnellen Lenkbewegungen und einem beherzten Tritt aufs Gas- beziehungs­weise Brems­pedal. „Der Normalfahrer hat in solchen Situationen kaum eine Chance“, sagt der Profi.

Schwammig auf der ganzen Linie

Auf trockener Straße ist die Welt wieder in Ordnung. Nur der Fulda Kristall schwächelt beim Bremsen. Er ist spür­bar schlechter als die besten Reifen in dieser Disziplin. Und das Schluss­licht Sailun fährt selbst unter diesen optimalen Bedingungen den anderen hinterher. Schwammiges Fahr­verhalten auf der ganzen Linie.

Michelin fährt und fährt und fährt

Bei nasser Fahr­bahn ist der Reifen­verschleiß am höchsten. Ursprüng­lich haben die Pneubauer gute Fahr­eigenschaften bei Nässe und Schnee durch weiche Gummi­mischungen und damit hohen Verschleiß erkauft. Das ist mitt­lerweile Schnee von gestern. Bestes Beispiel: Der Michelin Alpin A4 erweist sich in beiden Größenklassen als das abrieb­festeste Modell. Verschleiß­festig­keit sehr gut mit der Note 0,5 heißt es bei ihm zweimal. Trotzdem erreicht er auch bei den Fahrtests fast ausschließ­lich gute bis sehr gute Ergeb­nisse. Die anderen Anbieter bekommen den Spagat zwischen Verschleiß und Fahr­sicherheit einigermaßen hin. Die Paarung geringer Verschleiß mit unzu­reichender Fahr­sicherheit zeigt sich nur noch bei Hinterbänk­lern wie Kormoran, Interstate, Marangoni und Sailun.

Pirelli und Falken nur halb so lange

Michelin ist also die erste Wahl für Vielfahrer. An ihm müssen sich die anderen Reifen messen. Pirelli Sottozero, der sonst recht gut fährt, patzt beim Verschleiß. Er hält nur etwa die halbe Distanz. Bei den Kleinwa­genreifen zeigt der Falken Euro­winter eine deutlich geringere Lauf­leistung. Gemessen am Durch­schnitt erreicht er gerade mal 65 Prozent. Er schafft nicht einmal halb so viele Kilo­meter wie der Michelin. Da helfen auch die Profifahr­künste von Horst Wipper­steg nicht weiter.

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