Auf Schnee fahren viele gut. Probleme gibt es bei Nässe. Die geprüften Ganz­jahres­reifen patzen.

Es dämmert. Dicht treibt der Schnee durch die Walliser Alpen, das Thermo­meter zeigt deutlich unter Null. Ein kräftiger Wind fegt frischen Schnee auf die Straße. Der Asphalt verschwindet lang­sam unter einer fest­gefahrenen Schnee­decke. Auf den Seiten­streifen bilden sich die ersten Verwehungen. Unterwegs ist jetzt nur, wer unbe­dingt muss und die richtige Ausrüstung hat. Auf Sommerreifen ist sicheres Fahren kaum noch möglich.

Pass­fahrt. Wegen der konstanteren Bedingungen finden viele Tests nachts statt.

Für unseren Winterreifentest sind kalte Winternächte optimal. Nachts fahren die Tester am liebsten, weil die Fahr­bahnbedingungen konstanter sind als tags. Auf Eis und Schnee müssen Reifen vor allem zwei Eigenschaften unter Beweis stellen. „Wenn du Stoff gibst und der Wagen marschiert nicht vorwärts, fehlt Traktion“, erklärt einer der Testpiloten. „Und wenn du einlenkst und der Wagen fährt weiter gerade­aus, ist die Seiten­führung schlecht.“ Sprichts und steuert sein Auto mit schlafwand­lerischer Sicherheit die Serpentinen des Nufenenpasses hinauf und wieder herunter. Der Ritt dauert wenige Minuten. Im Hand­umdrehen werden dann Räder gewechselt. Los gehts mit den nächsten Pneus.

Die Stiftung Warentest hat 28 Winterreifen für Klein-, Kompakt- und Mittel­klassewagen sowie 4 Ganz­jahres­reifen geprüft. Acht Pneus fahren mit einer guten Note ins Ziel. Sechs schneiden mangelhaft ab, zwei davon sind Ganz­jahres­reifen.

Einige Reifen schwächeln bei Traktion und Seiten­führung auf Schnee: Kumho, Coo­per, GT Radial und Star Performer sowie die Ganz­jahres­reifen Falken und Vrede­stein. Die anderen haben damit keine Probleme.

Härtetests am Pass und im Tal

Traktion. Weiches Gummi und Lamellen sorgen auf Schnee für „Grip“.

Parallel zu den Pass­fahrten laufen im Tal die Anfahr- und Brems­tests. Das Team für die Radwechsel hat alle Hände voll zu tun. Außer den Test­kandidaten montieren die Mechaniker in regel­mäßigen Abständen Referenzreifen. Das sind Modelle, deren Eigenschaften von früheren Tests bekannt sind. Weichen die neuen Mess­werte ab, deutet das auf Schwankungen bei Temperatur und Luft­feuchte hin, die die Ingenieure berück­sichtigen müssen. Außerdem lässt sich anhand der Referenzreifen die Urteils­sicherheit der Fahrer über­prüfen.

Auf Schnee über­wiegend gut

Kenn­zeichen. Seit vier Jahren sind Winterreifen auf Eis und Schnee Pflicht. Sie sind an dem M+S Kürzel und der Schnee­flocke auf der Reifenflanke erkenn­bar.

Schnee und Eis sind nur eine Seite des Winters. Mal ist das Wetter frostig und trocken, mal mild und nass. Genauso vielfältig sind die Anforderungen an Reifen. Was die Hersteller in den Handel bringen, ist letzt­lich ein Kompromiss. Am besten gelungen ist er bei den 175er Modellen von Continental, Dunlop, Michelin und Fire­stone, Tabelle Winterreifen. Bei den 195ern fahren Continental, Bridge­stone, Dunlop und Semperit eine gute Note ein, Tabelle Winterreifen. Mangelhaft sind Coo­per, Star Performer, Achilles, Infinity und die Ganz­jahres­reifen Kumho und Uniroyal.

Große Unterschiede bei Regen

Klarer als auf Schnee und Eis trennt sich die Spreu vom Weizen auf nassen Straßen: Beim Hand­ling reichen die Ergeb­nisse von gut bis grottig. Beim Bremsen gab sich von den acht guten Reifen keiner eine Blöße. Bekamen im Vorjahres­test noch drei Modelle wegen zu langer Brems­wege das Urteil mangelhaft, bremste dieses Mal keiner schlechter als ausreichend.

Dennoch: Der beste Bremser, der 195er Michelin, bringt das Test­auto inner­halb von 51 Metern zum Stehen, der schlechteste, der Infinity, rutscht etwa 18 Meter weiter. Bremsen zwei hinter­einander­fahrende Autos gleich­zeitig, steht der vordere Wagen bereits, während der hintere noch rund 40 Sachen drauf hat. Wer da nicht genügend Abstand hält, fährt schnell bei seinem Vordermann auf. Selbst wenn es keine Verletzten gibt, so manches „Heilig’s Blechle“ wird auf diese Weise in Sekundenbruch­teilen zu einem Fall für die Schrott­presse.

Hand­ling und Seiten­führung auf nasser Fahr­bahn ist nichts für Coo­per und Star Performer, Achilles und Infinity. Ein schnelles Ausweichmanöver – und das Auto rutscht eventuell zur Seite oder bricht aus. In zügig durch­fahrenen Kurven droht es, von der Straße abzu­kommen.

Gleitet wie auf Schmierseife

Wer Aquaplaning schon erlebt hat, dem dürfte es beim bloßen Gedanken daran kalt den Rücken herunter­laufen. Das Auto verliert den Fahr­bahn­kontakt und gleitet wie auf Schmierseife. Wer heftig bremst und lenkt macht alles nur noch schlimmer. Zum Schwimmen neigt im Test vor allem der Infinity, doch der Matador und der Ganz­jahres­reifen von Vrede­stein greifen nicht viel besser.

Einigermaßen in Ordnung ist die Winterreifen­welt auf trockener Fahr­bahn. Von den getesteten Modellen vermittelt lediglich der Infinity ein schwammiges Fahr­gefühl. Anders bei den Ganz­jahres­reifen: Sowohl dem Kumho als auch dem Uniroyal verpassten die Tester ein Mangelhaft, dem Vrede­stein ein Ausreichend.

Da Allwetterpneus nicht nur im Winter im Einsatz sind, wurde ihr Verhalten auf trockener Fahr­bahn im Sommer geprüft. Mit bescheidenem Erfolg: Entweder sind ihr Profil und Gummi nicht für winterliche Verhält­nisse geeignet – zu sehen an den mäßigen Noten bei Schnee – oder sie bieten im Sommer nicht die nötige Stabilität.

Ganz­jahres­reifen durchweg schwach

Als ordentlicher Kompromiss machte sich in vergangenen Tests der Good­year Vector einen Namen. Er fehlt im Test­feld, da das neue Modell wohl erst im kommenden Früh­jahr auf den Markt kommt. Dasselbe gilt für die Konkurrenz von Hankook. Sobald die neuen Ganz­jahres­reifen erhältlich sind, wird test über sie berichten.

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