Das zweite Gesicht der Wind­pocken. Wer Wind­pocken hatte, trägt das Virus Varicella Zoster für immer im Körper. Es kann Jahr­zehnte im Nerven­system schlummern. Alter, Stress und Krankheiten können den Erreger reaktivieren. Er löst dann Gürtelrose aus, sicht­bar am Haut­ausschlag.

Varicella-Zoster-Viren können gleich zwei Krankheiten verursachen: Wind­pocken und Gürtelrose (Herpes Zoster). Wind­pocken sind eine typische Kinder­krankheit; Gürtelrose entsteht als Spät­folge, meist im Erwachsenen­alter. Impfungen sollen vorbeugen. Gegen Wind­pocken sind beispiels­weise die Impf­stoffe Varilrix und Varivax zugelassen. Ein relativ neuer Impf­stoff gegen Gürtelrose heißt Shingrix. Hier fassen wir zusammen, wie die Experten der Stiftung Warentest die Impfungen einschätzen.

Ein Virus, zwei Krankheiten

Man sieht sich immer zweimal im Leben. Leider trifft das Sprich­wort oft auch auf Varicella-Zoster-Viren zu. Zuerst verursachen sie meist schon im Kindes­alter Wind­pocken, also juckende Pusteln am ganzen Körper. Die verschwinden wieder, doch die Viren bleiben. Sie können Jahr­zehnte in bestimmten Regionen der Nerven schlummern. Ist das Immun­system geschwächt, etwa durch Alter oder Krankheit, nutzen sie die Chance. Sie zeigen sich dann abermals als Ausschlag, der oft bandförmig erscheint und mit starken Schmerzen einhergeht: die Gürtelrose, fach­sprach­lich Herpes Zoster.

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Neuer wirkungs­voller Impf­stoff

Zum Schutz vor dem Virus in beiden Varianten gibt es Impfungen. Die gegen Wind­pocken steht regulär bei kleinen Kindern an; die gegen Gürtelrose ist für ältere Menschen gedacht. Beide bewerteten wir in den vergangenen Jahren negativ. Inzwischen hat sich einiges getan.

Veränderte Bewertung

Daher fällt das Urteil unserer Impf-Experten bei ihrer Neube­wertung weit besser aus: Sie stufen die Wind­pocken-Impfung für Kinder sowie für Erwachsene, die Wind­pocken nicht durch­gemacht haben und zu einer Risikogruppe gehören, als sinn­voll ein. Das gilt auch für die Impfung Älterer gegen Gürtelrose mit Shingrix. Im Gegen­satz zum bereits länger erhältlichen Impf­stoff Zostavax über­nimmt ihn die Krankenkasse.

Gürtelrosen-Impfung ab 60 sinn­voll

Hohe Immun­antwort. Shingrix ist ein Totimpf­stoff. Er enthält nur bestimmte Proteine des Varicella-Zoster-Virus. Laut Studien erzeugt er eine hohe Immun­antwort, schützt wirkungs­voll vor Gürtelrose und so vor chro­nischen Schmerzen – einer gefürchteten Folge.

Richtiges Timing. Zugelassen ist Shingrix ab 50 Jahre. Doch in diesem Alter ist das Risiko für Gürtelrose noch sehr gering. Zudem ist noch nicht ganz klar, wie lang die Impfung wirkt. Daher raten unsere Experten generell erst ab 60 dazu; quasi als Schutz zur rechten Zeit.

Abweichende Empfehlung. Damit unterscheidet sich unsere Einschät­zung etwas von der Empfehlung der Ständigen Impf­kommis­sion (Stiko). Sie rät bei Vorerkrankungen wie Immun­schwäche bereits ab 50 Jahren zu Shingrix.

Liefer­engpässe bei Shingrix

Es bleibt ein praktisches Problem: Die Nach­frage nach Shingrix war 2019 hoch, der Impf­stoff oft knapp. Patienten können etwa mit dem Haus­arzt besprechen, ob und wann die Impfung möglich ist. Sie erfordert zwei Dosen im Abstand von zwei bis sechs Monaten.

Neben­wirkungen im Blick

Zu den möglichen Neben­wirkungen zählen vorüber­gehende Schmerzen an der Einstich­stelle. Beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI) sind Meldungen über Verdachts­fälle einge­gangen, bei denen Symptome einer Gürtelrose wie bläschen­artige Haut­re­aktionen nach einer Shingrix-Impfung aufgetreten sind. Gerade läuft eine Beobachtungsstudie zum Thema. Das PEI bittet Ärztinnen und Ärzte mitzumachen und das PEI zu kontaktieren, falls in ihrer Praxis entsprechende Verdachts­fälle im Zusammen­hang mit der Impfung auftreten. Die Studie soll die möglichen Neben­wirkungen abklären. Wie immer gilt es, Risiken und Nutzen abzu­wägen: Laut Zulassungs­studien verhindert Shingrix nahezu alle Fälle von Gürtelrose bei Menschen ab 60 Jahren.

Effizienter Impf­schutz gegen Wind­pocken

Gegen Wind­pocken gibt es verschiedene Lebend­impf­stoffe (Tabelle). Sie enthalten abge­schwächte Viren – und schützen laut Studien sehr effizient vor den ungezähmten. Alltags­daten belegen das. In Deutsch­land gab es bis 2004, als die allgemeine Impf­empfehlung für Kinder kam, jähr­lich zirka 750 000 Wind­pocken-Fälle. Derzeit sind es etwa 22 600. Die Impf­quote bei Kindern liegt inzwischen bei mehr als 80 Prozent. Auch diese Impfung kann Neben­wirkungen verursachen, etwa vorüber­gehende Beschwerden an der Einstich­stelle oder Haut­ausschläge.

Welche Rolle spielt der „Booster-Effekt“?

An der Wind­pocken-Impfung gab es seit ihrer Einführung durch­aus Kritik, ange­fangen bei der Notwendig­keit. Schließ­lich sind Wind­pocken bei Kindern meist harmlos. Bezüglich Gürtelrose schienen sogar negative Folgen denk­bar – für die ältere Generation. Das Stich­wort heißt „Booster-Theorie“. Demnach ist es für Erwachsene nach einer früheren Wind­pocken-Infektion wichtig, ab und an mit wind­pockenkranken Kindern in Kontakt zu kommen. Das diene quasi als Erinnerungs­kick fürs Immun­system und somit als Schutz vor Gürtelrose. Und der falle infolge vieler geimpfter Kinder weg.

Kombinierte Impf­strategie

Laut aktuellen Studien, die 2019 und 2020 erschienen, spielt der Booster-Effekt tatsäch­lich eine Rolle – aber eine kleinere als bisher angenommen. Hinzu kommt: Zum Schutz vor Gürtelrose gibt es ja nun den neuen Impf­stoff Shingrix (Tabelle). Es wirkt also günstig zusammen, Kinder gegen Wind­pocken zu impfen – und ältere Menschen gegen Gürtelrose.

Wind­pocken-Impfung schützt vielleicht auch vor Gürtelrose

Vielleicht wird Shingrix irgend­wann sogar wieder über­flüssig. Denn noch eine positive Nach­richt zeichnet sich ab: Die Wind­pocken-Impfung scheint die Geimpften selber auch vor einer späteren Gürtelrose zu schützen. Allerdings liefen die Studien dazu noch nicht allzu lang. Sie erfassen vor allem die – vergleichs­weise seltene – Gürtelrose bei Kindern. Wie sich die Raten im höheren Alter entwickeln, wenn die Menschen anfäl­liger sind, bleibt abzu­warten.

Herden­immunität drängt Infektionen zurück

Schon jetzt nützt es der Gesell­schaft, wenn viele Kinder gegen Erreger wie Wind­pocken, Röteln oder Masern geimpft sind. Denn wenn sie nicht erkranken, stecken sie niemanden an. Diese „Herden­immunität“ drängt Infektionen insgesamt zurück und hilft vor allem jenen, die selber nicht geimpft werden dürfen. Dazu zählen Immun­geschwächte und Schwangere. Für sie können auch die abge­schwächten Viren von Lebend­impf­stoffen gefähr­lich werden – und erst recht die natürlichen. 

Nutzer­kommentare, die vor dem 28. Juli 2020 gepostet wurden, beziehen sich auf eine frühere Veröffent­lichung zum selben Thema.

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