Discountbroker: Vorerst nur für Könner

Das Börsengeschäft über so genannte Discountbroker ist billig. Aber Vorsicht: Von den Vermittlern darf man keine Beratung erwarten. Und die Frage, welche Pflichten die Schnell-Broker in Sachen Anlegerschutz haben, ist gesetzlich nicht gesondert geregelt. Inzwischen stellen die Gerichte Regeln auf.

Viele Direktbanken und Discountbroker wenden sich ausdrücklich nur an erfahrene Anleger. Ist man bei Geschäften über diese Häuser wirklich auf sich allein gestellt nach dem Motto "Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um"?

Tilp:

Nein, denn auch die Discountbroker unterliegen den Pflichten des Wertpapierhandelsgesetzes. Die Unternehmen haben danach herauszufinden, welche Vorerfahrungen und Anlageziele ihre Kunden haben, und sie müssen über die Risiken der geplanten Börsengeschäfte aufklären.

Hier hat der Bundesgerichtshof nun aber entschieden, dass Discountbroker nur reduzierte Aufklärungspflichten haben (Az: XI ZR 296/98). Was dürfen Kunden denn da erwarten?

Tilp:

Nach Ansicht des Bundesgerichtshofs kann Broschürenmaterial genügen. Discountbroker müssen nur auf die allgemeinen Risiken wie etwa die des Optionsscheingeschäfts hinweisen. Ob jetzt im Einzelnen ein ganz spezielles exotisches Papier besondere Gefahren birgt, müssen die Discountbroker nicht thematisieren. Das letzte Wort in dieser Frage ist aber sicher noch nicht gesprochen. Ich rechne fest damit, dass sich auch der Europäische Gerichtshof in Zukunft mit dem Umfang der Aufklärungspflichten der Broker auseinander setzen wird. Und auf europäischer Ebene sehe ich stärkere Tendenzen in Richtung Anlegerschutz.

Sind die derzeit verwendeten Aufklärungsbroschüren der Discountbroker denn wenigstens lesbar und verständlich?

Tilp:

Unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet sind die prima. Aber in der Praxis stehen oft die spekulativen und damit riskanten Produkte im Vordergrund, eine schonungslose Aufklärung über deren Börsenrisiken findet sich selten. Es gibt zum Beispiel die allgemeine betriebswirtschaftliche Erkenntnis, dass private Anleger im spekulativen Bereich unter dem Strich Verlust machen. Darüber steht aber nichts in den Broschüren.

Offensichtlich gibt es aber auch bei Discountbrokern die Praxis, Anleger in Risikogruppen zu kategorisieren.

Tilp:

Ja, allerdings ist auch hier kein einheitliches Vorgehen zu erkennen. Manche Häuser sagen ganz klar: Wir führen nur solche Aufträge aus, die der Risikogruppe des Kunden entsprechen. Andere bieten in so einem Fall weitere Informationen an, bevor das Geschäft abgeschlossen wird. Manche Häuser informieren auch gleich zu Beginn umfassend über alle möglichen Börsengeschäfte. Leider gibt es hier noch keine Rechtsprechung zur Frage, ob das so alles seine Richtigkeit hat.

Was passiert, wenn ich mich beim Broker als sehr vorsichtiger Anlegertyp habe registrieren lassen, anschließend hochriskante Papiere ordere und der Auftrag ausgeführt wird?

Tilp:

Dann kommt eine Brokerhaftung in Frage. Wenn Kundendaten und Geschäftsabschluss nicht übereinstimmen und diese Diskrepanz offensichtlich ist, dann hat der Broker ein Problem. Je höher das Verlustrisiko, desto größer die Aufklärungspflicht. Dies gilt natürlich besonders dann, wenn nicht nur der Wertverlust einer Anlage droht, sondern der Anleger sogar Geld nachschießen muss.

Nun hat sich der brandheiße Börsentipp als Niete erwiesen, der Anleger hat sein Geld in den Sand gesetzt. Sind dann Ersatzforderungen gegen den Discountbroker in jedem Fall ausgeschlossen?

Tilp:

Nein. Zum Beispiel dann nicht, wenn bei so genannten Termingeschäften ­ und das sind die meisten Optionsscheingeschäfte ­ die formelle Termingeschäftsfähigkeit des Kunden nicht hergestellt wurde. Hier muss ein besonderes Formblatt unterschrieben werden. Ist dies nicht der Fall, kommen bei Börsenverlusten Bereicherungsansprüche gegen den Broker in Betracht. Gute Karten haben Anleger auch dann, wenn sie nachweisen können, dass der Discountbroker zu Beginn der Geschäftsbeziehungen nicht ordentlich aufgeklärt hat und auch beim Einholen der Kundendaten schlampig war.

Ist es denn empfehlenswert, beim ersten Kontakt mit der Bank den Experten rauszukehren, um sich so eine möglichst große Handlungsfreiheit zu sichern?

Tilp:

Anleger sollten unbedingt bei der Wahrheit bleiben, denn wer sich als Experte geriert, muss dann auch akzeptieren, dass er wie einer behandelt wird und für seine Spekulationsverluste alleine gerade steht.

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