Banken teilen Börsengeschäfte und Anlagekunden in Risikoklassen ein. Dabei geht es weniger um Anlegerschutz ­ die Banken wollen vor allem ihre eigene Haftung begrenzen.

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ür Skifahrer ein klarer Fall: Ist die Piste blau markiert, kommt jeder gut runter, bei der schwarzen Warntafel ist der Könner gefragt. Und der Hinweis "Off-piste" ist eindeutig: Wer weiterfährt, verlässt den sicheren Bereich. Nicht ganz so einfach ist die Orientierung beim Börsengeschäft, auch wenn die meisten Banken die verschiedenen Anlagemöglichkeiten in Kategorien einteilen. So stuft etwa die Deutsche Bank 24 den risikolosen Handel mit Pfandbriefen als "Klasse-1-Geschäft" ein ­ als blaue Piste über das Börsenparkett gewissermaßen. Der gefährliche "Off-piste"-Bereich heißt bei der Bank "Risikoklasse 6". Darunter fallen etwa Geschäfte mit spekulativen Optionsscheinen, bei denen nicht nur Anfänger stark absturzgefährdet sind.

Schubladen für Anleger

So wie die Anlagegeschäfte werden auch die Anlagekunden behandelt: Sie landen in hausinternen Schubladen ­ abgestuft vom Anfänger bis zum ausgefuchsten "Profi". Deshalb sollten vor allem unerfahrene Anlagekunden genau nachfragen, wenn sie im Erstberatungsgespräch vom Bankmitarbeiter "einsortiert" werden. Die Aussagekraft einer Klassifizierung wie etwa "Kunde Stufe 3" ist begrenzt. Eine Erklärung, was die Einstufung bedeutet, sollte man sich dringend geben lassen. Sonst droht schnell Ungemach:

So kam Stefan Deuter* als Börsenneuling in die Wunstorfer Filiale der Commerzbank, um 21.000 Mark "sicher und zinsgünstig" anzulegen. Im Beratungsgespräch machte die Bankmitarbeiterin dann ein Angebot. Stefan Deuter solle sein Geld in Anleihen auf die VW-Aktie investieren, ein Papier, das die Commerzbank selber aufgelegt hatte. Nach Ansicht der Bank ein eher riskantes "Klasse-E-Geschäft" auf ihrer Skala von A bis F. Und so wurde der Börsenanfänger Deuter dann ebenfalls einsortiert: Als Kunde mit der zweithöchsten Kenntnisstufe E. Für Stefan Deuter endete der auf ein Jahr angelegte Börsendeal noch glimpflich. "Plus-minus null" lautet die Bilanz nach Fälligkeit der Anleihe.

Profi nur auf dem Papier

Bei der Commerzbank ist Deuter nun Kunde der Kenntnisstufe E. Ob auch zu Recht, ist fraglich. Laut Commerzbank-Unterlagen hat er jetzt nicht nur Wissen über Aktienanleihen, sondern unter anderem auch über Aktiengeschäfte und Optionsanleihen. Dokumentiert sind daneben Kenntnisse über Bundesschatzbriefe und Garantiefonds. Zwischen Papierform und Realität liegen aber Welten ­ Deuter weiß in Wirklichkeit kaum etwas über Aktien und Optionen. Lediglich mit seiner VW-Aktienanleihe kennt er sich jetzt aus. Umso wichtiger wird es also beim nächsten Geschäft für Stefan Deuter sein, auf seine lückenhaften Kenntnisse hinzuweisen. Er läuft sonst Gefahr, dass der Berater ihn aufgrund des Eintrags "E" kaum noch über die Risiken einzelner Geschäfte aufklärt.

Gesetzliche Vorgaben

Die schematische Einstufung ist kein Einzelfall. Denn seit 1995 ist die Schubladenpraxis gesetzlich geregelt. Die Banken müssen seitdem Kundendaten über Anlageziele, Börsenerfahrungen und die wirtschaftlichen Verhältnisse erfragen. Entsprechend intensiv soll dann die Aufklärung über Geschäftsarten und -risiken ausfallen.

Hintergrund der gesetzlichen Vorgaben ist ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) aus dem Jahr 1993 ("Bond-Urteil", Az: XI ZR 12/93), in dem eine Bank zum Schadenersatz gegenüber einem Kunden verpflichtet wurde. Die Bank hatte riskante Anleihen empfohlen, die später wertlos wurden. Da der Käufer ein Börsenanfänger war, der sichere Anlagen bevorzugte, sei das Geschäft nicht "anlegergerecht" gewesen, urteilte der BGH.

Sensibilität der Banken

Das Bond-Urteil ist den Bankern seinerzeit so ins Mark gefahren, dass eine Schwemme an Erfassungsbögen und Geschäftstypisierungen folgte. Für Bankhaftungsspezialisten steht fest: Die Geldinstitute konzentrieren sich lieber auf die Beschränkung der Haftungsrisiken als auf eine optimale Anlageberatung. "Die Sensibilität der Banken wächst, es wird alles getan, um die Haftung zu reduzieren. Risikogruppen sind da natürlich sehr hilfreich", beobachtet etwa der Börsensachverständige Dietmar Vogelsang aus Bad Homburg. "Leider verführt das Schubladendenken aber dazu, im Einzelgespräch nicht deutlich genug auf die Börsenrisiken hinzuweisen."

Eine handfeste Aufklärung würden die Banken dann leisten, wenn sie klipp und klar sagten, in welcher Höhe beim angepeilten Geschäft Verluste möglich sind. Doch so weit geht in Sachen Aufklärung kaum eine Bank, obwohl die Risiken in bankinternen Unterlagen durchaus eindeutig in Prozentangaben ausgedrückt werden. "Macht die Bank eigene Geschäfte, dann werden die Risiken genauestens analysiert. Bis zum Kundenberater dringen diese Zahlen aber leider nur selten vor", bedauert Vogelsang. Stattdessen bekomme der Kunde fast nur noch Aufklärung nach dem Schubladenprinzip, entsprechend seiner Risikogruppe.

Eigeninitiative ist gefragt

Anlagekunden sollten daher zunächst eine persönliche Beratung einfordern. Mit der kommentarlosen Einteilung in eine Risikogruppe sollte sich niemand abspeisen lassen. Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel hat unmissverständlich klargestellt, dass die Einstufung in Risikogruppen und die zugrunde liegenden Kriterien dem Kunden mitzuteilen sind. Und das Aufsichtsamt hat auch festgelegt, dass sich die Banken an eine einmal vorgenommene Einstufung zu halten haben. Wünsche der Kunden nach riskanteren Abschlüssen dürfen danach erst nach einer weiteren Aufklärung ausgeführt werden.

Ärger über Banken, die eine konkrete Order nicht sofort umsetzen, ist daher fehl am Platz. Wem eine Anlage in ei-ner höheren Risikogruppe verweigert wird, der sollte sich zusätzlich beraten lassen. Ebenfalls möglich, aber riskanter, ist der deutliche Verzicht auf weitere Gespräche bei der Bank. "Wer zocken will, muss es nur sagen", meint etwa Jörg Jäger, Anlagespezialist der Dresdner Bank. "Wir halten schriftlich fest, dass Beratung angeboten und abgelehnt wurde. Dann kann es losgehen." Auf eine mögliche Haftung der Bank sollten Kunden im Verlustfall dann aber besser nicht bauen.

Abseits der sicheren Piste

Eher außerhalb der sicheren Börsenpiste und im Zweifel auf eigene Gefahr fahren Anleger auch dann, wenn sie ihre Geschäfte über Direktbanken und so genannte Discountbroker abwickeln. Hier gibt es zumeist keine Beratung, dafür aber reichlich Fragebögen und Risikogruppen, denn die Discounter schulden ihren Kunden zumindest ein gewisses Maß an Aufklärung. Was die Kunden hier erwarten dürfen, ist derzeit heftig umstritten. Umso strenger halten es die Discountbroker mit ihren Risikokategorien und verzichten im Zweifel auf einen Geschäftsabschluss. So verhält sich die Commerzbank im Direktbank-Bereich strikter als in ihrem Beratungsgeschäft. Ist ein Anlagekunde hier erst einmal in einer Kategorie einsortiert, dann verweigert der Bankcomputer automatisch alle Geschäfte übergeordneter Kategorien, bis weitere Aufklärung erfolgt ist.

*Name von der Redaktion geändert.

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