Wertpapierhandel Meldung

Anlegergeld abgeschöpft: Sobald das Konto des Börsenlaien leer ist, sind die Vermittler nicht mehr zu sprechen.

Vermittler von Termingeschäften zocken Börsenlaien mit überhöhten Gebühren ab.

Glaubt man den Verkäufern von Terminvermittlungsfirmen, dann ist es ein Leichtes, in kurzer Zeit an den Börsen dieser Welt viel Geld zu machen. Steuerfrei und ohne jedes Risiko, versteht sich. Alles, was ein Anleger tun muss, ist schnell reagieren und Geld überweisen, wenn der Vermittler telefonisch meldet: "Heute habe ich einen Supertipp für Sie. Setzen Sie 50.000 Mark auf Rinder an der Chicagoer Börse. Damit fahren Sie in nur drei Monaten einen Spitzengewinn ein."

Arglose Anleger vertrauen dem Anlageprofi, der ihnen sagt, wie viel Rinder, Zucker, Gold, Devisen oder Aktienindizes zu einem bestimmten Termin wert sind. Doch das ist reine Spekulation. Und selbst, wenn der Tippgeber den Rindermarkt einigermaßen richtig einschätzt, kann der Preis für Rinder zum festgelegten Termin doch kurzfristig einbrechen. Vielleicht wurde gerade ein krankes Rind entdeckt und die Angst der Verbraucher vor Rinderwahnsinn lässt die Preise ins Bodenlose fallen. Der Terminanleger muss trotzdem zum vereinbarten Termin verkaufen und kann nicht warten, bis sich die Angst der Verbraucher legt und sich der Markt erholt. Das ist der Witz bei der Spekulation auf einen bestimmten Termin. Die Verlustgefahr ist also groß.

Der Anleger kann natürlich auch Glück haben. Vielleicht steigt die Nachfrage und damit der Preis für Rinder zum richtigen Termin, weil die Verbraucher nach der Einführung europaweiter BSE-Schnelltests wieder Rindfleisch essen. Dann macht der Anleger an der Börse Gewinn.

Vermittler machen Kasse

Doch einstecken kann er das Geld noch lange nicht. Denn die Vermittlerfirmen, die die Termingeschäfte für ihn ausführen, verlangen so hohe Spesen, dass Börsengewinne fast immer aufgezehrt werden. Mit anderen Worten: Die Absahnerei über Spesen mit Futures und Optionen, wie die Termingeschäfte in der Börsensprache heißen, hat Methode. Ein Großteil des Anlegergelds verschwindet direkt in den Kassen der Terminvermittlerfirmen.

Das funktioniert so: Zunächst kassiert die Firma einen Aufschlag (Disagio) zwischen 5 und 20 Prozent auf jede Kontoeinzahlung. Zusätzlich fällt für jeden an der Börse ausgeführten Handel eine Provision von 20 bis 180 US-Dollar an. Schließlich bedienen sich die Gesellschaften noch in Form einer Gewinnbeteiligung zwischen 10 und 30 Prozent des Nettogewinns an jedem erfolgreich abgeschlossenen Geschäft.

Am Telefon erzählt der Verkäufer zwar etwas von Gewinnbeteiligung. Doch wer kann sich da schon vorstellen, dass die Gewinnbeteiligung für den Vermittler auch anfällt, wenn das Anlegerkonto sich stetig leert, weil die Spesen höher sind als die Gewinne. Wenn die Prospekte der Firmen beim Anleger ankommen, in denen durchweg auf die Gefahr des Totalverlusts wegen hoher Spesen hingewiesen wird, ist das Kind meist schon in den Brunnen gefallen. Die Risikohinweise werden von den Kunden nicht mehr ernst genommen. Schließlich hatte der Verkäufer zuvor bei zahllosen Telefonaten nur von steuerfreien Spitzengewinnen ohne jedes Risiko gesprochen.

Aufklärungspflichten

Trotz der Risikohinweise in den Prospekten müssen hereingelegte Börsenlaien solche Abzockereien nicht in jedem Fall hinnehmen. Nach ständiger Rechtsprechung müssen Vermittlungsfirmen unerfahrenen Anlegern einen realistischen Eindruck der Eigenarten und Risiken von Börsentermingeschäften vermitteln.

Auch flüchtige Leser müssen in deutlicher unmissverständlicher Form darauf hingewiesen werden, dass hohe Vermittlungsprovisionen Gewinne auffressen können. Sie müssen erkennen können, dass die Wahrscheinlichkeit, insgesamt einen Gewinn zu erzielen, mit jedem Geschäft abnimmt.

Kick-back-Vereinbarung

Nicht nur die Vermittlungsfirma, deren Verkäufer den Kunden anrufen, sahnt kräftig ab. Auch die Börsenmakler, die Broker, die im Auftrag der Vermittlungsfirma kaufen und verkaufen, kassieren Geld. Auf jeden Fall muss die Vermittlungsfirma ihren Kunden aufklären, wenn sie mit dem von ihr beauftragten Broker stillschweigend eine so genannte Kick-back-Vereinbarung getroffen hat: Der Broker stellt dem Kunden überhöhte Gebühren in Rechnung und zahlt einen Teil der Gebühren an die Vermittlungsfirma zurück (kick back). Eine solche Annahme von Vorteilen verstößt gegen das Wertpapierhandelsgesetz, erklärt der Münchener Rechtsanwalt Martin Arendts. Er sieht hier eine klare Schädigungsgefahr für den Kunden. Vermittlungsfirmen, die Kick-back-Vereinbarungen verschweigen, verstießen gegen ihre Aufklärungspflichten gegenüber dem Kunden.

Spesenreiterei

Kick-back-Vereinbarungen bieten Vermittlern und Brokern zudem einen starken Anreiz, durch übermäßiges Handeln zusätzliche Provisionen zu schinden. Gebührenschinderei ­ in der Fachsprache Churning ­ nennt man diese Methode windiger Firmen, die mit dem Geld ihrer Kunden ohne Rücksicht auf Verluste gleich mehrmals täglich handeln, um möglichst viele Extragebühren zu kassieren. Immer mehr Gerichte sprechen Anlegern Schadenersatz zu, wenn sie exzessives Handeln zulasten der Kunden feststellen. Allerdings gibt es bisher keine einheitliche Formel, wann Churning vorliegt.

Ein deutlicher Hinweis auf Gebührenschinderei ist laut Rechtsanwalt Arendts das In- und Out-Trading (rein und raus aus dem Markt): Gerade gekaufte Werte werden innerhalb kürzester Frist wieder verkauft, obwohl in der Zwischenzeit keine neuen Informationen zu dem Papier bekannt wurden.

Besonders teuer wird es, wenn derselbe Wert für einen Kunden ohne besonderen Anlass gleich mehrfach ge- und verkauft wird (Switchen). Beim ersten Verdacht auf Switchen sollten Anleger zu einem Rechtsanwalt gehen und sich wehren.

Deutlich auf Churning weisen auch Geschäfte hin, die lediglich für Broker und Vermittler Vorteile bringen, für den Anleger aber wirtschaftlich sinnlos sind. Ein Indiz dafür sei, wenn eine Vermittlungsfirma ein Wertpapier für einen Kunden verkaufe und das gleiche Papier gleichzeitig für einen anderen Kunden mit vergleichbaren Anlagezielen kaufe, erklärt Arendts.

Ein extremer Fall ist das "Rundschicken", bei dem ein Verwalter ein Wertpapier zwischen den ihm anvertrauten Kundendepots hin- und herschickt. Das löst jedes Mal eine Kommission für den Vermittler aus.

Spesenschinderei ist bei vielen Terminvermittlungsfirmen in Deutschland gang und gäbe. Besonders unseriöse Firmen veranstalten sogar Wettbewerbe für ihre Telefonverkäufer: Gewinner wird, wer zulasten des Kunden die meisten Kommissionen abgezockt hat.

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