Werbung in Apotheken

Werbung in Apotheken: Fragwürdige Versprechen

27.12.2012
Werbung in Apotheken - Fragwürdige Versprechen

Sie haben ein gutes Image. Doch so mancher Apotheker dekoriert sein Schau­fenster mit fragwürdiger Werbung, wie eine Fotorecherche zeigt.

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Es sind Zahlen, von denen Politiker nur träumen können: Fast 90 Prozent der Bundes­bürger sprechen in Umfragen Apothekern ihr Vertrauen aus. Gut 70 Prozent holen sich bei kleineren Beschwerden in der Apotheke Rat, jeder Zweite informiert sich dort über Gesund­heits­themen.

Ein gutes Image bedeutet auch Verantwortung. Nicht immer werden Apotheker ihr gerecht, wie ein Blick in die Schau­fenster zeigt. Die Stiftung Warentest wollte wissen, wie Vor-Ort-Apotheken es mit der Arznei­mittel­werbung halten. In vier Städten fotografierten wir exemplarisch von März bis September 2012 Schau­fenster von 28 Apotheken. Die Werbung ließen wir von einem Juristen und einem Arznei­mittel­experten begut­achten. Ergebnis: Juristische Verstöße fanden wir wenige, und diese waren nicht schwerwiegend. Apotheker bewerben aber auch Medikamente, deren medizi­nischer Nutzen fehlt oder zweifelhaft ist. Manch markt­schreierische Werbung zeugt von mangelndem Gespür für die ethische Verantwortung beim Thema Gesundheit (Beispiele siehe Fotos). Sachlich-neutrale Aufklärung ohne Kauf­anreiz war kaum zu finden.

Vitaminpillen-Werbung für Schüler

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Pillen statt Obst.

Besonders bedenk­lich: wenn schon Kinder zu künftigen Kunden heran­gezogen werden. Mehrere Apotheken warben zur Einschulungs­zeit für Vitamin- und Mineral­stoff­präparate, um Eltern zu suggerieren: Kinder brauchen diese Mittel, um leistungs­fähig zu sein. Völliger Unsinn, weil es bei Kindern in Deutsch­land keinen Vitamin- und Mineral­stoff­mangel gibt. Hilf­reich wären Tipps für gesunde Pausenbrote und genug Obst und Gemüse auf dem Speiseplan. Statt­dessen lautet die Lektion: Die Anforderungen des Lebens packt man nur mithilfe von Pillen.

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Geschäft mit der Angst.

Auf diese Haltung baut auch manche Botschaft für pflanzliche rezept­freie Psycho­pharmaka. Der Wirk­stoff Lavendelöl im Mittel Lasea soll „ängst­liche Unruhe“ beseitigen – die aktuelle Studien­lage lässt daran zweifeln. Zudem wirbt der Aufsteller im Apotheken­fenster mit einem fins­teren „Gedankenkarussell“ um die Sorgenthemen „Krankheit – Arbeits­platz – Familie“. Diese hoch­emotionale Ansprache ist fragwürdig. Stimmungen wie innere Unruhe erscheinen als behand­lungs­bedürftig, obwohl sie nicht immer Krank­heits­wert haben. Und liegen doch erns­tere Ursachen vor, können sie durch Selbst­medikation verschleppt werden.

Nur für rezept­freie Mittel erlaubt

Hinter solchen Strategien stehen hand­feste wirt­schaftliche Interessen der Pharma­hersteller. In der Öffent­lich­keit dürfen Hersteller wie auch Apotheker ausschließ­lich für rezept­freie Arznei­mittel werben. Die bescherten den Apotheken inklusive Versand­handel im Jahr 2011 immerhin etwa 14 Prozent des Gesamt­umsatzes: 5,6 Milliarden Euro. In einer Umfrage geben fast drei von vier Apothekern an, dass der OTC-Bereich („over the counter“ – ohne Rezept über den Laden­tisch) fürs Geschäft immer wichtiger wird. Zugleich sehen sich Vor-Ort-Apotheken im Wett­bewerb mit den immer erfolg­reicheren Internet­versendern und – bei nicht apotheken­pflichtigen Mitteln – mit Drogerie- und Supermärkten. Auch der Wett­bewerb zwischen den Apotheken spielt eine Rolle. Das sind genug Gründe für intensive Werbung.

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Spiel mit Vertrauen. Einige Patienten halten ehemals rezept­pflichtige Mittel wie Omep akut für besonders wirk­sam. Diese Werbung fördert sorglose Selbst­medikation.

Beliebte Objekte sind Medikamente, deren Verschreibungs­pflicht aufgehoben wurde. Einige Verbraucher halten ehemals rezept­pflichtige Mittel für besonders wirk­sam. So wird das Magen­mittel Omep akut, seit 2009 rezept­frei, nun mit Millionen-Etats angepriesen. Auch wir entdeckten es im Schau­fenster . Hier wird der Vertrauens­bonus genutzt und zur leicht­fertigen Einnahme ermuntert. Omep akut ist zwar wirk­sam, nimmt man es jedoch länger als zwei Wochen, kann es schaden.

Dekorateure im Herstel­ler­auftrag

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Skurril. Das als Mund­spül­konzentrat verkaufte Öl soll Schnarcher „beruhigen“. Ein wissenschaftlicher Beleg dafür fehlt.

Insgesamt gaben die Pharma­hersteller für Werbung für OTC-Präparate im Jahr 2011 statt­liche 600 Millionen Euro aus. Ein geringer Teil fließt in die Schau­fens­terwerbung. Die Dekorateure arbeiten meist im Auftrag der Hersteller – mit deren Material und von ihnen bezahlt. Die Apotheker machen sich so zum Sprach­rohr der Hersteller. Mit der Aufgabe, patienten­orientiert zu beraten, verträgt sich das schlecht. Doch die Ausgaben für eigene, unabhängige Dekorateure scheuen die meisten. Apotheker investieren im Schnitt mit 20 000 Euro nur etwa 1 Prozent vom Umsatz in Werbung, vorrangig in Zeit­schriften und Flyer.

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Teuer. Das Venen­mittel Antistax ist laut Stiftung Warentest wenig geeignet und mit 24 Euro für 50 Kapseln recht teuer.

Apotheker sind auch Unternehmer – das zeigt sich im Umgang mit der Werbung. Politik und Gesetz­geber müssten hier im Sinne der Verbraucher mehr seriöse Informationen fordern. Werbung für Arznei­mittel unterliegt zwar vielen Einschränkungen, doch die im Oktober 2012 – nach unserer Fotorecherche – voll­zogene Änderung des Gesetzes bestätigt die schon vorher sicht­bare Tendenz: Es bietet viele Möglich­keiten, den Verbraucher zur Selbst­medikation zu verleiten. Und die Landes­behörden scheinen sich nicht immer ausreichend um Durch­setzung und Kontrolle der Vorschriften zu kümmern. Das über­nehmen häufig Abmahn­ver­eine oder die Apotheker selbst: Sie klagen gegen ihre Mitbewerber.

Zu Risiken und Neben­wirkungen

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Unvoll­ständig. Laif 900 ist zur Behand­lung leichter Depressionen geeignet, hat aber Neben­wirkungen. Der vorgeschriebene Hinweis, dazu Arzt oder Apotheker zu fragen, ist verdeckt, der Sonderpreis sicht­bar.

Das könnte passieren, wenn der aus der Fernsehwerbung berühmt gewordene Satz fehlt: „Zu Risiken und Neben­wirkungen lesen Sie die Packungs­beilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Er ist vorgeschrieben, wenn das Anwendungs­gebiet, zum Beispiel Erkältung, genannt wird, aber keine Neben­wirkungen aufgeführt sind. In den fotografierten Schau­fens­tern war er teils verstellt. Heikel ist das etwa bei Laif 900, einem Mittel gegen leichte Depressionen. Sein Wirk­stoff Johannis­kraut mindert die Wirkung einiger Medikamente.

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Unnütze Kügelchen. Entgiften per Pille – das ist wissenschaftlich unhalt­bar und als Werbung unzu­lässig, weil das Homöo­pathikum dafür nicht über­prüft und zugelassen ist.

Gar nicht erlaubt ist die von uns entdeckte Werbung für das Homöo­pathikum Regen­aplex, das entgiften soll. Denn Homöo­pathika dürfen nicht für konkrete Anwendungen empfohlen werden, wenn sie wie Regen­aplex nur registriert, aber nicht zugelassen sind. Juristisch Angreif­bares fanden wir ansonsten kaum.

Tipp: Kunden sollten die Botschaften im Apothekenschau­fenster kritisch betrachten und daran denken: Selbst­medikation ist zum Teil ohne Nutzen und birgt Risiken – vor allem, wenn Arznei­mittel zu lang und zu hoch dosiert einge­nommen werden. Fragen Sie Ihren Apotheker – nehmen Sie den berühmten Satz ernst. Auf www.medikamente-im-test.de bewertet auch die Stiftung Warentest über 9 000 Arznei­mittel.

27.12.2012
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