Welt­verbrauchertag 2013 Meldung

Hubertus Primus, Vorstand der Stiftung Warentest.

Ein Lebens­mittel­skandal jagt den nächsten: falsch gekenn­zeichnete Bio-Eier, undeklariertes Pferde­fleisch in Rinder-Bolognese und verseuchtes Tierfutter. Was Verbraucher tun können und wie die Stiftung Warentest Verbrauchern bei ihren Kauf­entscheidungen hilft, erklärt der Vorstand der Stiftung Warentest Hubertus Primus anläss­lich des heutigen Welt­verbraucher­tages auf test.de.

test.de: Viele Menschen fragen sich, ob sie mit dem Kauf güns­tiger Lebens­mittel – etwa beim Discounter – den Schlampereien in der Produktion nicht noch Vorschub leisten. Gilt tatsäch­lich die Regel „billig gleich schlecht“?

Hubertus Primus: Nein. Unsere Tests belegen diese Regel nicht. Wir finden bei den Discountern immer wieder qualitativ hoch­wertige Produkte zu güns­tigen Preisen. Das gilt auch für viele Artikel, die unter Eigenmarken des Handels wie etwa ja!, Gut & Günstig, oder Tip verkauft werden. Zwischen den Anbietern tobt allerdings ein knall­harter Wett­bewerb, den Hersteller und Zulieferer zu spüren bekommen. Und da besteht natürlich die Gefahr, dass der Hersteller am falschen Ende spart oder der Zulieferer für sein Natur­produkt nicht mehr angemessen entlohnt wird.
Ungeachtet aller Lebens­mittel­skandale waren Lebens­mittel noch nie so sicher wie heute. In unseren Tests der letzten 10 Jahren haben wir sinkende Belastungen mit Keimen fest­gestellt, und die Nähr­werte haben im Mittel auch nicht abge­nommen.

test.de: Auch wenn die Billigware in der Regel qualitativ in Ordnung ist, greifen immer mehr Menschen zu Bio-Produkten. Dürfen Sie hier auch tatsäch­lich bessere Qualität erwarten?

Hubertus Primus: Das kommt darauf an. Biofleisch hat keine bessere Qualität als Fleisch aus konventioneller Tierhaltung. Da hat die Rasse des geschlachteten Schweins mehr Einfluss auf die Qualität des Fleisches als die Frage Bio oder nicht. Die Motivation, Biofleisch zu kaufen, kann aber daher kommen, dass der Einzelne etwas für eine artgerechte Tierhaltung und den Tier­schutz tun will. Und das ist ja auch ein Qualitäts­kriterium.
Obst und Gemüse aus biologischem Anbau ist größ­tenteils frei von Pestizid­rückständen. Die finden wir bei konventioneller Ware viel öfter.
Bei weiterver­arbeiteten Produkten, wo nur ein Bestand­teil das „Bio“ bean­spruchen kann, ist „Bio“ auch nur bedingt Qualitäts­kriterium. So hat zum Beispiel ein „Bio“-Capuccino im Test schlecht abge­schnitten, ein anderer war dagegen Testsieger (Cappucinopulver aus test 06/2006).

test.de: Unabhängig von der Qualität der Lebens­mittel beschäftigt die Menschen die Frage, wie ihr Essen hergestellt wird. Wie kommt man dieser Frage auf die Spur?

Hubertus Primus: Es geht um die ethische, soziale und ökologische Ausrichtung von Unternehmen, neudeutsch Corporate Social Responsibility, kurz CSR. Konkret geht es dabei um die Frage, ob ein Unternehmen die Verantwortung dafür über­nimmt, wie, wo und unter welchen Bedingungen ein Produkt hergestellt und vertrieben wird. Mehr dazu finden Sie auf unserer Themenseite Unternehmensverantwortung.
Im Visier ist die ganze Produktions­kette vom Anbau von Pflanzen oder der Zucht von Tieren bis zum Angebot im Laden. Nehmen wir das Beispiel Kaffee. Weiß der Anbieter, wo und unter welchen Bedingungen der Kaffee angebaut wurde? Nimmt er Einfluss darauf, dass dabei Umwelts­tandards einge­halten und die Kaffee­bauern fair entlohnt wurden? Wie sieht es dann in der Rösterei aus? Unter welchen Bedingungen wird dort gearbeitet? Letzt­endlich endet eine solche Kette bei der Situation der Beschäftigten in Deutsch­land, die mit dem Produkt zu tun haben (mehr dazu im Test Kaffee-CSR aus test 05/2009).
Aus dem Beispiel wird deutlich, wie aufwändig ein solcher CSR-Test ist, die Kosten liegen meist um das Doppelte über den Kosten des begleitenden Warentests. Drei Warentests im Jahr ergänzt die Stiftung Warentest durch einen CSR-Test. Dabei prüfen wir die CSR-Kriterien immer am Maßstab des Produkts aus dem Warentest. Es gibt also keine CSR- Bewertung für den Sport­schuh­hersteller, sondern eine CSR-Bewertung für die Produktion des im Test befindlichen Sport­schuhs (siehe Laufschuh-CSR aus test 06/2009).

test.de: Wie kann man als Verbraucher selbst erkennen, ob ein Lebens­mittel gut oder weniger gut ist?

Hubertus Primus: Geruch, Geschmack und Aussehen sind bei frischer Ware schon ein guter Maßstab. Ansonsten ist das schwierig, wenn nicht gerade einer unserer Testsieger im Regal liegt. Wer auf Bio- oder fair gehandelte Produkte Wert legt und hohe Ansprüche hat, sollte auf einschlägige Siegel achten, wie zum Beispiel das EU-Biosiegel, das Demeter-, Bioland- oder Fairtrade-Siegel. Eine Über­sicht finden Sie in der Meldung Bioprodukte: Keine Packung mehr ohne EU-Siegel.

test.de: Kontrolle und Verläss­lich­keit – wie gut funk­tionieren die Systeme hier­zulande?

Hubertus Primus: Bei allen recht­lichen Schwierig­keiten wäre es sinn­voll, wenn bei Lebens­mittel­skan­dalen schwarze Schafe auch benannt, also betroffene Unternehmen öffent­lich gemacht würden. Das hilft nicht nur den Verbrauchern, sondern auch korrekt arbeitenden Unternehmen, die sonst leicht unter General­verdacht geraten. Ansonsten werden nationale Kontrollen immer schwieriger, weil welt­weit über Kontinente hinweg produziert und kriminelle Energie entfaltet wird.
Die Anzahl der Lebens­mittel­kontrolleure zu erhöhen ist sicherlich sinn­voll, ebenso eine Verbesserung der Zusammen­arbeit zwischen den Bundes­ländern. Wunderdinge sind nicht zu erwarten, weil es eben oft kein rein nationales Problem mehr ist.
Als Stiftung Warentest sind wir keine Lebens­mittel­aufsicht, regel­mäßige Kontrollen gehören nicht zu unseren Aufgaben. Wir führen aber vergleichende Warentests durch und liefern Erkennt­nisse, wie es um die Qualitäts­unterschiede zwischen vergleich­baren Produkten bestellt ist. Das führt letzt­endlich zu einer Qualitäts­verbesserung, weil gut bewertete Produkte sich besser verkaufen, schlecht bewertete Lebens­mittel nur schlechte Markt­chancen haben.
Seit einem Jahr haben wir die Möglich­keit, jenseits des großen, umfassenden und aufwändigen vergleichenden Warentests auch kurz­fristig vergleichend zu testen. Dabei werden nur einzelne Kriterien wie zum Beispiel die Schad­stoff­belastung untersucht. Voraus­setzung ist ein öffent­liches Interesse und Hinweise auf Miss­stände. So kam zum Beispiel der Test von Adventskalendern zustande, wobei wir Mineral­ölbestand­teile in der Schokolade entdeckten.

Die Geschichte des Welt­verbraucher­tages

Den Welt­verbrauchertag gibt es seit 1983. Er findet immer am 15. März statt. Er geht zurück auf den ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy, der am 15. März 1962 in einer Rede vor dem amerikanischen Kongress erst­malig grund­legende Rechte für Verbraucher formulierte. Seitdem nutzen die Verbraucher­verbände welt­weit diesen Tag, um mit zahlreichen Aktionen auf die Rechte von Verbrauchern aufmerk­sam zu machen. Im vergangenen Jahr hatte der interna­tionale Dach­verband der Verbraucher­organisationen, Consumers Interna­tional, den Welt­verbrauchertag unter das Motto „Our Money, our rights“, gestellt. In diesem Jahr lautet das Motto „Consumer Justice Now!“

Tipp: Auf test.de finden Sie regel­mäßig Informationen zu Verbraucher­rechts­themen auf den Kategorie­seiten:
Rechtsgebiete: Rechts­themen von Anle­gerrecht bis Wohnungs­eigentums­recht
Recht allgemein: Anwalt, Rechts­beratung, Prozess­kosten­hilfe und mehr

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