Über Deutschland schwappt eine Wohlfühlwelle. Immer mehr Gestresste interessieren sich für Wellnessurlaub. Wir haben das Verwöhnpotenzial von 22 deutschen Hotels getestet.

Es ist gar nicht so einfach, nach einer stressigen Arbeitswoche mal schnell ein Wellness-Wochenende einzulegen. Nach einer Reihe von Absagen („ausgebucht“) hat es im Strandhotel im Ferienzentrum Weissenhäuser Strand dann aber doch noch geklappt. Allerdings mit Einschränkungen. „Ich kann Ihnen nur noch die 'Stranddistel' anbieten“, sagte die Dame von der Wellnessoase des Hotels.

Stranddistel? So heißt dort ein spezielles „Wohlfühlprogramm“ – nicht gerade ein Vertrauen erweckender Name. Moorpackung, Rückenmassage und das nach Zitrone und Tee duftende Bad waren dann aber sehr entspannend. Wellness für Einsteiger. Das Ambiente könnte aber stilvoller sein. Die schmalen Massagekabinen und die nüchternen, hell gefliesten Bäder verströmen eher den Charme einer Kurklinik als den einer Wellnessoase. Da hilft auch eine gipserne Venusfigur nicht viel. Vom edlen Design und den teuren Materialien luxuriöser Wohlfühltempel, die Fernsehen und Hochglanzmagazine allenthalben vorführen, ist hier kaum etwas zu spüren.

Sinnentleerter Begriff

Der Begriff Wellness, in den späten fünfziger Jahren vom amerikanischen Arzt Halbert L. Dunn geprägt, erlebt derzeit einen ungeheuren Siegeszug. Ursprünglich als Konzept einer ganzheitlichen Gesundheitsvorsorge mit dem Streben nach Harmonie von Körper, Geist und Seele entwickelt, wird das Prädikat Wellness heute jedoch allen möglichen und unmöglichen Produkten angehängt. Da gibt es zum Beispiel Wellness-Joghurt, Wellnesssocken, Wellnessgeschirr und die Stadt Baden-Baden wurde gleich komplett zum Wohlfühlort erklärt.

Dem Verband der Wellnesshotels, dessen Qualitätskriterien 42 Hotels entsprechen, macht die wachsende Beliebigkeit seines Labels zu schaffen. Deshalb wird schon eifrig an neuen Wortschöpfungen gebastelt; „well care“ oder „health care“ könnten das Rennen machen. Wichtiger als ein neuer Begriff wäre jedoch ein objektives und unabhängiges Qualitätssiegel, das die Orientierung im Wellness-Dschungel erleichterte. Denn Wohlfühl­angebote bleiben sicherlich ein Renner.

„Des isch a Markt wo kommt“, sagt die Chefin des Kronen-Hotels in Bad Liebenzell in einer ARD-Reportage, in der ihr mit dem Verbandssiegel dekoriertes Haus vorgestellt wird. Das Wohlfühl-Sortiment dieses Hotels reicht von Tibetanischer Klangschalenmassage über Farb-Chakramassage bis zu Qigong und Tai Chi. Es liegt damit voll im Trend.

Jedes zweite nur mittelmäßig

Für diesen Test haben wir mehr als 450 Hotels in Deutschland ausfindig gemacht, die sich in irgend einer Weise dem Thema Wellness verschrieben haben. Die schließlich getesteten 22 Häuser in der Kategorie bis vier Sterne erfüllen definierte Mindestanforderungen. Luxushotels mit Wellness – elf hatten wir auf der Liste – wurden aus konzeptionellen Gründen nicht getestet. Überraschenderweise entsprachen auch nur drei Häuser des Verbandes der Wellnesshotels unseren Auswahlkriterien.

Neben Schwimmbad und Sauna mussten die ausgewählten Hotels unter anderem über ein möglichst breit gefächertes Wellnessangebot verfügen. So wurden einige Etikettenschwindler, die nur halbherzig auf der Wohlfühlwelle mitschwimmen, von vornherein ausgeschlossen.

Umso erstaunlicher, dass jede zweite der getesteten Verwöhnherbergen nur mittelmäßig abschneidet, also höchstens Wellness light bietet. Von einem ganzheitlichen Konzept, bei dem Entspannung, Schönheit, Fitness und Ernährung aufeinander abgestimmt sind, ist in vielen Häusern kaum etwas zu spüren. Ganz zu schweigen von geistigen Aktivitäten. Mentale Angebote, die das Wellnessprogramm im Hotel sinnvoll ergänzen, sind die ganz seltene Ausnahme.

Mit einem klaren Konzept tritt lediglich das Parkschlösschen in der Moselstadt Traben-Trarbach an. In dem in einem herrlichen Park gelegenen Haus dreht sich alles um Ayurveda. Das reicht von Öl-Synchronmassagen über Entgiftungsbehandlungen bis zum ayurvedischen Kochkurs. Das Parkschlösschen brüstet sich damit, „weltweit das einzige Haus (zu sein), in dem die uralten ayurvedischen Prinzipien stringent umgesetzt wurden“.

Gut und preiswert

Ein weniger striktes, aber dennoch rundes Konzept hat der Falkenhof im niederbayrischen Bad Füssing. Auch wenn das Äußere es kaum erwarten lässt, bietet dieses Hotel ein modernes und wissensorientiertes Wellnessangebot, das auch jüngere Gäste anspricht. Außerdem beweist der Falkenhof mit seinen vergleichsweise günstigen Preisen, dass ein hochwertiger Verwöhnurlaub nicht nur Besserverdienenden vorbehalten ist.

Nur geringfügig teurer, aber auch etwas komfortabler ist der Angerhof im bayrischen St. Engelmar. Er bietet eine breite Wellness-Palette in schön gestalteten Räumen, die von altrömischen und orientalischen Vorbildern inspiriert sind. Einzigartig ist ein Ruheraum in einem originellen Salzstollen.

Das Romantikhotel Zur Bleiche besticht mit seiner stilvollen Ausstattung. Der aus mehreren Gebäuden bestehende Komplex, schön an einem Spree-Fließ mit kleinem Hafen gelegen, verströmt überall Behaglichkeit. Besonders gelungen ist der in einer attraktiven Halle gelegene Pool mit Kamin, umfangreichem Sauna- und Warmbadebereich. Ein weiterer Pluspunkt ist die anerkannt gute Küche in den acht Hotelrestaurants.

Noch einen Tick besser hat die Bade- und Saunalandschaft im Hotel Reppert im Schwarzwald abgeschnitten. Auch hier haben der Orient und das alte Rom bei der Gestaltung Pate gestanden.

Die vier Komfortsterne, mit denen sich viele der getesteten Häuser schmücken, konnten wir aber nicht vergeben. Nach den Kriterien der Stiftung Warentest bieten die meisten Hotels guten Komfort (drei Punkte), ein paar auch etwas mehr. Zu vier Punkten als Ausdruck für hohen Komfort hat es aber nicht gereicht.

Ausstattung und Behaglichkeit sind die eine, Service und Qualifikation der Mitarbeiter die andere Seite. Sie ist nicht weniger wichtig für ein rundum stimmiges Wellnessangebot. Wir haben uns deshalb von allen Hotels Qualifikationsnachweise der Mitarbeiter im Wellnessbereich geben lassen. Danach verfügen die meisten über eine Ausbildung in einem klassischen Heil- oder Kosmetikberuf, beispielsweise als Physiotherapeut.

Der Wellness-Boom hat aber auch den traditionellen fernöstlichen Heilmethoden zu einem ungeahnten Aufschwung verholfen. Plötzlich gibt es überall im Lande Spezialisten für Ayurveda, Tai Chi, Qigong und das ganze Spektrum der altchinesischen Medizin. Zwar ist die Wirksamkeit der Methoden häufig nicht nachgewiesen, aber wenn sie gut tun und keine Nebenwirkungen haben – warum nicht? Für die fernöstlichen Heilmethoden gibt es jedoch meist keinen anerkannten Abschluss. Hier reichen die Nachweise vom Wochenendkurs bis zur mehrjährigen Lehre. Objektiv bewerten lässt sich das leider nicht.

Ernüchternd waren die telefonischen Anfragen bei den Hotels. Wer wissen will, was sie bieten, wird meist mit einem Verweis auf die Prospekte abgewimmelt. Wir haben sie uns zuschicken lassen. Der Papierwust, der im Briefkasten landete, könnte häufig übersichtlicher sein und eine Preisangabe nicht schaden. Es ist sicher nicht im Sinne der Anbieter, wenn das Wohlgefühl mit der Präsentation der Rechnung schlagartig vorüber ist.

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