Porträt – Wie eine Onlinetrainerin arbeitet: „Ich kann die Fragezeichen hören“

Weiterbildung zum Onlinetrainer Test

Lange arbeitete Inga Geisler als Präsenztrainerin für IT-Anwendungen, dann entdeckte sie den virtuellen Klassenraum. Heute unterrichtet sie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation via Internet und coacht künftige Onlinetrainer.

Virtueller Klassenraum als Arbeitsplatz

Früher konnte IT-Trainerin Inga Geisler an den Gesichtern der Kursteilnehmer ablesen, ob diese eine Excel-Funktion verstanden hatten oder nicht. Heute sieht sie die Fragezeichen nicht mehr, aber sie kann sie hören. „Ich erkenne am Tonfall, ob jemand verunsichert ist“, sagt die 40-Jährige.

Seit sechs Jahren ist Inga Geislers Arbeitsplatz ein virtuelles Klassenzimmer. Von ihrem Büro in Overath bei Köln unterrichtet die zweifache Mutter das komplette MS-Office-Paket via Internet. Ausgestattet mit Kopfhörer und Mikrofon, neudeutsch Headset, schult Geisler die Teilnehmer, die verstreut in ganz Deutschland an ihren Computerbildschirmen sitzen. „Der Wechsel vom Präsenz- zum Onlineunterricht war für mich der ideale Weg, Beruf und Familie zu verbinden“, sagt sie.

Multitasking ist gefragt

Als Onlinetrainerin im virtuellen Klassenraum ist Inga Geisler Wissensvermittlerin und Moderatorin in einem. „Das erfordert eine hohe Konzentration“, sagt sie. Denn viele Aufgaben laufen parallel: Inhalte rüberbringen, alle Kursteilnehmer einbinden, Übungen anleiten, den Chat im Auge behalten, die Technik im Blick haben und im Fall einer Panne schnell reagieren.

„Wichtig ist, immer daran zu denken, dass die Teilnehmer mich nur über ein Standbild sehen können“, sagt die gebürtige Frankfurterin. Mimik, Gestik, Blicke – die nonverbalen Wege zu kommunizieren fehlen. Für den Unterricht bedeutet das: Klare Anweisungen geben. Was sollen die Teilnehmer jetzt tun? Und welche Werkzeuge sollen sie dafür benutzen? „Auch ich selbst muss immer erklären, was ich gerade tue, insbesondere, wenn ich mich mal zurücknehme und schweige“, erzählt Geisler. „Sonst irritiert das die Teilnehmer.“

Kleine Gruppen bevorzugt

Vor sieben Jahren begann Inga Geisler, sich mit dem Thema E-Learning zu beschäftigen. 2004 bildete sie sich zur „Expertin für neue Lerntechnologien“ weiter und merkte dabei sofort, dass die Onlinelehre „ihr Ding“ ist. Heute wird sie vor allem von Unternehmen gebucht, die ihre Mitarbeiter in Word, Excel oder Powerpoint schulen lassen wollen. Nicht mehr als sechs Teilnehmer sollten es pro Kurs sein. „Je weniger, desto besser“, sagt sie.

Ihre Erfahrungen als Onlinetrainerin gibt Inga Geisler inzwischen auch an den Nachwuchs weiter. Sie berät und coacht Trainer, die ihren Präsenzkurs in eine virtuelle Veranstaltung umwandeln wollen.

Die Anonymität auflösen

Zu Beginn eines Seminars lässt Inga Geisler jeden Teilnehmer zu Wort kommen. Vorstellungsrunden seien – wie bei Präsenzkursen – extrem wichtig, sagt sie. Berufliches, aber auch Privates sollte da Thema sein, um die Anonymität aufzulösen. Gut, wenn Standfotos aller Kursbesucher zu sehen sind. Webcams, also am Computer installierte Kameras, müssen nicht sein, findet Inga Geisler: „Bewegte Bilder lenken von den Inhalten ab.“

Für Privates muss im Kursverlauf immer mal wieder Platz sein. Denn etwas ganz Entscheidendes für das „Socializing“ der Teilnehmer untereinander fehlt bei dieser Lernform: gemeinsame Pausen.

Nichts lenkt ab

Konzentriert und effizient sei das Lernen im virtuellen Klassenraum, sagt Inga Geisler, denn: „Es gibt nichts in der Umgebung, das ablenkt.“ Sogar Gruppenarbeiten sind möglich. Dafür gibt es virtuelle „Nebenräume“, in die Geisler zwei oder drei Teilnehmer aus der Klasse „beamen“ kann. „Dort können sie sich austauschen und ihre Ergebnisse auf ein Whiteboard schreiben, um sie später vorzutragen“, sagt sie.

Viel Gespür und eine gute Stimme

Gespür und Einfühlungsvermögen müssen bei einem Onlinetrainer stark ausgeprägt sein, meint Inga Geisler, um Unsicherheiten der Teilnehmer auch über die Entfernung zu erkennen. Auch eine angenehme Stimme und gute rhetorische Fähigkeiten seien wichtig. „Füllwörter und ‚Ähms‘ sind tabu“, sagt sie. Nicht zuletzt braucht es Begeisterung für die Technik. „Man muss kein Technikfreak sein“, sagt sie. „Aber wer Berührungsängste hat, ist hier falsch.“

Ruhe bewahren bei Technikpannen

Bei Inga Geisler ist zur Onlinelehre inzwischen ein weiteres Arbeitsfeld dazugekommen: die Moderation von Onlinekonferenzen – sogenannter Webinare – mit 100 oder mehr Teilnehmern. Dort übernimmt sie die Rahmenmoderation, kündigt die Fachreferenten an, fährt die Technik und führt den Chat.

Ob Onlinekurs oder Webinar – drei Fragen begleiten Inga Geisler dabei stets: „Bin ich zu hören? Bin ich zu sehen? Steht die Leitung?“, erzählt sie. „Das Schlimmste ist, wenn ich durch eine Technikpanne – was selten vorkommt – aus dem virtuellen Raum fliege.“ Doch auch da ist sie heute ganz Profi: „Da hilft nur: Ruhe bewahren, sich wieder einloggen und den Teilnehmern erklären, was gerade passiert ist.“

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