Weiterbildung für Versicherungsvermittler Test

Ohne Berufskenntnisse Versicherungen verkaufen? Seit Mai 2007 geht das nicht mehr.

Versicherungen verkaufen ohne berufliche Qualifikation? Seit Mai 2007 geht das nicht mehr. Dafür sorgt ein neues Gesetz. Wer als Versicherungsvermittler arbeiten will, muss Berufskenntnisse nachweisen oder bei der Industrie- und Handelskammer eine Prüfung ablegen. Welche Kurse darauf vorbereiten, zeigt die Marktübersicht der Stiftung Warentest.

Mehr als 450 000 Versicherungsvermittler ringen in Deutschland um Kunden, Vertragsabschlüsse und Provisionen, davon zwei Drittel im Nebenberuf. Bisher konnte jeder in das Geschäft einsteigen – ganz ohne berufliche Qualifikation. Nur die Anmeldung beim Gewerbeamt war notwendig. Seit Mai 2007 gelten neue Berufsregeln für Versicherungsvermittler. Auf Verlangen der Europäischen Union wurde das Versicherungsvermittlerrecht neu geregelt, um Verbrauchern mehr Sicherheit zu geben. Wer nun Versicherungen verkaufen will, muss den Industrie- und Handelskammern (IHK) seine „Sachkunde“, also Berufskenntnisse nachweisen.

Mindestqualifikation für Berufseinsteiger ist die Sachkundeprüfung Geprüfter Versicherungsfachmann der IHK. Wer mindestens zwei Jahre Berufserfahrung in der Versicherungsvermittlung hat, kann seine Sachkunde auch mit einer erfolgreich absolvierten IHK-Prüfung zum Fachberater für Finanzdienstleistungen nachweisen.

Zahlreiche Ausnahmeregelungen befreien von der Sachkundeprüfung, sodass die Zahl der Prüflinge weit weniger hoch ist als ursprünglich erwartet.

In Kursen für die Prüfung büffeln

In welchen Kursen sich Interessierte qualifizieren können, zeigt die bundesweite Marktübersicht der Stiftung Warentest. Wir haben zwölf Anbieter gefunden, die zum IHK-geprüften Versicherungsfachmann ausbilden, und drei Bildungsträger, die reine Prüfungsvorbereitungskurse anbieten. Der Weg zur Mindestqualifikation kostet zwischen 480 und 1 950 Euro. Die Kurse dauern bis zu zwölf Monate und finden häufig als Kombination aus Präsenzunterricht und E-Learning statt. Einen IHK-Rahmenlehrplan, an dem sich Kurssuchende im Hinblick auf die Lerninhalte und den Umfang der Weiterbildung orientieren können, gibt es zwar nicht, die Prüfungsinhalte kann man aber in der Versicherungsvermittlerordnung nachlesen. Der Gesetzgeber verweist außerdem auf das Programm der bisherigen Ausbildung zum Versicherungsfachmann beim Berufsbildungswerk der Deutschen Versicherungswirtschaft (BWV). 1991 wurde diese von der Branche entwickelte Qualifikation eingeführt. Das BWV-Ausbildungsprogramm sieht 222 Unterrichtsstunden vor.

Für den Fachberater für Finanzdienstleistungen gibt es dagegen einen IHK-Rahmenlehrplan. 370 Unterrichtsstunden werden dort für den Lehrstoff empfohlen. Wer bereits seit zwei Jahren Versicherungen vermittelt oder eine kaufmännische Ausbildung und ein Jahr Berufserfahrung hat, kann seine Sachkunde auch mit dieser Prüfung nachweisen. 20 Anbieter in Deutschland haben Kurse im Programm, darunter viele Industrie- und Handelskammern. Die Schulungen kosten zwischen 920 und 3 900 Euro und dauern bis zu 18 Monate. Meist finden sie in Präsenzform statt.

Qualifikation entspricht nicht der Berufspraxis

Von heute auf morgen Versicherungsvermittler sein – das geht nun nicht mehr. Wer in dem Beruf arbeiten möchte, muss erst einmal Zeit und Geld investieren. Doch Experten halten die Qualifizierungen für zu dürftig. In der Praxis bräuchten Versicherungsvermittler wie Makler und Vertreter Qualifikationen, die das Niveau dieser Weiterbildungen weit übersteigen. „Das Auswendiglernen von Produktmerkmalen reicht dafür nicht“, sagt Lars Gatschke vom Verbraucherzentrale Bundesverband. „Die Kunst besteht darin, aus den Angaben des Kunden und durch gezieltes Nachfragen den konkreten Bedarf herauszuarbeiten und einen passenden Versicherungsschutz anzubieten.“

Auch viele Bildungsträger aus unserer Marktübersicht bezweifeln, dass die Qualifizierungen, die sie ja selbst anbieten, für die Berufspraxis von Vermittlern ausreichen. Eine umfassende kundengerechte Beratung sei nach dem Lehrgang zum Versicherungsfachmann nicht möglich, heißt es bei der Wirtschaftsakademie Köln. Dort empfiehlt man, zusätzlich die Prüfung zum Fachberater für Finanzdienstleistungen abzulegen. Doch auch die Absolventen dieser Weiterbildung dürften mit ihrem Wissen schnell an Grenzen stoßen, meint die Wirtschafts- und Sozialakademie der Arbeitnehmerkammer Bremen: „Die Spartenangebote in Versicherungen sind breit und tief. Fachberater für Finanzdienstleistungen werden ihrerseits auf Spezialisten in konkreten Fällen zurückgreifen müssen.“ Und beim Fernstudienanbieter ILS heißt es: „Bestimmte riskante Anlageformen bedürfen einer intensiveren Beratung, bei der geprüfte Fachberater für Finanzdienstleistungen ohne Zusatzausbildung möglicherweise überfordert sind.“

Versicherungsberater fürchten Verluste im Ansehen

Von dem neuen Gesetz betroffen sind nicht nur die Vermittler, sondern auch die sehr kleine Gruppe der Versicherungsberater – etwa 200 gibt es bundesweit. Vor allem Juristen und Versicherungsbetriebswirte arbeiten in diesem Beruf. Berater verkaufen keine Versicherungen, sondern beraten ausschließlich – Privatpersonen wie Unternehmen. Sie prüfen und ermitteln das Risiko für ihre Mandanten, beraten und begleiten sie außergerichtlich und vertreten sie im Schadensfall. Ihre Rechtskenntnisse mussten Versicherungsberater bislang den Landgerichten nachweisen. Nun gilt für sie die IHK-Gewerbeordnung und der Sachkunde-Nachweis als Mindestqualifikation. „Das ist nicht einmal annähernd das Rüstzeug, das man für die komplexen Aufgaben in diesem Beruf braucht“, sagt Versicherungsberater Rüdiger Falken. „Viele Berater fürchten angesichts dieser Schmalspurausbildungen Ansehensverluste.“

Schwarze Schafe vom Markt verdrängen

Härtere Qualifikationsanforderungen hätte sich auch Dr. Hans-Georg Jenssen vom Verband Deutscher Versicherungs-Makler (VDVM) gewünscht – zumindest für die Berufsgruppe, die er als Geschäftsführender Verbandsvorstand vertritt. Rund 8 000 der 450 000 Versicherungsvermittler sind Makler. Im Unterschied zu den Vertretern, die den größeren Anteil unter den Vermittlern stellen, sind Makler vertraglich nicht an bestimmte Versicherungsunternehmen gebunden. Jenssen rechnet dennoch mit einem Professionalisierungsschub. „Viele Vermittler werden sich mit höherwertigen Ausbildungsabschlüssen positiv abheben wollen“, sagt er. Er vermutet auch, dass sich ihre Zahl deutlich reduzieren wird: „„Freizeit“-Vermittler werden sich mit den Mindestanforderungen an die Sachkunde schwer tun. Die neuen Berufsregeln werden dazu beitragen, schwarze Schafe zu verdrängen.“

Dieser Artikel ist hilfreich. 1650 Nutzer finden das hilfreich.