Weiterbildung Test

Bei unserem ersten Test vor vier Jahren scheiterten die Arbeitsagenturen bei der Weiterbildungsberatung. Verbessert hat sich seither nichts.

Nach der Beratung bei der Agentur für Arbeit war Ute B. so ratlos wie zuvor. Aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, hatte sich die 41-jährige Physiotherapeutin dort über Möglichkeiten der Weiterbildung informieren wollen. „Einer Kollegin wurde gerade gekündigt“, sagt Ute B. „Ich will mich unbedingt weiterqualifizieren, damit mir das nicht passiert.“ Mit ihrer Teilzeitstelle ernährt die alleinerziehende Mutter sich und ihre beiden Kinder.

Doch bei der Arbeitsagentur – per Gesetz zur Beratung in puncto Weiterbildung verpflichtet – war Ute B. an der falschen Adresse. Welche Weiterbildungen in ihrem Beruf sinnvoll sind, konnte ihr der Berater nicht sagen. Stattdessen gab es eine Adressliste der Berufsverbände. Sein einziger Kommentar zu Ute B.s Existenzängsten: Mit Hartz IV habe sie doch genauso viel Geld im Monat zur Verfügung wie jetzt als alleinerziehende Mutter mit Teilzeitjob.

Schon bei unserem ersten Test vor vier Jahren versagten die Arbeitsagenturen bei der Weiterbildungsberatung. Unsere aktuelle Untersuchung zeigt: Geändert hat sich seither nichts: „Ausreichend“ lautet unser Qualitätsurteil. Ein Berater war überfragt, weil er das Berufsbild des Ergotherapeuten nicht kannte. Ein anderer beriet in Vertretung eines Kollegen und gab zu, in diesem Fall nicht kompetent zu sein. Eine Agentur begrenzte die Beratungszeit generell auf nur 15 Minuten.

Doch nicht nur die Arbeitsagenturen, auch die anderen Beratungsstellen im Test hatten Schwächen. Das Hauptproblem: Konkrete Lösungen und Weiterbildungsstrategien für die Ratsuchenden konnten die Berater meist nicht aufzeigen, weil sie sich nicht individuell genug mit den Anliegen und Berufsbiografien unserer Testpersonen auseinandersetzten. Häufig wurden vorab zugesandte Lebensläufe im Gespräch einfach ignoriert.

Alternativen zu den Agenturen

Im Test waren neben den Arbeitsagenturen drei Industrie- und Handelskammern (IHK), vier Handwerkskammern (HWK) und fünf kommunale Beratungsstellen, darunter mit „Kobra“ in Berlin auch eine Frauenberatungsstelle. Diese Einrichtungen sind Alternativen zu den Agenturen, dem größten Anbieter neutraler Weiterbildungsbe­ratung. Denn auch sie versprechen unabhängige und kostenlose Beratungen, obwohl sie häufig eigene Kurse anbieten.

Die Kammern sind in erster Linie etwas für aufstiegsorientierte Fachkräfte und in den meisten größeren Städten präsent. Kommunale Beratungsstellen stehen jedem offen, sind aber auf die einzelnen Bundesländer höchst ungleich verteilt.

In die Beratungen haben wir 15 Menschen in verschiedenen Jobsituationen geschickt: eine Sekretärin zum Beispiel, die nach der Elternzeit zurück in den Beruf möchte, einen Elektriker, der seine Karriere ankurbeln will, einen Geisteswissenschaftler, der betriebswirtschaftliches Wissen für seinen Job braucht, oder auch die alleinerziehende Physiotherapeutin Ute B., die ihren Arbeitsplatz gefährdet sieht.

Die beste Beratung fanden wir bei einer kommunalen Stelle, bei der Bildungs- und Weiterbildungsberatung der Landeshauptstadt München. Sie wies in fast allen Punkten eine hohe Qualität auf. Nur im Prüfpunkt „Lösungen aufzeigen“ verfehlte der Anbieter diese Bewertung ganz knapp.

Der Berater dort machte zunächst eine intensive „Bestandsaufnahme“. Er nahm die Lebensläufe unserer Tester unter die Lupe („Wie kam es zu Ihren Auslandsaufenthalten?“), fragte nach der Familiensituation („Wie alt sind Ihre Kinder?“), den persönlichen Wünschen („Können Sie sich eine Führungsposition vorstellen?“) und machte auf dieser Basis Vorschläge für mögliche Weiterbildungswege. Darüber hinaus verwies der Berater auf Datenbanken im Internet für die Kurssuche, gab Tipps zu Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten, nannte Adressen für weitere Recherchen und machte unseren Testern außerdem noch Mut. Motiviert kamen die nach jeweils gut zwei Stunden von ihrem Termin zurück.

Besser zweimal beraten lassen

In unserem Test waren gute Beratungen zwar selten, aber es gab sie quer durch alle Anbietergruppen. Verbraucher sollten sich also besser zwei- als einmal beraten lassen, und zwar bei verschiedenen Anbietern. Vorsicht ist bei den Handwerkskammern geboten: Nicht alle Beratungen waren wirklich neutral. Den Beratern ging es zu oft darum, möglichst kammereigene Bildungsangebote zu verkaufen.

Bei „Kobra“ in Berlin, der einzigen Frauenberatungsstelle im Test, wurden die Bedürfnisse von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zwar berücksichtigt, doch nicht immer war die Beratung wirklich auf die Anliegen unserer Testerinnen zugeschnitten.

Zum Erfolg der Beratung beitragen können Ratsuchende, indem sie sich selbst gut vorbereiten(sieheTipps ) und im Gespräch darauf achten, dass der Berater ihre persönlichen Voraussetzungen und Vorstellungen beachtet. Denn wenn schon die Bestandsaufnahme misslingt, droht auch das Aufzeigen von Lösungen zu scheitern. Beispiele dafür sind die Arbeitsagenturen und der „Lernladen Pankow“ in Berlin.

Mehr Geld fürs lebenslange Lernen

Eine professionelle und passgenaue Weiterbildungsberatung, wie Experten sie seit Jahren fordern, ist in Deutschland noch eher die Ausnahme als die Regel. Verbraucher werden noch zu häufig allein gelassen bei der Entscheidungsfindung und Orientierung auf einem unübersichtlichen Weiterbildungsmarkt mit rund 400 000 Angeboten. Dabei ist lebenslanges Lernen heute ein Muss für ein erfolgreiches Berufsleben und die Beratung stellt wichtige Weichen. Geht es nach Bundesbildungsministerin Annette Schavan, soll sich daran bald etwas ändern. Denn die Ministerin hat ein ehrgeiziges Ziel: Künftig sollen sich mehr Menschen als bisher weiterbilden. Deutschland hinkt im internationalen Vergleich deutlich hinterher. Ihr Rezept dafür lautet: Bessere Beratung durch Qualitätsstandards und professionellere Berater und – mehr Geld für Weiterbildung.

Am 1. Dezember führt die Bundesregierung daher auf Schavans Initiative die Bildungsprämie ein(siehe Geld für berufliche Weiterbildung). Wer den Zuschuss für Weiterbildungskurse bekommen möchte, muss sich vorher beraten lassen. Der Staat will sein Geld schließlich gut angelegt sehen.

Welche Beratungsstellen zuständig sein werden, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest – vermutlich aber auch die Anbietergruppen aus unserem Test.

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