Weiterbildung Test

Die Arbeitsämter heißen nun Arbeitsagenturen. Wir haben getestet, wie sie und andere Stellen in Sachen Weiterbildung beraten. Die Agenturen schnitten am schlechtesten ab.

Sprachlich ist der Umbau der größten Behörde des Landes in ein Dienstleistungsunternehmen vollzogen: Die Bundesanstalt für Arbeit heißt seit 1. Januar Bundesagentur für Arbeit. Das Kürzel BA ist geblieben. Organisatorisch steckt die BA aber mitten im Reformprozess, wie zuletzt einige Affären in der Vorstandsetage gezeigt haben.

Unser Test zur Qualität trägerneutraler Beratungen in der beruflichen Weiterbildung passt da ins Bild. In diesem Aufgabenbereich der Arbeitsagenturen, der ehemaligen Arbeitsämter, liegen Anspruch und Wirklichkeit derzeit weit auseinander. Trägerneutrale Stellen in der Weiterbildung sind Institutionen, die Interessierten bei der Suche nach geeigneten Kursen helfen. Sie geben ihnen eine Entscheidungs- und Orientierungshilfe. Wir haben Beratungsstellen unter die Lupe genommen, die in ihrem Leitbild eine solche Leistung verankert haben und auch dann unabhängig beraten, wenn sie eigene Kurse anbieten. Neben den Arbeitsagenturen sind das Industrie- und Handelskammern (IHK), Handwerkskammern (HWK), kommunale und eigenständige Träger, Volkshochschulen sowie Frauenberatungsstellen.

Wir wollten wissen, ob die Berater den Ratsuchenden bei der Kurssuche und Entwicklung persönlicher Weiterbildungsstrategien helfen. Dazu brauchen sie Fachkenntnisse und kommunikative Fähigkeiten: Denn nur so können sie auf Basis der Interessen und Qualifikationen ihrer Gesprächspartner konkrete Vorschläge unterbreiten.

Arbeitsagenturen am Ende der Skala

Ergebnis: Ausgerechnet der größte Anbieter solch trägerneutraler Beratungen, die Arbeitsagenturen, erzielte das schlechteste Ergebnis. Schwächen zeigten aber auch andere Beratungsstellen. Das heißt, Verbraucher werden auf dem Weiterbildungsmarkt häufig allein gelassen.

Dabei hätten sie Hilfe in Form von kompetenter Beratung dringend nötig: Immer individueller verlaufende Berufsbiographien zwingen die Menschen dazu, sich eigenverantwortlich um ihre beruflichen Chancen zu kümmern. Außerdem, so fordern Bildungsexperten, sollten sie sich auch vorausschauend weiterbilden, um zukünftigen Aufgaben besser gerecht zu werden. Deshalb haben wir nicht nur die Weiterbildungsberatung für den Wiedereinstieg nach der Arbeitslosigkeit geprüft, sondern auch nach der Kinderbetreuung sowie die Fälle „Bedrohung durch Arbeitslosigkeit“ und „Aufstiegsorientierung“. Die Aufgabe, solche Beratungen anzubieten, ist den Arbeitsagenturen sogar gesetzlich vorgeschrieben worden. Sie findet sich im Sozialgesetzbuch III und ist für Verbraucher einklagbar. Doch in der Praxis erfüllen sie diese Vorgabe nicht.

Gesetzlichen Auftrag nicht erfüllt

Der Test zeigt: Nicht arbeitslos oder arbeitssuchend Gemeldete haben es schwer, überhaupt einen Beratungstermin zu bekommen. Um 28 Gespräche in den Agenturen zu führen, brauchten die Tester 57 Anläufe. So lehnten die Agenturen zum Beispiel mehrere Male ab, als Testpersonen, die in ihrem Beruf vorankommen wollten (Aufstiegsorientierung), um eine Beratung baten – obwohl sich die BA dafür ausdrücklich zuständig erklärt. In die Bewertung ist diese Zugangshürde nicht eingeflossen. Das wäre angesichts der Umbruchsituation in der BA und dem hohen Aufgabenvolumen der Arbeitsberater auch nicht angemessen. Akzeptabel ist die Missachtung des gesetzlichen Auftrags aber nicht: Die Forderung kann deshalb nur lauten, diese Lücke schnellstmöglich zu schließen.

Agenturen: Grundlegende Mankos

Trotz Ausklammerung dieses Problems kamen die Arbeitsagenturen über bescheidene Leistungen nicht hinaus (siehe Tabelle „Weiterbildungsberatung...„). Ein Besuch bei einer Agentur in Halle an der Saale offenbarte gleich beide grundlegenden Mankos der Agentur-Beratungen: Dort ging der Berater weder auf die Interessen und Qualifikationen unseres Testers ein noch erörterte er trotz mehrmaliger Nachfrage konkrete Angebote. Die finde er in der BA-eigenen Datenbank „Kurs“, versicherte der Berater. Damit beschränkte sich das 45-minütige Gespräch auf allgemeine Hinweise zu Bewerbung und Stellensuche.

Und so sah es oft aus: Die Berater gingen häufig nicht auf die persönlichen Bedingungen der Ratsuchenden ein. Und in der Mehrzahl der Fälle stellten sie ihnen keine oder keine geeigneten Kurse vor. Zwar dürfen die Berater kein konkretes Angebot empfehlen. Doch auf die Erörterung geeigneter Offerten sollten sie deshalb nicht ganz verzichten. Eine zufrieden stellende Entscheidungs- und Orientierungshilfe kam so nur in Ausnahmefällen zustande. Arbeitslose wurden von den Arbeitsagenturen besser informiert als die anderen Ratsuchenden: gerade noch „befriedigend“ statt „ausreichend“. Im Vergleich zu anderen Beratungsstellen fielen sie aber auch in diesem Bereich ab.

Ansprechend informierten die Agenturen nur über Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten. Das verwundert kaum, liegt doch zum Beispiel mit dem Bildungsgutschein das zentrale Instrument der Förderung beruflicher Weiterbildung in der Verantwortung der BA.

Das Problem der Arbeitsagenturen, die Besucherströme in geordnete Bahnen zu lenken, will die Bundesagentur in diesem Jahr angehen. Sie plant zum Beispiel, die Anmeldungen zu den Beratungs- und Vermittlungsgesprächen über ein zentrales Kundenportal zu organisieren. Bleibt abzuwarten, ob das schnell fruchtet.

Kammern nicht immer neutral

Wer weiterkommen will mit Weiterbildung, kann sich auch in den Industrie- und Handelskammern (IHK) und Handwerkskammern (HWK) beraten lassen. Nicht in jedem Landkreis, in der Regel aber in den größeren Kommunen sind die Kammern präsent. Ob ihren Beratungen aber das Attribut „trägerneutral“ zugesprochen werden kann, das sie sich auf die Fahnen schreiben, erscheint zweifelhaft: Sowohl bei den IHK als auch bei den HWK mussten unsere Tester oft feststellen, dass die Berater keine kammerfremden Kurse nannten. Gemeinsam ist beiden Kammern auch, dass sich ihre Beratungen vornehmlich an Personen richten, die in ihrem Beruf aufsteigen wollen. Diese Fokussierung auf eine Zielgruppe zeigte sich auch in den Testergebnissen: Wir schickten sowohl durch Arbeitslosigkeit bedrohte Tester als auch solche, die sich für einen beruflichen Aufstieg orientieren wollten, in die Kammern. Die „Aufsteiger“ wurden durchweg besser beraten.

Insgesamt lag die Beratungsqualität der Kammern dicht beieinander, wobei die IHK einen Tick besser abschnitten. Das lag vor allem an den Rahmenbedingungen bei den Handwerkskammern: Dort führten die Berater häufig Gespräche in offen zugänglichen Bereichen statt in separaten Räumen. So ist es für die Berater natürlich ungleich schwieriger, im Gespräch einen persönlichen Bezug zu den Ratsuchenden herzustellen.

Negativ fiel auch ins Gewicht, dass einige Tester von den HWK-Beratern gedrängt wurden, sich sofort für – ein meist kammereigenes – Angebot zu entscheiden. Mit dem Anspruch, den Ratsuchenden eine Orientierungshilfe unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Bedingungen zu geben, ist das nicht vereinbar.

Kein Geld in den Kommunen

Die kommunalen Beratungsstellen leiden am meisten unter dem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld: In den vergangenen Monaten mussten viele Stellen schließen. Niemand kann genau beziffern, wie viele eigenständige Beratungsstellen es derzeit gibt. Zusammen mit den Volkshochschulen und sonstigen Anbietern auf kommunaler Ebene haben sie aber eine wichtige Position in der Beratungslandschaft.

Auf die einzelnen Bundesländer sind kommunale Beratungsstellen höchst ungleich verteilt: Das liegt vor allem an den unterschiedlichen bildungspolitischen Konzepten. So sind zum Beispiel Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein vergleichsweise gut bestückt.

Im Unterschied dazu mussten in einigen neuen Bundesländern viele Träger aufgeben, weil zeitlich befristete Förde­rungen nicht verlängert wurden: So haben zum Beispiel Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen kaum oder gar keine kommunalen Beratungsstellen. Besser ist die Situation in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Dort werden die Stellen nicht nur mit kommunalen, sondern auch mit Landesmitteln gefördert.

Zu den Beratungen der Arbeitsagenturen und der Kammern sind kommunale und andere Stellen eine lohnende Ergänzung, zeigte unsere Untersuchung. Sie berieten zum Beispiel die von Arbeitslosigkeit bedrohten Tester wesentlich besser als die Arbeitsagenturen und die Kammern. Herausragend waren zum Beispiel die beiden Beratungen der Walter-Kolb-Stiftung in Frankfurt am Main.

Testsieger Frauenberatungstellen

Das beste Ergebnis erzielten aber die Frauenberatungsstellen, die auch zu den kommunalen Anbietern gehören. Der Zielgruppe gemäß testeten wir dort aber nur ein Modell: Wiedereinstieg nach der Kinderbetreuung. Der Grund für das gute Ergebnis hängt mit dem Beratungsansatz der Frauenberatungsstellen zusammen: Sie berücksichtigen in besonderem Maße die persönlichen Voraussetzungen der Ratsuchenden und haben den Anspruch, eher eine Orientierungshilfe als eine konkrete Berufsberatung anzubieten.

Die Beraterinnen achteten darauf, mit den Frauen Strategien für ihre Weiterbildung und ihren beruflichen Weg zu entwickeln. Meist verloren sie sich dabei auch nicht im Allgemeinen. Nur vereinzelt gingen die Beraterinnen nicht konkret genug auf das eigentliche Anliegen der Ratsuchenden ein: die Weiterbildung.

Das Dilemma

Doch Frauenberatungsstellen sind dünn gesät, in einigen Bundesländern gibt es gar keine. Dass aber ausgerechnet diese selten vorkommende Einrichtung die besten Beratungen anbietet, zeigt das Dilemma, in dem Ratsuchende stecken: Es ist derzeit einfach schwierig, eine hilfreiche, neutrale Beratung in Sachen Weiterbildung zu bekommen.

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