Der Fall AEG-Electrolux: Als Electrolux nach Polen zog

Von Nürnberg nach Olawa

2004 kündigte Electrolux an, die Hälfte seiner Fabriken künftig in Niedriglohnländer verlegen zu wollen. Die Umzugspläne trafen auch das AEG-Werk in Nürnberg. AEG war in den 1990ern von Electrolux gekauft worden. Als 2006 das Aus kam, standen 1 750 Leute auf der Straße. Rund 40 Prozent von ih­nen sind bis heute ohne Arbeit. Im Gegenzug errichtete Electrolux ein neues Werk im polnischen Olawa, einer Klein­stadt bei Breslau. Dort werden heute rund um die Uhr Waschmaschinen hergestellt, bis zu 4 700 Stück am Tag. Busse sammeln täglich die 1100 An­gestellten in einem Umkreis von bis zu 80 Kilometern vom Werk ein.

Vorteile der Sonderwirtschaftszone

Olawa liegt in einer EU-Sonderwirtschaftszone, für die ein besonders günstiges Wirtschafts- und Steuerrecht gilt. Das lockt Investoren wie Electrolux an. Unternehmen werden dort beispielsweise von der Immobiliensteuer und zu Teilen von der Einkommensteuer befreit. Zudem sind die Arbeitskosten, also Löhne und Lohnnebenkosten, in Olawa niedriger als in anderen Regionen Polens, der Slowakei oder Tschechien. Im verarbeitenden Gewerbe liegen sie in Polen bei 5,90 Euro pro Stunde – in Deutschland sind es 33 Euro. Auch der polnische Mindestlohn fällt mit rund 330 Euro im Monat niedrig aus. Electrolux zahlt seinen Angestellten deutlich mehr. 2017 laufen die Sonderkonditionen in der Zone Olawa aus. Theoretisch könnte dann der nächste Umzug anstehen.

Boykott mit Grenzen

Als das AEG-Werk in Nürnberg geschlossen wurde, boykottierten die Deutschen zunächst die Geräte von Electrolux. Der Umsatz ging leicht zurück. Es protestierten vor allem jene, die in der Nähe des Werks leben, wie der Marketingprofessor Stefan Müller von der TU Dresden analysierte. Doch der Boykott hielt nicht lang genug an, um richtig Wirkung zu zeigen. Mittlerweile steigert Electrolux die Gewinne wieder. Müllers Fazit: Nur langzeitige Umsatzeinbrüche und Imageschäden machen Firmen deutlich, dass eine Standortverlagerung Nachteile haben kann.

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