Wahltarife der Krankenkassen Meldung

Wahltarife bringen bis zu 600 Euro Ersparnis im Jahr, ­werben viele Krankenkassen. Aber so viel geben sie nur gutverdienenden Gesunden. Kranke zahlen oft drauf.

Wie soll ich mich entscheiden, meine Kasse hat 18 Wahltarife?“, schreibt Finanztest-Leser Johannes Müller. Von seiner Krankenkasse, der Barmer, hatte er das nicht erwartet. Der 34-jährige Bürokaufmann aus Berlin ist genervt: „Ist das jetzt wie bei den Telefontarifen, bei denen man ständig aufpassen muss, dass sie einen nicht über den Tisch ziehen?“

Da ist etwas dran. Seit dem Inkrafttreten der Gesundheitsreform am 1. April dürfen die Kassen eine Fülle von Wahlmöglichkeiten anbieten. Sie bringen längst nicht allen Versicherten Vorteile.

Zum Glück wird aber alles nicht so heiß gegessen, wie es die Reformstrategen gekocht haben. Johannes Müller muss gar nicht wählen, er kann einfach ganz normales Mitglied bei seiner Kasse bleiben.

Von den rund 140 überregionalen Kassen haben 24 bisher Wahltarife beim Bundesversicherungsamt angemeldet. Genehmigt waren bei Redaktionsschluss Tarife von sechs Kassen (siehe Tabelle). Hinzu kommen Angebote der AOKs, die von den Aufsichtsbehörden der Bundesländer abgesegnet wurden. Wir stellen die wichtigsten Typen von Wahltarifen vor.

Geld zurück für Gesunde

Selbstbehalt: Versicherte verpflichten sich in Selbstbehalttarifen, einen Teil ihrer Behandlungskosten selbst zu zahlen. Als Gegenleistung erhalten sie eine Prämie von der Kasse. Die Höhe von Selbstbehalt und Prämie sind nach dem Einkommen gestaffelt. Wer mehr verdient, kann mehr sparen, trägt aber auch ein höheres Risiko, falls er erkrankt. Der Selbstbehalt ist stets höher als die Prämie, die er erhalten kann.

Wählt beispielsweise ein Versicherter der Techniker Krankenkasse mit einem Jahresbruttoeinkommen von 30 000 Euro den Selbstbehalttarif, erhält er 400 Euro Prämie. Er muss Kosten bis zu 580 Euro im Jahr selbst tragen. Erkrankt er und braucht Behandlungen und Medikamente, kann er so bis zu 180 Euro im Jahr verlieren.

Beitragsrückzahlung: In Tarifen mit Beitragsrückzahlung erstattet die Kasse bis zu einem Monatsbeitrag, wenn der Versicherte ein Jahr lang keine Behandlung beansprucht hat. Geht er nur ein Mal zum Arzt, entfällt die Rückzahlung. Vorsorgeuntersuchungen darf er wahrnehmen.

Bei manchen Kassen wie der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) müssen nicht nur die Mitglieder selbst, sondern auch die mitversicherten Angehörigen über 18 auf Arztbesuche verzichten. Die Familie bekommt aber nicht mehr Geld zurück. Das macht den Tarif für Ehepaare mit nur einem Einkommen und für Familien mit erwachsenen Kindern unattraktiv.

Drei Jahre an die Kasse gebunden

Die Werbung mit „600 Euro Prämie“ führt viele Versicherte in die Irre. Diesen Betrag erreichen nur Kunden mit einem Jahresbruttoeinkommen von mindestens 42 000 Euro, die nie zum Arzt müssen. Und auch sie haben einen Nachteil: Sie geben für die Ersparnis ihr Kassenwahlrecht auf.

In Selbstbehalt- und Beitragsrückerstattungstarifen sind die Kunden für mindestens drei Jahre gebunden – an den Tarif und auch an die Kasse selbst. Selbst wenn die Kasse den Beitragssatz erhöht, haben sie kein Sonderkündigungsrecht.

Das ist ärgerlich, weil sich bei den Kassen zurzeit einiges bewegt. Bis 2008 müssen alle Kassen schuldenfrei sein – das kann Beitragserhöhungen erfordern. Gesetzliche Neuregelungen werden wohl zu vermehrten Kassenfusionen führen.

Am 1. Januar 2009 kommt der staatlich festgelegte einheitliche Beitragssatz. Dann müssen sich die Kassen im Wettbewerb stärker über Service, Kundenfreundlichkeit und spezielle Angebote zum Beispiel für die Prävention profilieren.

Auf Beitragserhöhungen, Leistungsabbau oder attraktive Angebote anderer Kassen können Versicherte nicht reagieren, wenn sie sich mit dem Wahltarif für drei Jahre an eine Kasse gebunden haben.

Zwei Notausstiege sieht das Gesetz allerdings vor: Wird eine chronische Krankheit wie zum Beispiel Diabetes oder eine Herzkrankheit diagnostiziert, kann sich der Patient in ein spezielles Behandlungsprogramm der Kasse einschreiben. Versicherte in diesen Programmen können nicht zugleich Wahltarife mit Selbstbehalt oder Beitragsrückzahlung haben.

Auch Arbeitslosigkeit, Hartz IV und andere Notlagen, in denen die Kassenbeiträge vollständig von öffentlichen Trägern gezahlt werden, berechtigen zum Ausstieg aus den Wahltarifen.

Auch für Kranke geeignet

Gesundheitsbonus: Sach- und Geldprämien für gesundheitsbewusstes Verhalten, zum Beispiel für die regelmäßige Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen oder an Kursen zur gesunden Ernährung, gibt es schon länger. Jetzt führen viele Kassen solche Angebote als Wahltarife weiter. Finanziell können die Boni für Gesundheitsbewusste mit den Selbstbehalt- und Beitragsrückerstattungstarifen nicht mithalten. Im Unterschied zu diesen kommen sie aber auch für Kranke infrage.

Meist erlassen die Kassen den Versicherten einen Teil der Praxisgebühren oder anderer Zuzahlungen.

Hausarzttarif: Alle Kassen müssen ihren Versicherten einen Hausarzttarif anbieten. Versicherte, die sich dafür entscheiden, suchen immer zuerst ihren Hausarzt auf. Nur wenn dieser sie überweist, lassen sie sich von Fachärzten behandeln.

Die Kassen versprechen sich davon Einsparungen. Im Gegenzug können sie Versicherten einen Teil der Praxisgebühren erlassen. Doch dafür lohnt es sich kaum, auf den direkten Zugang zu Fachärzten zu verzichten. Nur wenn jemand ohnehin regelmäßig zum Hausarzt geht und sich bei ihm am besten aufgehoben fühlt, kommt der Hausarzttarif für ihn infrage.

Besondere Versorgungsformen: Behandlungsprogramme für chronisch Kranke, zum Beispiel mit Diabetes, Brustkrebs, Asthma oder Herzkrankheiten, zählen zu den „besonderen Versorgungsformen“. Sie können für diese Patienten nützlich sein.

Finanziell hält sich der mögliche Gewinn zwar in Grenzen. Aber die Patienten haben zumindest die Chance, dass sich an ihrer Versorgung etwas verbessert. Außerdem geben sie ihre Wahlfreiheit nicht für drei Jahre, sondern nur für ein Jahr auf.

Alternativmedizin: Gegen Aufpreis auf den normalen Beitragssatz können Kassen die Kosten für anthroposophische, pflanzliche oder homöopathische Medikamente bis zu einer Grenze übernehmen. Bislang hat erst die bundesweit geöffnete IKK Niedersachsen Beiträge und Leistungen für einen solchen Tarif offengelegt (siehe Tabelle). Sie wartet auf die Genehmigung.

Auf Kosten der Kranken

Jeder Tarif muss sich selbst tragen, verlangt das Gesetz. Die Aufsicht soll das nach einem Jahr prüfen. Aber wie? Die Berechnungen der Kassen basieren immer auf Schätzungen. Selbst wenn eine Kasse beweisen kann, dass sie für eine Gruppe von Versicherten nicht mehr ausgibt, als sie einnimmt: Das Geld, das sie diesen Kunden auszahlt, steht nicht mehr für die Behandlung von Kranken zur Verfügung.

Und da würde es gebraucht. Sabine Becker aus dem badischen Karlsbad leidet an Diabetes: „Was hat denn das mit Sozialversicherung zu tun, wenn die Kassen mit unserem Beitragsgeld Gesunde beschenken und bei den Kranken immer mehr sparen? Ich habe nie die Chance auf eine Beitragsrückzahlung. Und gleichzeitig verweigert die Kasse mir eine Reserve-Insulinpumpe für Notfälle, weil sie zu viel kostet.“

Außerdem sieht das Gesetz vor: Wenn Kassen Geld übrig haben, müssen sie die Beitragssätze senken. Für alle Beitragszahler. Nicht nur für die Gesunden.

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