Interview: Riskant für Ältere und Kranke

Wahltarife der Krankenkassen Meldung

Über 200 gesetzliche Krankenkassen und jede mit vielen Wahltarifen: Für Versicherte ist das kaum zu durchschauen. Dr. Stefan Etgeton, Referent für Gesundheit im Verbraucherzentrale Bundesverband, rät zur Vorsicht.

Finanztest: Ist die neue Tarifvielfalt gut oder schlecht für die Versicherten?

Etgeton: Vor allem ist sie intransparent: Der Tarifdschungel, den wir in der privaten Krankenversicherung seit langem beklagen, überträgt sich jetzt auch auf die gesetzlichen Kassen.

Finanztest: Ist Wettbewerb nicht auch im Interesse der Kunden?

Etgeton: Dieser Wettbewerb geht im Grunde nur um Nebensächlichkeiten. Die Kassenwahl entscheidet sich nicht primär an Wahltarifen, sondern am Beitragssatz, bestimmten Sonderleistungen und dem Service, den eine Kasse bietet.
Finan­ziell attraktiv sind Tarife mit Beitragsrückzahlung oder Selbstbehalt ohnehin nur für junge, gesunde, gutver­dienende Versicherte. Für Familien, Ältere oder Kranke ist das uninteressant oder sogar riskant.

Finanztest: Wieso riskant?

Etgeton: Wer kränker wird, als er kalkuliert hatte, zahlt drauf. Es kann aber auch zu gesundheitlichen Risiken kommen:­ ­Finanzielle Gründe können vor allem bei Patienten mit niedrigem Einkommen ­dazu führen, dass sie nicht oder nicht rechtzeitig zum Arzt gehen.

Finanztest: Mit Wahltarifen für chronisch Kranke oder einem Hausarzttarif kann ich doch aber nichts falsch machen, oder?

Etgeton: Diese Tarife sind interessanter, gerade für kranke Menschen, und weniger riskant wegen der kürzeren Bindungsfrist. Leider ist die Qualität dieser Pro­gramme für Versicherte derzeit nicht ersichtlich. Die meisten Kassen legen noch nicht mal die Verträge offen, die sie mit Ärz­ten oder Kliniken haben. Es ist nicht auszu­schlie­ßen, dass Verträge vor allem geschlossen werden, um Kosten zu senken.

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