WM-Teilnehmer Frank­reich Meldung

Allzu viel haben Experten im Vorfeld der Fußball-WM von der Equipe Tricolore nicht erwartet – und wurden eines besseren belehrt: Die Franzosen scheiterten erst im Viertel­finale knapp an Deutsch­land. Was die Konjunktur angeht, bleibt die Über­raschung bislang aus. Die Wirt­schaft stagniert, die Arbeits­losenzahl ist hoch, die Staats­verschuldung auch. test.de zeigt jeden Tag einen WM-Teilnehmer von seiner wirt­schaftlichen Seite.

Frank­reich in Zahlen*

WM-Teilnehmer Frank­reich Meldung

Frank­reich auf der Welt­karte

Frank­reich auf der Welt­karte

  • Einwohner: 66,3 Millionen
  • Haupt­stadt: Paris
  • Währung: Euro

Das meist­besuchte Land der Welt

Frank­reich ist nach Deutsch­land und Groß­britannien die dritt­größte Volks­wirt­schaft Europas. Welt­weit liegen die Franzosen auf Platz 9. Größer sind die USA und Japan, außerdem die so genannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. In zwei Kategorien liegt die Grande Nation jedoch vorn: Erstens in ihrer Ausdehnung – kein anderes europäisches Land erstreckt sich über eine größere Fläche. Zweitens gilt Frank­reich nach offiziellen Statistiken als das meist besuchte Land der Welt. Mehr als 80 Millionen Menschen aus aller Herren Länder zieht es jähr­lich nach Paris in die Stadt der Liebe, an die Côte d’Azur, die wild-schönen Strände des Atlantik, in das Tal der Loire oder die sanften Hügel der Provence.

Schwierige Reformen

Die französische Wirt­schaft hat sich von den Folgen der Finanz­krise noch nicht erholt. Der Staat schiebt einen hohen Schulden­berg vor sich her, der weiter wächst statt schrumpft. Inzwischen sind es 1,9 Billionen Euro oder 93,5 Prozent des Brutto­inlands­produkts (BIP). Die Regierung Hollande versucht sich an Steuererhöhungen und Spar­programmen, sieht sich aber massiven Protesten aus der Bevölkerung ausgesetzt. 50 Milliarden Euro sollte das Sparpaket betragen, über das das französische Parlament im April verhandelte, Leistungen bei der Kranken­versicherung und der Rente sollten gekürzt werden. Bei den Europa­wahlen im Mai gab’s die Quittung: Die rechts­populistische Partei Front National erhielt rund ein Viertel der Stimmen. Ein weiteres großes Problem in Frank­reich ist die hohe Arbeits­losig­keit. Knapp 10 Prozent betrug die Quote zuletzt, vor allem betroffen sind junge Menschen unter 25 Jahren und ältere ab 50. Zu vieles sei reguliert, seufzen Beob­achter – und mögliche Investoren.

Die Wirt­schaft im Griff

Der französische Staat mischt auch direkt in der Wirt­schaft mit. Zwar hat Frank­reich einige Privatisierungs­wellen hinter sich und Anteile an Konzernen wie Renault, Air France, Alcatel oder der France Télécom verkauft, doch gänzlich sich selbst über­lassen will man den Kapitalmarkt nicht. Das zeigt sich unlängst am Bieterwett­streit um Alstom, den die amerikanische Firma General Electric schluss­endlich gewann – nachdem der französische Staat kurzer­hand selbst bei Alstom einge­stiegen war. Der französische Aktienmarkt hat ungeachtet der staatlichen Einflüsse in Europa jedoch eine größere Bedeutung als der deutsche. Im Markt­index MSCI Europe ist Frank­reich nach Groß­britannien das zweitstärkste Land. Zu den Schwergewichten an der französischen Börse gehören der Ölkonzern Total, der Pharma­konzern Sanofi und die Bank BNP Paribas. Aus Sicht der Anleger haben die französischen Aktien jedoch enttäuscht. Der Leit­index CAC 40 lag zuletzt bei rund 4 400 Punkten, deutlich unter dem Stand vor der Finanz­krise mit nicht ganz 6 200 Punkten. Zuzeiten der New Economy, im Jahr 2000, stand der Index sogar schon bei mehr als 6 900 Punkten.

Angebote für Anleger

Französische Aktienfonds bilden eine eigene Gruppe im Produktfinder Fonds. Bewertungen gibt es allerdings keine, weil die Gruppe Aktienfonds Frank­reich dafür nicht groß genug ist. Anleger, die sich speziell für französische Aktien interes­sieren, bekommen börsen­gehandelte Indexfonds (ETF) auf den Leit­index CAC 40. Die beiden ETF von Amundi und db x-trackers kaufen, um den Index nach­zubilden, Original­werte aus dem CAC 40. Der ETF von comstage voll­zieht die Index­entwick­lung künst­lich nach, mit einem Swap. Außerdem bietet die Gesell­schaft State Street einen Indexfonds auf den MSCI Frankreich an, den es in Deutsch­land allerdings nicht über eine Börse zu kaufen gibt. Mit 73 gelisteten Werten ist der MSCI Frank­reich jedoch breiter gestreut als der CAC 40 mit 40 Aktien.

Die Grande Nation und ihre Kinder

Während ihre Nach­barn immer weniger werden, legte die Grande Nation in den vergangenen Jahren noch zu: Frank­reich hat nach Irland und Island die höchste Geburtenrate in West­europa. 12,49 Geburten zählt das World Factbook der CIA auf 1 000 Einwohner. Zum Vergleich: Deutsch­land kommt nur auf 8,42 Geburten und liegt damit ziemlich am Ende der Welt­rangliste. In Frank­reich ist es schon seit Jahr­zehnten völlig normal, dass junge Mütter arbeiten gehen. Die Kinder­betreuung ist gut organisiert. Es gibt Krippenplätze für die ganz Kleinen. Ab ungefähr zwei Jahren können die Kinder die Vorschule besuchen, in denen sie schreiben lernen und rechnen – Fremd­sprachen kommen allerdings erst später.

Leben wie Gott in Frank­reich

Das Französische selbst wird verbreitet als Fremd­sprache gelehrt – und abge­sehen davon in zahlreichen Ländern quer über die Kontinente hinweg noch offiziell gesprochen. Darüber, dass das Französische als Sprache erhalten bleibt, wacht gestreng die Académie Française. Anglizismen beispiels­weise sind ihr ein Gräuel, weshalb die Franzosen als wahr­scheinlich einzige Nation der Welt ein ganz eigenes Wort für Computer benutzen: l’ordinateur. Unlängst haben sich die Gelehrten der Académie über das „Must Have“ mokiert. „Was für ein selt­samer Ausdruck!“ schreiben sie und stellen sich die – nicht unbe­rechtigte – Frage: „Was ist so wichtig, dass man es zwingend haben muss?“ Aus Sicht der Franzosen und der zahlreichen Verehrer der französischen Lebens­art vielleicht: Käse, Baguette und eine Flasche Vin Rouge. Der Fußball – „le foot“, wie die Franzosen ihn ganz unfranzösisch nennen – ist zwar allseits beliebt, jedoch kein Must Have (pardon!) des Savoir-Vivre.

* Quellen: The World Factbook, Thomson Reuters

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