WLan im ICE Wie gut klappt das 2.-Klasse-Surfen in der Bahn?

8

Seit Anfang des Jahres können Bahnreisende im ICE auch in der 2. Klasse kostenlos über WLan im Internet surfen. Die Stiftung Warentest hat geprüft, wie gut das in der Praxis klappt. Viele hundert Kilo­meter sind unsere Tester mit ihren Mess­geräten im ICE durch Deutsch­land gefahren, um zu ermitteln, welche Qualität das neue WLan der Deutschen Bahn bietet.

Surfen auch mit reduziertem Über­tragungs­tempo noch gut möglich

Kostenlose Internetnut­zung über WLan bietet die Bahn seit Neuestem auch ihren ICE-Kunden in der 2. Klasse an. Anders als in der 1. Klasse wird das Tempo allerdings gedrosselt, wenn das Daten­volumen 200 Megabyte über­schreitet. Die durch­schnitt­liche Daten­über­tragungs­rate lag nach unseren Messungen aber selbst dann noch bei immerhin rund 600 Kilobit pro Sekunde. Das ist deutlich mehr als die meisten Mobil­funkanbieter ihren Kunden nach Verbrauch des vereinbarten Daten­volumens zur Verfügung stellen. Bahnreisende können mit einer Daten­über­tragungs­rate dieser Qualität problemlos surfen und ihre Mails checken. Selbst Filme lassen sich bei diesem Tempo unter Umständen noch streamen – wenn auch in nied­riger Bild­qualität.

Erhebliche Tempo­schwankungen

Ob gedrosselt oder ungedrosselt – das Surftempo schwankte im Verlauf der Fahrten teil­weise erheblich. Im Extremfall kam gar keine Verbindung zum Internet zustande, des Öfteren standen unseren Testern auf der Bahn­strecke zwischen Berlin und Frank­furt am Main jedoch auch Daten­raten von bis zu rund 2,5 Megabit pro Sekunde zur Verfügung. Damit lassen sich auch problemlos Filme in gehobener Bild­qualität streamen. Durch­schnitt­lich lag die gemessene, ungedrosselte Daten­rate während der Test­phase bei rund 1 000 Kilobit pro Sekunde. Das ist immerhin nahezu die dreifache UMTS-Geschwindig­keit. In der 1. Klasse können sich Nutzer unbe­grenzt mit hohem Tempo im Netz bewegen, das heißt ohne Volumen­begrenzung. Zur Orientierung: Wer online einen Kino­film streamen möchte, benötigt in etwa ein Daten­volumen von mindestens 500 Megabyte.

Je mehr gleich­zeitig surfen, umso lang­samer gehts voran

Die Tempo­schwankungen können mehrere Gründe haben. Je mehr Fahr­gäste das zuginterne WLan nutzen, umso geringer ist die Band­breite für jeden einzelnen. Die Fahr­gäste müssen die zur Verfügung stehenden Daten­raten quasi teilen. Außerdem sind die Mobil­funk­netze entlang der ICE-Trassen unterschiedlich stark.

Externer Dienst­leister stellt das WLan im ICE bereit

Nutzt der Kunde das WLan im Zug, geht er kein Vertrags­verhältnis mit der Bahn ein, sondern mit dem Dienst­leister Icomera. Das ist ein Tele­kommunikations­ausrüster aus Schweden mit Sitz in Göteborg, der bereits mit mehreren Bahn­unternehmen in Europa zusammen­arbeitet und beispiels­weise den belgisch-französischen Hoch­geschwindig­keits­zug Thalys und die schottische Gesell­schaft ScotRail mit mobilem Internet versorgt.

Deutliche Mängel im Klein­gedruckten

In den allgemeinen Geschäfts­bedingungen (AGB) von Icomera fand unser Jurist deutliche Mängel und unwirk­same Klauseln. Die Aussagen in den AGB weichen teil­weise erheblich von den Werbe­versprechen der Bahn ab. Ein Beispiel: Die Bahn verspricht kostenloses WLan für alle in allen ICE-Zügen. In den AGB von Icomera heißt es dagegen: „Icomera stellt dem Kunden in ausgewählten Zügen der Deutsche Bahn AG mithilfe von Funk-Technologie (WLan) im Rahmen ihrer tech­nischen Möglich­keiten einen Zugang zum Internet zur Verfügung.“ Ein weiteres Beispiel: Die Bahn verspricht kostenloses WLan, ihr Vertrags­partner Icomera behält sich vor, von 2.-Klasse-Kunden Gebühren zu erheben. Beruhigend: In der Praxis ist das WLan im Zug tatsäch­lich für alle kostenlos.

Erklärung der Bahn zu den AGB ihres Dienst­leisters

Auf Nach­frage von test.de begründete ein Sprecher der Deutschen Bahn die einschränkende Formulierung – „Icomera stellt dem Kunden WLan in ausgewählten Zügen zur Verfügung“ – wie folgt: „In die im Dänemark-Verkehr einge­setzten, diesel­betriebenen ICE TD ist (...) die neue Technik nicht einge­baut worden, weil diese Züge im Laufe des Jahres außer Betrieb gehen werden. Grund­sätzlich ist die gesamte ICE-Einsatz­flotte mit der neuen WLan-Technik ausgestattet.“ Der Bahn-Sprecher stellte klar: „Das WLan in der zweiten Klasse ist und bleibt kostenlos“. Die Formulierung in den Geschäfts­bedingungen, dass sich Icomera vorbehalte, von Kunden in der 2. Klasse Gebühren zu erheben, beziehe sich auf die für 2017 geplante kosten­pflichtige Option, mit der Kunden in der 2. Klasse weiter das Internet mit hoher Geschwindig­keit nutzen können, nachdem sie ein Daten­volumen von 200 Megabyte verbraucht haben.

Fazit: Geschwindig­keit in Ordnung, AGB nicht

Das kostenlose WLan-Angebot in den ICEs ist durch­aus brauch­bar. Auch wenn Kunden in der 2. Klasse nach dem Verbrauch eines Daten­volumens von 200 Megabyte – pro Tag und Gerät – deutlich lang­samer im Netz unterwegs sind, können sie meist noch komfortabel mit ordentlicher Geschwindig­keit surfen und ihre E-Mails checken. Die Mängel in den AGB sind trotzdem ärgerlich, da diese den Nutzer irritieren können – und nicht in Einklang mit den Werbe­versprechen der Bahn stehen.

Umfrage der Verbraucherzentralen

Übrigens: Die Verbraucherzentralen würden gerne wissen, wie zufrieden Sie mit dem WLan-Angebot der Bahn sind. Sie können Ihre Meinung senden an marktwaechter@vz-rlp.de. Wie zufrieden sind Sie mit der angebotenen Internet­geschwindig­keit in der 1. und 2. Klasse und dem Daten­volumen im Rahmen Ihrer Bahnreisen? Wie gut konnten Sie nach Verbrauch des Daten­volumens noch weitersurfen? Hatten Sie Schwierig­keiten mit der WLAN-Nutzung? Fanden Sie die Nutzung des WLANs bedien­erfreundlich? Und welche Erfahrungen haben Sie mit der Nutzung von Streaming-Diensten, digitalen Spielen oder Apps während der Bahnreise gemacht?

8

Mehr zum Thema

  • Fahr­gast­rechte Bahn Entschädigung bei Verspätung, Streik, Zugausfall

    - Bahnfahrer können Entschädigung fordern, wenn sie am Ziel eine Verspätung von mindestens 60 Minuten haben – auch, wenn Streiks oder Unwetter der Grund dafür waren.

  • Fahr­radmitnahme im Zug Gut planen, entspannt ankommen

    - Bahnreisen samt Velo und Gepäck profitieren von früher und guter Planung. Empfehlungen der Stiftung Warentest für ein entspanntes Hin und Weg bei Radtouren.

  • Bahn-Fahr­karten­automat Kaputt – was nun?

    - Ist der Fahr­karten­automat am Bahnhof kaputt, können Reisende nicht einfach in den nächsten Zug steigen, so die Deutsche Bahn. Das ist nur erlaubt, wenn es keine...

8 Kommentare Diskutieren Sie mit

Nur registrierte Nutzer können Kommentare verfassen. Bitte melden Sie sich an. Individuelle Fragen richten Sie bitte an den Leserservice.

Nutzer­kommentare können sich auf einen früheren Stand oder einen älteren Test beziehen.

kaifrie am 29.09.2017 um 20:02 Uhr
WLAN Berlin Frankfurt

ich pendel seit Jahren wöchentlich zwischen Berlin und Frankfurt. Eine funktionstüchtiges WLAN kann ich leider nicht bestätigen. An den Bahnhöfen hat man kurz eine Internetverbindung und dann bricht sie zuverlässig wieder ab. Ihr Testresultat kann ich zuverlässig nicht bestätigen.

fpeters am 20.02.2017 um 19:58 Uhr
Lotterie

Komme gerade von einer Dienstreise zurück - und musste im ICE zwischen Hannover und Essen erneut aufs WLAN verzichten. Das ist mir seit Jahresbeginn schon fast bei jeder zweiten Fahrt so ergangen. Zuverlässigkeit sieht anders aus.

Testinteressierter am 20.02.2017 um 17:20 Uhr
Leider schaut test nur auf technische Aspekte II

Wer nun glaubt, dass sei alles 'Spinnerei' (was ich übrigens selber lange glaubte), der sei eingeladen, mal ein bißchen nachzulesen, welche Erkenntnisse es bereits - im Unterschied zu den Behauptungen der Industrie / Konzerne - gibt, beispielsweise auf diagnose-funk.org, buergerwelle.de oder beim Umweltinstitut München. Hochinteressante Zitate zum Komplex Mobilfunk fand ich gut verständlich zusammengefasst auf www.maes.de - Und wem diese Baubiologen bzw. Vereine nicht genügen, der führe sich mal die Resolution Nr. 1815 (2011) des Europarates zu Gemüte: "The potential dangers of electromagnetic fields and their effect on the environment". Augenöffnend!

Testinteressierter am 20.02.2017 um 17:03 Uhr
Leider schaut test nur auf den technischen Aspekt

Leider berücksichtigt 'test' (mal wieder) bei einer immer weiter um sich greifenden Technologie wie WLAN nur die rein technischen Aspekte. Leider kein Wort und Hinweis an die Leser, dass man mit diesem "Komfort unterwegs" einem weiteren fetten Elektrosmog ausgesetzt ist. Ich unterstelle den Testern keine böse Absicht, aber diese mangelnde Sensibilität und beharrliche Ignoranz ist schon sagenhaft (war in früheren Jahren mal deutlich ganzheitlicher dokumentiert). Weil die Industrie 'Standards' setzt - und alle (?) machen ja mit... Kein Hinweis auf die mittlerweile (hundertfach) vorhandenen seriösen Studien, die belegen, wie diese 'Dauerbestrahlung' durch (gepulste Mikrowellen) gesundheitsbelastend auf das 'Biosystem' Mensch wirkt... Für mich (und die immer zahlreicher werdenden) elektrosensiblen Menschen ist ein weiterer Grund, längere Strecken eher nicht mit der Bahn zu fahren.

museumswaerter am 20.02.2017 um 12:37 Uhr
nomen est omen

Hallo, wie schon whvneo schrieb, ich habe auf der Strecke Frankfurt-Leipzig und Frankfurt - Basel die gleichen Erfahrungen gemacht. Sobald der ICE durch mehr ländliche Gebiete fährt, schwankt die Signalstärke sehr. Zwar erwarte ich nicht, eine Bandbreite zu haben, um mir Filme zu streamen, mir würde schon genügen, zuverlässig mal eine kurze Recherche zu starten zu können. Aber wie schon gesagt: nomen est omen, eben 2. Klasse. Und die Zahlung für eine leistungsfähige Verbindung kommt bestimmt. Grüße aus Leipzig Karl-Heinz