Recht­lich vorsorgen

Interview: Sinn­voll ab 18 Jahren

Recht­lich vorsorgen - Vorsorgevoll­macht und weitere Verfügungen
Verena Querling, Juristin und Referentin für Pflegerecht, berät bei der Verbraucherzentrale Nord­rhein-West­falen Menschen rund um das Thema Vorsorgevoll­macht. © Markus J. Feger

Eine Vorsorgevoll­macht ist schon ab 18 Jahren wichtig. Dennoch kümmern sich Menschen oft erst ab 50plus darum. Warum das so ist, erklärt die Juristin Verena Querling.

Inhalt

Frau Querling, Sie sprechen mit vielen Menschen über die ­Vorsorgevoll­macht. ­Worum geht es dabei?

Ich stelle immer wieder fest: Viele machen keine Vorsorgevoll­macht, weil sie zu wenig darüber wissen. Oft höre ich auch: So alt bin ich noch nicht. Über­wiegend sind es die ab 50- bis 60-Jährigen, die nicht für sich selbst, sondern für ihre Eltern etwas regeln wollen. Sie sind beunruhigt, wenn diese schwer erkranken oder dement werden. Meist ist absehbar, dass die Eltern auf Dauer Unterstüt­zung brauchen. Irrtümlicher­weise ist die Vorsorgevoll­macht häufig mit den Themen Alter und Tod verknüpft.

Jede und jeder ab 18 Jahren sollte sich kümmern?

Ja, unbe­dingt. Es ist jedoch nicht leicht, jungen Menschen zu vermitteln, warum eine Vorsorgevoll­macht wichtig ist. Wer ab 18 gemütlich zu Hause wohnt, als Student oder in Ausbildung, hat in der Regel ein eigenes Konto und einen Handy­vertrag. Der Rest läuft auto­matisch. Dass ab Voll­jährigkeit die Eltern in Gesund­heits­fragen nicht mehr „auto­matisch“ für einen entscheiden dürfen, erscheint unerheblich.

Woran liegt das?

Junge Leute blenden die Themen Krankheit und ­Unfall eher aus. Das Risiko­bewusst­sein ist nicht so ausgeprägt. Plötzlich infolge eines Sport- oder Verkehrs­unfalls auf der Intensivsta­tion zu liegen und in einen Zustand irre­versibler Bewusst­seins­störung zu gelangen, stellt hohe Anforderungen an die Vorstellungs­kraft eines Menschen. Viele erkennen nicht die Notwendig­keit, für solch eine ex­treme Krank­heits­situation ­jemanden zu bevoll­mäch­tigen, der dann für einen spricht – ob Mutter, Vater, Freund oder Ehepart­nerin.

Haben Sie ein Beispiel?

Kürzlich hatte ich mit einer Familie zu tun, in der der Ehemann und Vater mit 41 Jahren beim Radfahren schwer verunglückte. Er lag mehrere Wochen im Koma, bevor er verstarb. Es gab keine Vorsorgevoll­macht. Die Ehefrau durfte daher weder mit Ärzten, der Krankenkasse oder Versicherungen etwas regeln. Sie hatte auch keine Bank­voll­macht oder Konto­zugriff. Die Pass­wörter für das Online­banking kannte sie nicht. In einer emotional extrem belastenden Situation musste sie zuerst Recht­liches klären.

Wie gelang ihr das?

Die Ehefrau wandte sich selbst an das Betreuungs­gericht, um als Betreuerin für ihren Mann alles regeln zu können. Das Gericht setzte sie als ehren­amtliche Betreuerin ein. Sie bekam einen Betreuer­ausweis und konnte diesen ihren Ansprech­part­nern vorzeigen. Mit einer Vorsorgevoll­macht wäre ihr dieser bürokratische Aufwand erspart geblieben.

Was ist, wenn keine Angehörigen zur Stelle sind?

Gibt es keine Person, die für einen Patienten da ist, wenden sich in der Regel die Klinik­ärzte an das Gericht. Das Gericht kann dann eine fremde Person beauftragen, etwa eine Berufs­betreuerin.

Und wenn es keine ­Vertrauens­person gibt?

Wer keine Vertrauens­person hat, sollte eine Betreuungs­verfügung ausfüllen. Das ist ein interes­santes Konstrukt. Darin kann jemand eine Person vorschlagen, die als Betreuer geeignet ist, vielleicht eine Nach­barin oder einen Verwandten. Auch Wünsche können formuliert werden. Eine Betreuerin oder ein Betreuer wird vom Gericht kontrolliert und hat nicht so viel Entscheidungs­freiheit wie eine bevoll­mächtigte Person. Wer keinen Namen nennen möchte, kann auch einen Betreuungs­ver­ein einsetzen. Es gibt sie in vielen Städten. Betreuungs­behörden helfen bei der Suche.

Tipp. Ihre zuständige Betreuungsbehörde finden Sie nach Eingabe der Post­leitzahl.

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137 Kommentare Diskutieren Sie mit

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Profilbild Stiftung_Warentest am 09.08.2021 um 12:41 Uhr
Unterschied in 5. Auflage

@MarkRad: Wir haben zwar an verschiedenen Stellen Verdeutlichungen vorgenommen und in der 5. Auflage die Texte aktualisiert. Wir sprechen hier von einer Aktualisierung der statistischen Zahlen, Zitate, Links, Grafiken, … . Daraus ergibt sich kein Grund, ältere Vorsorgevollmachten zu verwerfen. Die Formulare und Ausführungen aus den alten Auflagen sind nach wie vor aktuell. Die Formulare entsprechen nach wie vor den Anforderungen der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs. Wir senden Ihnen Anmerkungen zu den Änderungen per Mail zu. (TK)

MarkRad am 08.08.2021 um 14:44 Uhr
Unterschied in 5. Auflage

Die Vorlagen sind großartig. Es wäre hilfreich, wenn Sie die wesentlichen Unterschiede in den Auflagen kenntlich machen würden oder schreiben, dass es ggf. keine wesentlichen Neuerungen in der Auflage 5 gibt. Ich habe beim Vergleich nichts Wesentliches gefunden - es sind meist nur Formierungsunterschiede oder Felder, die statt 2 in einer Zeile Platz finden. Leider haben Sie in Auflage 5 einige Felder im PDF weggelassen, so dass man sie nicht vor dem Ausdruck ausfüllen kann.

Profilbild Stiftung_Warentest am 07.06.2021 um 13:23 Uhr
Ablage Vollmachten

@sunshine2021: Um Rechtsgeschäfte für die Vollmachtgebenden vornehmen zu können, muss sich die Vorsorgevollmacht in den Händen der bevollmächtigten Person befinden.
Das Risiko einer rechtsmissbräuchlichen Nutzung der Vollmacht besteht ab dem Moment der Unterschrift / Aushändigung der Vollmacht an die Bevollmächtigte. Deswegen sollte eine solche Vollmacht nur erteilt werden, wenn unter den Beteiligten ein sehr großes Vertrauensverhältnis besteht.
Sollten Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit der Bevollmächtigten bestehen, erteilt man keine Generalvollmacht und überlässt im Zweifel die Entscheidung der Beauftragung dem Gericht. In der Betreuungsverfügung kann man dann festlegen, wem nicht vertraut wird, bzw. wem man nicht als gesetzlichen Betreuer wünscht.
Auch die Betreuungsvollmacht kann der Beauftragten übergeben werden.
Bei der Patientenverfügung kann es Sinn machen, diese selbst oder durch den Ehepartner dem behandelnden Rettungsarzt / Krankenhaus zu übergeben. (maa)

sunshine2021 am 04.06.2021 um 14:51 Uhr
Ablage Vollmachten

Hallo,
ich habe für meine Eltern und mich eine Vorsorgevollmacht inkl. Patientenverfügung und Betreuungsvollmacht ausgefüllt. Alles unterschrieben und unter Dach und Fach.
Nun stellen sich aber weitere praktische Fragen:
Ist es sinnvoll, dass es die Vollmachten/Patienverfügungen meiner Eltern in doppelter Ausführung gibt (komplett unterschrieben- einmal in ihrer Wohnung, einmal bei mir)?
Da ich nicht bei meinen Eltern wohnen, hätte ich, sollte Ihnen etwas zustoßen, die Vorsorgevollmacht bei mir und wäre sofort handlungsfähig. Im Falle eines Brands bei Ihnen gingen die wichtigen Dokumente nicht verloren, da es quasi 2 "Originale" gäbe.
Allerdings: ist es nicht auch ein Sicherheitsrisiko für meine Eltern da ich allein durch "räumlichen Besitz" der Vollmachten damit Mißbrauch betreiben könnte?
Was also tun?

Eberhard-Hess am 31.05.2021 um 15:17 Uhr

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