Betreuung: Ohne Voll­macht

Kann ein Mensch nicht mehr selbst entscheiden und hat er niemanden bevoll­mächtigt, setzt das Gericht einen recht­lichen Betreuer ein.

Vorsorgevoll­macht und Patienten­verfügung Special

Bis zum Tag ihres Sturzes kam Ingrid Löffler* in ihrem Leben allein zurecht. Dann musste sie ins Kranken­haus. Neben einem Oberschenkelhals­bruch stellten die Ärzte Symptome einer Demenz fest. Zeit­weise fehlte Löffler die Orientierung und sie war verwirrt.

„Das war auch der Anlass, dass der Arzt dem Betreuungs­gericht meldete, dass die 85-Jährige vermutlich einen recht­lichen Betreuer braucht“, sagt Sozialpädagogin Mandy Garling von der Betreuungs­stelle Hamburg. Sie erstellt soziale Gutachten, wenn geprüft wird, ob ein Mensch recht­liche Betreuung braucht. Den Auftrag gibt ihr das Betreuungs­gericht, eine Abteilung des Amts­gerichts.

Eine Betreuung kommt infrage, wenn ein Mensch wegen einer Erkrankung oder Behin­derung recht­liche Entscheidungen nicht mehr treffen kann. Sie entfällt, wenn es eine Vorsorgevoll­macht gibt, die fest­legt, wer die Vertretung über­nimmt. Liegt eine klare Patienten­verfügung vor, ist zumindest für Gesund­heits­fragen keine Betreuung nötig.

Häufig kommt der Anstoß aus dem Kranken­haus: „Von rund 8 500 Anregungen für eine Betreuung im Jahr kommt von dort jede vierte“, sagt Holger Kersten, der Leiter der Betreuungs­stelle. Angehörige und Bekannte ergreifen in 14 Prozent der Fälle die Initiative. „Jeder, also auch der Betroffene selbst, kann einen Antrag beim Gericht stellen.“

Im Sinne des Betreuten

Ist eine Anregung auf Betreuung beim Gericht einge­gangen, muss es prüfen, inwieweit der Mensch nicht mehr selbst entscheiden kann. Dazu beauftragt das Gericht Sach­verständige, die Gutachten zur Gesundheit und Lebens­situation des Betroffenen erstellen.

Das medizi­nische Gutachten schreibt ein Psychiater oder Neurologe. Es klärt, wie stark der Mensch im Alltag beein­flusst ist und wie lange er voraus­sicht­lich Unterstüt­zung braucht. „Die Betreuungs­stelle kommt ins Spiel, wenn ermittelt werden soll, unter welchen Lebens­umständen der Betroffene lebt und wer die recht­liche Betreuung über­nimmt,“ sagt Holger Kersten.

Die Betreuung kann für alle Aufgaben oder für einzelne gelten. Es geht zum Beispiel um das Verwalten der Finanzen, die Vertretung gegen­über Behörden, das Organisieren pflegerischer Dienste oder das Einwilligen in ärzt­liche Behand­lungen.

Mandy Garling besuchte Ingrid Löffler zweimal, um sich ein Bild zu machen: „Beim ersten Mal in der Klinik gab sie an, nach ihrer Entlassung gut versorgt zu sein. Das stellte sich jedoch als falsch heraus.“

Deshalb besuchte sie die alte Frau nach ihrer Entlassung noch einmal in ihrer Wohnung. Dieses Mal war der Pflege­dienst dabei: „In der Situation ist es wichtig, so viele Informationen wie möglich vom Betroffenen zu bekommen. Nur so kann ich in seinem Sinne entscheiden,“ sagte Garling.

Wer Betreuer werden kann

Garling muss klären: Soll ein Mann oder eine Frau die Betreuung über­nehmen? Soll der Betreuer älter oder jünger sein?

Eine Betreuungs­verfügung hatte die Rentnerin nicht. Darin können Menschen fest­legen, wen sie bevor­zugt als Betreuer möchten, wenn es einmal nötig sein sollte. Im Gegen­satz zur bevoll­mächtigten Person durch eine Vorsorgevoll­macht muss der Betreuer dem Gericht jähr­lich einen Tätig­keits­bericht und eine Einnahme-Ausgaben-Rechnung vorlegen.

Der Vorschlag aus der Betreuungs­verfügung steht an erster Stelle. An zweiter folgen Familien­angehörige oder gute Bekannte, die dem Menschen als ehren­amtliche Betreuer unter die Arme greifen.

Vereins- und Berufs­betreuer werden einge­setzt, wenn es wie bei Löffler keine Alternative im persönlichen Umfeld gibt. Häufig betreuen Berufs­betreuer psychisch Kranke und Menschen, die durch Kauf- oder Spielsucht stark verschuldet sind. Oder sie kümmern sich um Menschen, die nur wenig Auskunft geben können, weil sie den Über­blick über ihre Unterlagen verloren haben.

„Ich werde von der Betreuungs­stelle gefragt, ob ich bereit bin, die Betreuung aufzunehmen“, erklärt Berufs­betreuerin Catherina Meier aus Hamburg. „Wenn ich zustimme, geht das wieder zum Gericht. Es dauert dann etwa drei Monate bis ich bestellt werde.“

Das gericht­liche Verfahren kann mehrere Monate oder auch nur einige Tage dauern. Schnell geht es, wenn ein Mensch verunglückt und ins Koma fällt oder einen Schlag­anfall erleidet. Dann bestellt das Gericht im Eilverfahren einen vorläufigen Betreuer. Sobald der Patient wieder selbst entscheiden kann, wird die Betreuung wieder aufgehoben.

* Name von der Redak­tion geändert

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