Erdrutsche, Unwetter, Hagel: Das sind Naturge­walten, für die ein Lokführer nichts kann. Verspätet sich die Bahn aus einem dieser Gründe, muss das Unternehmen seinen Fahr­gästen aber künftig Teile des Fahr­preises erstatten. Das hat der Europäische Gerichts­hof entschieden (Az. C-509/11). Bislang musste die Bahn in diesen Fällen nicht haften.

Richter­spruch gilt europaweit

Egal ob man in Paris, Wien oder Berlin unterwegs ist – die Fahr­preis­erstattung in Fällen höherer Gewalt gilt jetzt für alle Eisenbahn­unternehmen Europas. Das hat der Europäische Gerichts­hof (EuGH) entschieden. Verspätet sich ein Zug wegen eines schweren Gewitters oder eines Erdbebens, können Fahr­gäste künftig bis zu 50 Prozent ihres Fahr­preises zurück­bekommen. Die Höhe der Rück­erstattung ist in der EU-Verordnung über die Rechte und Pflichten der Fahr­gäste im Eisenbahn­verkehr geregelt. Demnach kann ein Fahr­gast 25 Prozent des Fahr­preises zurück­verlangen, wenn die Verspätung 60 bis 119 Minuten beträgt. Bei Verspätungen von mehr als zwei Stunden hat er Anspruch auf die Hälfte des gezahlten Fahr­preises.

Höhere Gewalt

Bislang mussten Bahn­unternehmen den Kunden nichts zurück­zahlen, wenn der Fahr­plan wegen so genannter „höherer Gewalt“ nicht einge­halten werden konnte. Höhere Gewalt wird in der Recht­sprechung als ein unvor­hersehbares und von außen eintretendes Ereignis bezeichnet, dass trotz äußerster Sorgfalt nicht verhindert werden kann. Der EuGH räumt Fahr­gästen mit dem neuen Urteil somit mehr Rechte ein. Bahn­unternehmen müssen jetzt auch bei Naturge­walten für die Verspätung haften. Die neue Regelung betrifft aber nur Reisen mit dem Zug. Reisen mit dem Flugzeug, dem Schiff oder dem Bus sind ausgenommen.

Was tun bei Verspätung

test.de gibt Tipps, wie Sie sich im Fall einer Zugverspätung am besten verhalten und welche Rechte Sie haben:

  • Zugbegleiter ansprechen. Wenn Sie in einem verspäteten Zug sitzen und die Umsteige­zeit knapp zu werden droht, dann bitten Sie den Zugbegleiter früh­zeitig, die Zentrale zu informieren, damit Ihr Anschluss­zug wartet. Je mehr Fahr­gäste sich melden, desto besser die Chancen. Fragen Sie den Zugbegleiter auch nach Alternativen.
  • Alternativen nutzen. Ist der Anschluss­zug weg, kann Ihnen das Bahnhofs­personal am „Service Point“ neue Verbindungen suchen. Wenn Sie den Zielbahnhof voraus­sicht­lich mindestens 20 Minuten zu spät erreichen würden, können Sie in vielen Fällen einen anderen Zug nutzen. Zum Beispiel einen höher­wertigen ICE anstelle eines unpünkt­lichen IC. Die für viele Fahr­karten geltende Zugbindung entfällt dann. Lassen Sie sich das möglichst von dem Bahn­personal bestätigen.
  • Plätze sichern. Wenn der Anschluss­zug mit Ihren reser­vierten Plätzen weggefahren ist, haben Sie Anspruch auf Erstattung des Reser­vierungs­entgelts. Wenn Sie im Zug stehen müssten, fragen Sie die Zugbegleiter, ob sie den kulanten, kostenlosen Über­gang in die 1. Klasse ermöglichen können.
  • Nachts stranden. Wenn Sie nachts den letzten Anschluss­zug verpasst haben, können „Service Point“ oder „3-S-Zentrale“ helfen und Ihnen zum Beispiel eine Gratis-Taxi­fahrt oder eine Über­nachtung im Hotel organisieren.
  • Entschädigung kassieren. Ab 60 Minuten Verzögerung erstattet die Bahn 25 Prozent des Fahr­preises und ab 120 Minuten 50 Prozent. Anträge dafür gibt es bei Zugbegleitern, an Service­punkten und im Internet. Stamm­kunden sollten immer ein Exemplar parat haben, um es im Falle eines Falles sofort ausfüllen zu können.
  • Beschwerde senden. Wenn Bahn­unternehmen eine Entschädigung verweigern und Sie sich unfair behandelt fühlen, kann die Schlichtungs­stelle für den öffent­lichen Personen­verkehr helfen (www.soep-online.de; Fasanen­straße 82, 10623 Berlin). Weitere Ansprech­partner kümmern sich speziell und den Regional­verkehr zum Beispiel in Nord­rhein-West­falen (www.schlichtungsstelle-nahverkehr.de). Bei Ärger hilft auch das Eisenbahn­bundes­amt.

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